Europa von Mus-e geküsst

Künstler arbeiten mit Schülern: Eine Berner Idee hat in 25 Jahren europaweit eine Million Kinder erreicht.

Mus-e war der Startschuss für ein umfassendes künstlerisches Bildungsprogramm für Kinder: Hier Schüler der 1. Klasse im Primarschulhaus Schwabgut.

Mus-e war der Startschuss für ein umfassendes künstlerisches Bildungsprogramm für Kinder: Hier Schüler der 1. Klasse im Primarschulhaus Schwabgut.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Kunst ist für Reiche und Gebildete, nicht für «gewöhnliche» Leute oder gar Kinder. Dieser Ansicht tritt das künstlerische Bildungsprogramm Mus-e entgegen, das am Wochenende in Bern sein 25-Jahr-Jubiläum feiert (Programm: www.mus-e.ch). Denn in Bern – im Muesmatt-Schulhaus – wurde die Idee 1993 geboren, die nach Europa ausstrahlt und insgesamt eine Million Kinder erreicht hat.

Krise als Chance: Die Redewendung tönt platt, doch im Fall von Mus-e stimmt sie. 1991, als die Stadt Bern von einem Schuldenberg erdrückt wurde, setzte der Finanzdirektor das Sparmesser überall an und strich dem Konservatorium Bern 300'000 Franken. Das Konsi musste zweihundert Kinder abweisen, die gern Musikunterricht genommen hätten. «Eine Katastrophe», sagt Mus-e-Mitbegründer Werner Schmitt, der seit 1988 die Abteilung Musikschule am Konsi leitete. Nie mehr sollten Kinder, die sich musikalisch betätigen wollen, so enttäuscht werden.

Doch aus der Frustration um gestrichene Mittel erwuchs viel mehr als eine Musikschule: ein umfassendes künstlerisches Bildungsprogramm für Schulen. Schmitt kannte Sir Yehudi Menuhin, den weltberühmten Violinisten, persönlich. Dessen Foundation hatte sich seit 1991 dem Ziel verschrieben, Kinder kulturell zu fördern – genau das, was Mus-e anstrebte.

Das Wort Muse liess sich nicht schützen, aber die Schreibweise Mus-e. Nun könnten alle rätseln, ob «mus» musisch oder musikalisch bedeute und «-e» europäisch oder education, sagt Schmitt. Fakt ist, dass sich Mus-e nicht auf Musik fixiert, sondern breiter aufgestellt ist. Die Idee ist, dass eine Künstlerin oder ein Künstler für ein halbes Jahr in die Schule kommt und mit der Klasse arbeitet. Da dichtet eine Schriftstellerin mit den Kindern und geht mit ihnen Wörtern auf den Grund, was besonders für Fremdsprachige hilfreich ist. Oder ein Filmer produziert ein Video, für das die Klasse die Geschichte schreibt.

Schmitt erinnert sich an Sternstunden, etwa in Portugal, wo eine Tanzaufführung gezeigt wurde, bei der auch behinderte Kinder mitmachten – lange vor der bei uns heftig geführten Diskussion um die Inklusion. «Nicht jedes Kind will sich musikalisch betätigen», sagt Schmitt, der als Cellist dafür Verständnis hat. Deshalb sei es wichtig, dass Mus-e auch Theater, Malerei, Bildhauerei, Literatur anbiete bis hin zu einem Projekt, bei dem Physik erlebbar gemacht wurde.

Fortschrittliche Berner

Im Kanton Bern waren es zwei bürgerliche Grossräte, die den Rat überzeugten, Mus-e ins Budget aufzunehmen. «Der Grosse Rat war wohl das einzige Parlament in Europa, das dies so gemacht hat», freut sich Schmitt. Je nach Staat werden Mus-e unterschiedlich finanziert.

Die Kulturschiene ermöglicht es auch Migrantenkindern aus bildungsfernen Familien, sich einzubringen, Dinge zu verstehen und sich zu beteiligen. Eltern müssen keine Schwellenangst überwinden und ihre Kinder anmelden, denn Mus-e kommt von selbst. Schmitt erinnert sich an ein Theaterprojekt im Schwabgut in einer Klasse, in der es kaum Schweizer gab. Das Projekt diene indirekt auch der Elternbildung, sagt Schmitt: «Die Migranteneltern waren im Schulzimmer und filmten stolz ihre Kinder.»

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