«Es macht mir nichts aus, als Einziger nichts zu trinken»

0–1 Uhr: Nüchtern unter Betrunkenen: Janis Wieland (16) kennt dieses Gefühl. Er trinkt aus Überzeugung keinen Alkohol. Einkaufen tut er ihn trotzdem.

Alkohol? Nein, danke: Janis Wieland.

Alkohol? Nein, danke: Janis Wieland.

(Bild: Manu Friederich)

Hanna Jordi

Janis Wieland, Sie sind 16 Jahre alt und trinken keinen Alkohol. Wie reagieren Gleichaltrige, wenn Sie das erzählen?Janis Wieland: Mein Umfeld kennt meine Einstellung zu Alkohol inzwischen. Treffe ich neue Leute, gibt es zwei mögliche Reaktionen. Die einen versuchen mich umzustimmen und betrachten es als persönliche Herausforderung, mit mir ein Bier zu trinken. Die anderen reagieren verständnisvoll. Nicht selten passiert es, dass jemand sagt: «Eigentlich möchte ich auch nicht immer trinken.»

Welche Rolle spielt Alkohol bei der Freizeitgestaltung in Ihrem Umfeld? Eine zu grosse Rolle, wenn Sie mich fragen. Das merkt man schon nur an der Wortwahl. Bei der Wochenendplanung heisst es nicht «komm, wir machen etwas zusammen», sondern «komm, wir gehen saufen». Ich gehe dann zwar mit – trinke aber einfach nicht.

Trinken Sie selten oder gar nicht? Gar nicht.

Wie kam es, dass Sie sich entschieden haben, auf Alkohol zu verzichten? Es gab kein negatives Erlebnis, kein Aufwachen in der Notaufnahme oder so. Schon mit 14 Jahren, als die ersten rund um mich herum zu trinken begannen, hielt ich mich zurück. Damals sah ich einfach keinen Grund dazu. Es leuchtete mir ein, dass auf dem Konsum von Alkohol eine Altersbeschränkung liegt. Schliesslich setzt der Umgang mit Alkohol eine Reife voraus, die manche teilweise auch noch mit 16 Jahren nicht mitbringen. Seit ich trinken dürfte, sehe ich immer noch keinen Grund dazu. Es stört mich, dass sich alles immer nur um Alkohol dreht. Ich brauche ihn nicht.

Wie merken Sie, dass sich alles um Alkohol dreht? Alkohol ist zentral, egal welche Unternehmung gerade angesagt ist. Ein Beispiel: Das Grümpelturnier. Für mich geht es dort eigentlich ums Fussballspielen, aber für viele ist es nur ein guter Vorwand, um schon am Nachmittag Bier zu trinken. Irgendwann wird kaum mehr gespielt. Sobald es anfängt, hässlich zu werden, gehe ich meistens nach Hause.

Hässlich? Na ja, die Leute werden laut und mühsam, die ersten verkriechen sich irgendwo, um zu kotzen.

Sie sind gläubiger Christ. Spielt Ihr Glaube bei der Abstinenz eine Rolle? Nicht direkt, glaube ich. Es gibt ja kein Gebot, das sagt «Du sollst nicht trinken». Als Christ will man halt versuchen, ein gutes, aufrichtiges Leben zu führen und bei oberflächlichem Vergnügungen vorsichtig zu sein. Nicht, dass es grundsätzlich falsch ist, Spass zu suchen. Aber Spass im Alkohol zu suchen, ist irgendwie schon oberflächlich. Vielleicht klingt das doof, aber möglicherweise habe ich einen Teil der Befriedigung, die andere im Alkohol suchen, bereits gefunden. Eine Art Aufgehobensein vielleicht.

Fühlen Sie sich auf der anderen Seite manchmal ausgeschlossen, weil Sie keinen Alkohol trinken? Gruppendruck ist sicher ein Thema. Aber mir macht es nichts aus, als Einziger nichts zu trinken. Was nicht heisst, dass ich mir nicht mehr Partys wünschen würde, bei denen weniger getrunken wird.

Wie gehen Ihre Eltern mit Alkohol um? Sie trinken, aber massvoll.

Können Sie sich an Ihr erstes Mal Alkohol erinnern? Meine Mutter erzählt, ich hätte ihr als Kind immer den letzten Schluck aus dem Weinglas weggetrunken. Aber daran kann ich mich nicht erinnern. Ich kann mich erinnern, dass ich mal einen Schluck Bier getrunken habe. Ich habe es überhaupt nicht gemocht, das kommt mir jetzt zugute.

Haben Sie eine Vorstellung davon, wie es ist, betrunken zu sein? Nicht so richtig. Für den Moment kann es sicher lustig sein, die Hemmungen fallen. Insgesamt bedeutet es wohl auch, dass man nicht mehr weiss, was man macht. Dass man die Kontrolle verliert.

Sie möchten die Kontrolle lieber behalten? Ja. Ich stelle mir das sehr unangenehm vor. Zumindest im Nachhinein.

Weshalb trinken Jugendliche Ihrer Meinung nach? Um es lustig zu haben. Um sich mehr zu trauen, vielleicht auch bei den Mädchen. Um dazuzugehören.

Laut Statistik trinken sich knapp zehn Prozent der Jugendlichen mindestens einmal pro Monat einen Rausch an. Stimmt diese Zahl mit Ihren Beobachtungen überein? Diese Zahl ist wohl etwas gar tief angesetzt. Von denen, die trinken, haben sicher viele fast wöchentlich einen Rausch. Und es gibt wenige, die gar nicht trinken. Deshalb müsste wohl auch die Zahl derjenigen, die regelmässig trinken, höher liegen.

Wenn Sie an ein Grillfest eingeladen sind und es gibt Alkohol, versuchen Sie dann, Ihre Freunde vom Trinken abzuhalten? Ich missioniere nicht, wenn Sie das meinen. Nein, das ist ihr Bier. Wenn ich darauf angesprochen werde, dann rede ich aber gern darüber.

Wie ist es, als einziger Nüchterner an einer Grillparty zu sein? Ab einem gewissen Punkt in der Nacht konzentriere ich mich auf die, die am wenigsten getrunken haben.

Bier gibt es schon ab 50 Rappen im Grossverteiler. Finden Sie den Alkohol zu günstig? Sicher ist es für Jugendliche mit einem Lehrlingslohn oder wenig Sackgeld eine Erleichterung, dass der Alk billig ist. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ein höherer Preis sie vom Trinken abhalten würde. Sie sind eh bereit, für den Ausgang Geld springen zu lassen – der Alkohol ist da von Anfang an einkalkuliert.

Sie sind Testkäufer für das Blaue Kreuz. Wie gut war Ihre Quote? Das kommt jetzt darauf an, was «gut» heisst. Ich würde sagen, dass ich nur in etwa 50 Prozent der Fälle nach dem Ausweis gefragt wurde. Aber mit meinen 192 Zentimetern Körpergrösse sehe ich natürlich etwas älter aus, als ich wirklich bin.

Ein fieser Lockvogel. Na ja, im Zweifelsfall sollte der Verkäufer halt lieber einmal mehr nach dem Ausweis fragen als einmal weniger.

Sie sind wahrscheinlich der einzige Jugendliche, der hofft, dass er an der Kasse nach dem Ausweis gefragt wird. Vermutlich, ja. Manchmal tat es mir leid, wenn ein Verkäufer mir Alkohol verkaufte und danach von der Begleitperson des Blauen Kreuzes konfrontiert wurde. Gerade die privaten Ladenbetreiber machen vielleicht nicht so viel Umsatz und sind auf Kunden angewiesen. Andererseits ist die Gesetzgebung ja klar.

In einem guten Jahr werden Sie volljährig. Werden Sie darauf ausnahmsweise anstossen? Nein, ich mache keine Ausnahmen. Ausserdem will ich mir zum Geburtstag ein Auto kaufen, da passt Alkohol schlecht dazu.

Janis Wieland, 16 Jahre alt, trinkt keinen Alkohol. Er lebt mit seinen Eltern und zwei älteren Geschwistern in Kerzers und macht eine Lehre zum Zimmermann.

DerBund.ch/Newsnet

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