«Es waren immer die gleichen Namen»

Der Berner Wahlfälscher hatte eine Vorliebe für Erich Hess. Der Stadtschreiber Jürg Wichtermann sagt, wie die versuchte Wahlfälschung aufgeflogen ist.

300-mal die gleiche Handschrift: Den Stimmzählern fiel der Betrugsversuch schnell auf.

300-mal die gleiche Handschrift: Den Stimmzählern fiel der Betrugsversuch schnell auf.

(Bild: Adrian Moser (Archiv))

Naomi Jones

Rund 300 Wahlzettel sind ungültig, weil Verdacht auf Fälschung besteht. Wie wurde die Fälschung entdeckt?
Wir stellten fest, dass eine grosse Anzahl der Wahlzettel mit gleicher Schrift ausgefüllt war. Das ist nach bernischem Recht nicht erlaubt und deutet auf ein mögliches Strafdelikt hin. Die Wahlzettel sind ungültig.

Wie ist der Fälscher, oder allenfalls die Fälscherin, vorgegangen? Hat er 300 leere Listen von Hand ausgefüllt oder vorgedruckte Listen panaschiert?
Er hat leere Listen verwendet und sie alle der gleichen Liste zugeordnet. Ausserdem hat er zwei bis vier Namen aufgelistet. Es waren immer die gleichen Namen. Er hat nicht alle 80 Listenplätze ausgefüllt.

Welche Liste wollte der Fälscher denn fördern?
Die SVP.

Hatte er Vorlieben für einen bestimmten Politiker?
Ja, er hat jeweils Erich Hess und zwei, drei SVP-Kandidaten notiert.

Beeinflusst die Ungültigkeit der Zettel nun das Resultat der Wahl?
Nein. Die Zettel werden nicht zur Wahl gezählt. Ob sie keinen Einfluss auf den Ausgang der Wahlen gehabt hätten, wenn sie gültig gewesen wären, haben wir nicht im Einzelnen berechnet. Sicher keinen Einfluss hätten sie auf die Wahl des Stadtpräsidiums gehabt. Niemand hat das absolute Mehr erreicht. Somit kommt es zu einem zweiten Wahlgang. Auch auf die Wahl des Gemeinderats hätten die Wahlzettel kaum einen Einfluss. Die Anzahl ist zu klein. Ob die Zusammensetzung des Stadtrates anders aussähe, haben wir nicht ausgerechnet.

Wurden also sowohl Stadtpräsidiums, Gemeinderats- als auch Stadtratszettel gefälscht?
Es wurden bei allen drei Wahlen Wahlzettel gefunden, die mit identischer Handschrift ausgefüllt worden waren.

Wie kommt jemand an 300 Wahlzettel zum Ausfüllen heran?
Das ist einfach. Man kann sie in den Wahllokalen holen oder in der Stadtkanzlei welche beziehen, etwa wenn man den zugeschickten verloren hat.

Wurden auch auf den nötigen Stimmausweisen Unregelmässigkeiten entdeckt?
Auf den Stimmrechtsausweisen wurden bisher keine Unregelmässigkeiten entdeckt. Die Abklärung des Tathergangs obliegt der Strafverfolgungsbehörde.

Bestehen Chancen, dass man die Urheber findet?
Das ist Aufgabe der Strafverfolgungsbehörde. Wir werden in den nächsten Tagen Strafanzeige einreichen. Es gab immer wieder Fälle, die aufgeklärt wurden.

Wie gross ist das Ausmass der Fälschung im Verhältnis zu anderen Fällen?
Im Verhältnis zum Fall Lumengo in Biel sind 300 Zettel sehr viel. Damals ging es um 44 Zettel, die der SP-Nationalrat für andere Wahlberechtigte ausfüllte. Er wurde aber vom Vorwurf der Fälschung freigesprochen.

Vor zwei Jahren entdeckte man in Ostermundigen und Burgdorf manipulierte Wahlzettel. Vor vier Jahren wurde eine Frau aus Bümpliz verurteilt, weil sie Initiativbögen gefälscht hatte. Ist die Region Bern ein Nest von Wahlfälschern?
Wahlfälschungen kommen im ganzen Land immer wieder vor. Es sind aber wenige Einzelfälle. In Bern liegt der letzte Fall mehrere Jahre zurück.

Hat sich die Auszählung der Stimmen aufgrund der gefälschten Zettel verzögert?
Die mit identischer Handschrift ausgefüllten Wahlzettel waren ein Grund neben anderen. Wir hatten eine sehr hohe Wahlbeteiligung. Im Vergleich zu vor vier Jahren haben wir über ein Fünftel mehr Material verarbeitet. Wir haben die Unregelmässigkeiten am Samstag entdeckt. Da auf den gefälschten Zetteln immer die gleiche Liste angegeben wurde, mussten wir alle Zettel für die SVP-Liste nochmals kontrollieren. Das hat Stunden in Anspruch genommen.

DerBund.ch/Newsnet

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