«Es muss live klappen, einen Nachdreh gibt es nicht»

Der frühere Schulleiter Hans-Ueli Suter spielt im Theaterstück «Fluech u Säge» mit: eine «grosse Kiste», bei dem halb Müntschemier mithilft.

Hans-Ueli Suter, noch in der Vorbereitungsphase der Aufführung.

Hans-Ueli Suter, noch in der Vorbereitungsphase der Aufführung.

(Bild: Adrian Moser)

Markus Dütschler

Es wird gewerkelt in der Turn- und Mehrzweckhalle des Schulhauses in Müntschemier, die in einen Theatersaal verwandelt worden ist. Eine Profifirma hat mithilfe von Dorfvereinsmitgliedern aufsteigende Stuhlreihen installiert. Jemand testet, ob das Signal vom Mikrofon hinten im Lautsprecher zu vernehmen ist. Eine Holzwand neben der Bühne weist frische Frässpuren auf: Der Durchgang musste vergrössert werden, damit der Handwagen auf die Bühne geschoben werden kann.

«Solche Details bemerkt man erst bei der Probe», sagt Hans-Ueli Suter bei der Bühnenbesichtigung. Suter war bis zur Pension 2016 Schulleiter in der Gemeinde Köniz und spielt nun in Müntschemier gleich zwei gewichtige Rollen: den Schultheiss Jakob von Wattenwyl und Pfarrer Walter Hänni aus Ins. Die Doppelrolle hat ihren Grund im Stück, dessen Beginn im Jahr 1517 spielt, die Haupthandlung 1567 bis 1572. Der Schultheiss ermahnt Niklaus Manuel, den Vorreiter der Reformation in Bern und Maler des Totentanzes, die Neuerungen nicht zu ungestüm voranzutreiben.

Für Bern war die Einführung des neuen Glaubens auch eine Frage der Staatsräson – als Staat zwischen den reformierten Orten Zürich und Genf. Später wird Manuel wegbefördert und amtet als Landvogt in Erlach. 50 Jahre später: Ein Mann lässt während des Gottesdiensts einen Kraftausdruck fallen, muss sich vor dem Chorgericht verantworten und entzieht sich der Verurteilung durch Kriegsdienste in Frankreich. Suter in seiner Rolle als «Prädikant» amtet als Schreiber dieses Gerichts.

Gute alte Zeit? Nein, findet Suter. «Es ist ‹geng› eindrücklich zu sehen, wie hart die Obrigkeit mit einfachen Menschen umging.» Ein Angeschuldigter habe kaum Rechte gehabt. Suter lässt selbst einen Kraftausdruck fallen und sagt lachend: «Da stünde ich ‹allpott› vor dem Chorgericht.» Nicht leicht hatte es die Frau des Verurteilten, eine Mutter von vier Kindern, die sich in der Abwesenheit des Gatten häufig gegen Übergriffe wehren musste.

Suter hat schon Theater gespielt und organisiert, als er noch in der Gemeinde Köniz wohnte, wo er Lehrer und Schulleiter war. Zuerst waren es Schwänke, dann anspruchsvollere Stücke bernischer Autoren wie Jeremias Gotthelf, Rudolf von Tavel, Simon Gfeller oder Otto von Greyerz. Seither weiss Suter, wie schwierig es ist, Chargen zu besetzen. «Es kam vor, dass jemand sagte, wenn er eine bestimmte Rolle nicht bekomme, trete er aus dem Verein aus.» Das sei schade, denn jede Rolle sei wichtig, sei sie gross oder klein. Schliesslich gebe es auch zahlreiche Helferinnen und Helfer, die viel zum Gelingen beitrügen, ohne jemals auf der Bühne zu erscheinen.

Als wäre es arrangiert, betritt Matthias Allenbach den Raum, Inhaber des örtlichen Dachdeckergeschäfts. Dieser habe mit seinen Mitarbeitern Bauten fürs Theater erstellt und einen grossen Effort geleistet, sagt Suter. «Ich beklage mich nicht», gibt Allenbach bescheiden zurück, «wir machen das gerne für die Dorfgemeinschaft.»

Oder da gibt es den Garagisten, der einen Lieferwagen zur Verfügung stellt, damit die Theatertruppe bei einem grossen Kostümverleih in Süddeutschland unter anderem 60 identische Kostüme im Stil des 16. Jahrhunderts für das ganze Ensemble inklusive Chor holen kann. Geldsponsoren brauche man ebenfalls, sagt Suter. Dafür müsse man «Klinken putzen» und den Firmenchefs persönlich erklären, worum es geht. «Bloss ein Briefli schreiben bringt nichts.»

Wie lernt Suter die Rollen auswendig? «Nicht zu Hause», antwortet er – anders als seine Frau. «Ich kann nur auf der Bühne bei den Proben lernen.» Das habe den Vorteil, dass er Änderungen des Regisseurs fortlaufend einbauen könne. «Theater fägt immer noch», sagt Suter, der seit der Auflösung des Theatervereins in der Gemeinde Köniz nun im Seeland eine neue Herausforderung gefunden hat. Es sei faszinierend, wie verschieden ein identisches Stück inszeniert werden könne, so etwa «Der Besuch der alten Dame» damals am Bahnhof in Ins und derzeit im Stadttheater Bern.

Suter sagt, für ihn als Amateur sei es wichtig, dass in einem Glas auch wirklich Wasser sei oder Apfelmus in einer Schale. «Ich könnte das sonst nicht echt spielen.» Ohnehin gelte beim Theater anders als beim Film: «Es muss alles live klappen, es gibt keinen Nachdreh.»

www.montag.derbund.ch

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