Experte warnt vor Abstrichen am Hochwasserschutz

Quartierinteresse in der Stadt Bern kollidiert laut Hydrologe Rolf Weingartner mit Gesamtkonzept.

Rolf Weingartner ist Professor für Hydrologie an der Universität Bern.

Rolf Weingartner ist Professor für Hydrologie an der Universität Bern.

(Bild: Manu Friederich (Archiv))

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Herr Weingartner, ist der vom Berner Gemeinderat geplante Schutz der Quartiere vor Hochwasser übertrieben? Nein, überhaupt nicht. Ein Blick auf die Hochwasserstatistik zeigt, dass die Häufigkeit der Aare-Hochwasser und die Spitzen seit der Jahrtausendwende markant zugenommen haben. Im zwanzigsten Jahrhundert lagen die Hochwasser-Spitzen bei der Messstelle Bern-Schönau bei durchschnittlich 400 Kubikmetern Wasser pro Sekunde. Bei den beiden Hochwassern von 1999 und 2005 lagen die Spitzen bei über 600 Kubikmetern.

Von Hochwassern ist jeweils die Matte stark betroffen, der Altenberg etwas weniger. Warum braucht es denn nun auch im Altenberg­quartier eine Mauer? In Sachen Hochwasser sind Matte und Marzili zweifellos die Hotspots im Kanton Bern. Aber auch im Altenbergquartier sind Schutzmassnahmen sinnvoll. Der Altenberg liegt auch nach dem Bau der Mauer noch im blauen Bereich auf der Gefahrenkarte, das heisst in einem Bereich mittlerer Gefährdung. Der Altenberg soll mit der Mauer gegen eine Wasserdurchflussmenge von bis zu 550 Kubikmetern pro Sekunde geschützt werden, damit die Feuerwehr und andere Blaulichtorganisationen noch Zugang zu den Schadensplätzen haben.

Der Altenbergleist hält die Mauer für unnötig, weil das Schadenspotenzial im Quartier kleiner sei als in der Matte. Was ist von diesem Argument zu halten? Natürlich ist das Schadenspotenzial im Altenberg kleiner als in der dicht bebauten Matte. Aber bei den Gegnern der Schutzmassnahmen im Altenberg stehen wohl ästhetische Argumente im Vordergrund. Letztlich geht es um ein Abwägen zwischen Ästhetik und Sicherheit.

Zahl und Intensität der Hochwasser haben seit der Jahrtausendwende zugenommen. Wie beurteilen Sie die bisherigen Schutzmass­nahmen? Seit der Umleitung der Kander in den Thunersee zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts ist Hochwasserschutz im Kanton Bern ein Thema. In den letzten drei Jahrhunderten und vor allem in neuester Zeit wurde ein austariertes System entwickelt, das nicht «nur» dem Schutz der aarenahen Quartiere in der Stadt Bern dient.

Sie halten demnach nichts von Widerstand im Einzelfall? Nein, das möchte ich damit nicht sagen. Ich will nur darauf hinweisen, dass der Hochwasserschutz im Kanton Bern ganzheitlich betrachtet werden muss. Seit der Jahrtausendwende ist mit dem Bau des Stollens in Thun, der Renaturierung der Aare zwischen Thun und Bern und dem Gebietsschutz in der Stadt Bern viel aufgegleist und grösstenteils auch realisiert worden. Es ist daher kaum sinnvoll, einzelne Quartiere in der Stadt Bern aus diesem System rausbrechen zu wollen.

Der Bund

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