EWB hat den Mund zu voll genommen

Weil sein Gas künftig mehr Biogas enthält, würden seine Gaskunden automatisch das neue kantonale Energiegesetz erfüllen, versprach EWB. Die Aussage war aber voreilig.

In der Abwasserreinigungsanlage Neubrück wird der grösste Teil des Biogases für EWB gewonnen.<p class='credit'>(Bild: Adrian Moser (Archiv))</p>

In der Abwasserreinigungsanlage Neubrück wird der grösste Teil des Biogases für EWB gewonnen.

(Bild: Adrian Moser (Archiv))

Simon Thönen@SimonThoenen

Manchmal kann es ein Glück für Medienstellen von Firmen sein, wenn eine ihrer Mitteilungen nur wenig beachtet wird. So war es mit dem gemeinsamen Communiqué von Berner Gemeinderat und Energie Wasser Bern (EWB) vom 22. November, mit der die neuen EWB-Gastarife ab Neujahr angekündigt wurden. Denn diese enthielt ein Versprechen an die Kunden, das zumindest auf wackliger Grundlage stand.

Die Hauptbotschaft, die auch der «Bund» vermeldete, war: Die Gaskosten für einen Durchschnittshaushalt, der mit Gas heizt, steigen um 39 Franken pro Jahr. Dies vor allem, weil der Anteil Biogas im Standardgas-Produkt von 5 auf 10 Prozent verdoppelt wird. Für die Umwelt ist dies ohne Zweifel eine gute Sache, denn damit sinkt der Anteil des klimaschädlichen und nicht erneuerbaren Erdgases.

Gleichzeitig versprach EWB aber in einer kaum beachteten Passage, dass seine Kunden, die mit Gas heizen, automatisch das neue kantonale Energiegesetz erfüllen.

Über dieses wird das Volk im Kanton Bern am 10. Februar abstimmen. Es enthält für einen Teil der bestehenden Gebäude eine Sanierungspflicht, falls sie wieder eine Öl- oder Gasheizung einbauen wollen, wenn die alte nicht mehr funktioniert. Ist ein Haus schlecht isoliert, dann muss der Besitzer es entweder ein bisschen besser isolieren – oder er muss einen kleinen Anteil des Wärmebedarfs mit erneuerbarer Energie decken.

Voreiliges Versprechen

Auf dieses Gesetz nahm die Mitteilung Bezug. «Es sieht bei Heizungssanierungen einen erneuerbaren Wärmeanteil von mindestens 10 Prozent vor», schrieb EWB – und versprach: «Dieser kann mit dem neuen Standardprodukt mit 10 Prozent Biogas problemlos und umgehend erfüllt werden.» Falls das Gesetz angenommen wird, so die Botschaft, wäre die Minimalanforderung auch für schlecht isolierte Häuser erfüllt – sofern sie mit Gas von EWB beheizt werden.

«Diese Aussage ist etwas vorschnell», sagt auf Anfrage Ulrich Nyffenegger, Vorsteher des kantonalen Amtes für Umweltkoordination und Energie. Zwar sei es richtig, dass der Grosse Rat explizit auch Biogas als erneuerbare Energieversorgung zugelassen hat. «In welchem Ausmass und unter welchen konkreten Bedingungen wird aber erst der Regierungsrat in der Verordnung zum Energiegesetz regeln», fügt er an.

Der Grund ist: Die Kantone haben gemeinsam Musterlösungen für Sanierungen erarbeitet, die der Kanton Bern übernimmt. Biogas hat aber erst der Grosse Rat als weitere Lösung eingefügt. Nyffenegger: «Für die energetischen Sanierungen bestehender Bauten gibt es in der Musterverordnung Standardlösungen, Biogas kommt da nicht vor. Der Regierungsrat wird erst definieren müssen, was dies konkret bedeutet.»

Der Kanton Luzern, wo das Volk bereits ein neues Energiegesetz angenommen hat, kennt auch eine Lösung mit Biogas. Die dortigen Anforderungen würde das neue Standardprodukt für Gas von EWB allerdings nicht erfüllen (siehe Kasten oben).

Fernwärme ist erneuerbar

EWB räumt den Fehler auf Anfrage ein. «In diesem Fall müssen wir uns den Vorwurf gefallen lassen, vorschnell kommuniziert zu haben», teilt Sprecher Raphael Wyss mit. «Im diesbezüglichen Schreiben an die bestehenden Kunden wurde die Formulierung deshalb bereits angepasst.» Allerdings hätte EWB durchaus eine Kundengruppe erwähnen können, die in der Tat vom neuen Energiegesetz nicht betroffen ist: jene, die Fernwärme von EWB bezieht.

Die Ironie will es, dass EWB gleichentags auch eine Erhöhung der Fernwärmetarife ankündete (auf ein Preisniveau, das ein wenig unterhalb jenem für Gas liegt). Dort erwähnte EWB aber nicht, dass seine Fernwärmebezüger nicht vom neuen Energiegesetz betroffen sind, auch wenn ihr Haus bloss schlecht isoliert sein sollte.

Denn die Fernwärme wird zu 75 Prozent mit Holz und Abfallverbrennung erzeugt, was beides als erneuerbar gilt. Nyffenegger bestätigt, dass für jene, die mit EWB-Fernwärme heizen, eine Sanierungspflicht entfällt. Fernwärme ist übrigens ein Wachstumsbereich von EWB. Das Netz wird momentan auf Bern-West ausgedehnt.

Der Bund

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