Es muss nicht immer die Aare sein

Urban Swimming geht auch in der Limmat und im Rhein – sehr gut sogar.

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Oberhalb des Marzili ist der Weg kurz nach Mittag derart aufgeheizt, dass man glaubt, die nackten Füsse versänken im Asphalt. Ein Wunder, ist der Pfad nicht völlig verformt, wandern hier doch täglich Tausende Füsse darüber hinweg – und nicht erst, seit das Aareschwimmen von der Unesco in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Sogar Bostoner Stadtplaner sind vor einigen Jahren nach Bern gereist, um sich zu informieren, was es mit der Aareschwimmerei auf sich hat – und wie man die eigene Bevölkerung dazu bringen kann, auch mal in den Charles River zu springen. Urban Swimming, der Sprung in den städtischen Fluss, ist beliebter denn je – allen voran die Berner Version.

Urban geht aber auch anders und urbaner als in Basel wird es wohl nirgends. Hier versinken die Füsse nicht im Asphalt, stattdessen sind Schuhe anzuraten. Mitten in der Stadt ist die Wahrscheinlichkeit, dass Glasscherben herumliegen, nun einmal gross. Wer tropfend aus dem Rhein steigt, steht schon nach 20 Metern in der Innenstadt. Träge fühlt sich das Wasser hier an, riesig der Rhein. Schneller liesse es sich in der Mitte treiben, doch rote Bojen warnen vor der Gefahrenzone. Denn der Rhein ist auch Verkehrsweg, hier kreuzen sich die Frachter der Flussschifffahrt. Die Wellen der Schiffe sorgen ein wenig für Abwechslung beim hinunterbaden. Sie tragen Namen wie Nicky, St. Marie und – ausgerechnet – Bern. Im Hintergrund ragt der Turm des Basler Fernwärmekraftwerks in den strahlenden Himmel.

Hippe Beizen in Zürich

Träge fliesst auch die Limmat. Auch wenn man im Wasser treibt: So richtig im Fluss fühlt man sich dann doch nicht. Das hat nicht nur mit der Behäbigkeit der Limmat zu tun, sondern auch mit den vielen Ausstiegen, zu denen man in Zürich gezwungen wird. Nach dem Sprung vom Drahtschmidliquai sind es ein paar Hundert Meter, spätestens dann zwingt der Lettensteg zum Unterbruch. Nach einem kurzen Fussmarsch geht es weiter beim Freibad Unterer Letten. Doch auch dort ist viel zu schnell wieder Schluss, da ein Auffangrechen den Badespass abrupt beendet.

Aus der Limmat steigen hat aber auch seine Vorteile. Links und rechts des Ufers reihen sich hippe Beizen aneinander. Sie versprühen diesen ganz eigenen Charme, der sonst von zwischengenutzten, einst brach gelegenen Orten ausgeht. Viele Zürcherinnen und Zürcher liegen in der Sonne und machen Mittagspause. Der Übergang zwischen Stadt und Flussufer ist fliessend.

«Wie Ferien» in Basel

Was in Zürich die Beizen sind, sind in Basel die Buvetten, die hier das Rheinufer säumen. Ob der Sinn nach Fritten, Salat oder doch Vegi-Burgern mit Guacamole steht, kulinarisch ist das Angebot gross. Vor der Buvette Günther sitzt eine ältere Dame und nippt an ihrem Kaffee. In Bern sei sie auch schon im Fluss baden gewesen, sagt sie, doch die Aare fliesse ihr zu schnell. «Rheinschwimmen», schwärmt sie, «das ist jedes Mal ein wenig wie Ferien.»

Für die Dame mag der Schwumm ferienmässig sein, wer aber wenig Erfahrung im Rheinschwimmen hat, wird mit den Ein- und Ausstiegen zu kämpfen haben. In regelmässigen Abständen säumen Treppenstufen das Ufer, die unterste wird vom Wasser überspült. Glatteis ist nichts im Vergleich dazu – und weit und breit kein Geländer in Sicht. Einfacher geht es mit einem Sprung in den Fluss. Es gilt, von einer der Fähreanlegestellen einen «Blättler» zu wagen. Von den grossen Brücken zu springen, ist verboten. Praktisch jeder und jede hier scheint einen sogenannten Wickelfisch zu besitzen, einen Seesack in Form eines Fisches. Im Wasser klammern sich alle bewegungslos daran. Von weitem sehen die Leute aus wie eine Herde Flusspferde. Das Wasser glitzert grünlich in der Sonne.

In Zürich dagegen sieht die Limmat vor allem von oben wunderbar blau aus. Grüngesäumte Ufer, schattige Uferwege und ein Stadtpanorama wie in Bern sucht man in Zürich vergebens. Hier schwimmt man durchs Industriequartier, einige Hochhäuser am Horizont. Je weiter flussabwärts man gelangt, desto ruhiger wird die Umgebung.

Fleischmarkt auch in Bern

Von einer Brücke springen ist in Zürich kein Problem. Mutige wagen gar den 10-Meter-Sprung vom Letten-Viadukt. Nach wenigen Zügen erreicht man gleich das Freibad Unterer Letten. Dort gibt es deutlich mehr Platz als weiter oben, die Atmosphäre ist ruhiger. Hier kommt –anders als an vielen Stellen in Bern – niemand auf die Idee, eine mobile Soundanlage aufzubauen oder mit einem Einweg-Grill die ganze Erholungszone zu verpesten. «Ich gehe nur hier baden», sagt eine junge Frau, die auf einem der Holzstege liegt. Der Obere Letten sei «der reinste Fleischmarkt», sagt sie. «Aber den gibt es doch auch bei euch im Marzili.»

Von diesem Fleischmarkt ist am Mittag im Marzili noch nichts zu sehen, aber man weiss, dass er in einigen Stunden im Gang sein wird. In Bern kann sich niemand über langsam fliessendes Wasser beklagen. Und das schnell vorbeiziehende Ufer ist vor allem eines: grün. Nein, ganz so urban ist der Aareschwumm eigentlich nicht. Und die Bostoner Städteplaner, die damals Bern besuchten? Nach Problemen mit der Wasserqualität im Charles River ist die Bevölkerung skeptischer denn je, ob man mitten in der Stadt gefahrlos ins Wasser springen kann. (Der Bund)

Erstellt: 20.07.2017, 06:43 Uhr

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