Es ist Zeit für den grossen Wurf

Baustelle

Eine kluge Überbauung der Schützenmatte bietet alle Chancen zum städtebaulichen Modellfall.

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Die Idee ist nicht neu, sie hat vielmehr eine lange Geschichte. 1930 wurde für den Lorrainebrückenkopf, dem heutigen Schützenmattareal, ein Wettbewerb durchgeführt, bei dem eine komplette Überbauung und Verdichtung angestrebt wurde. Otto Ingold, der Erbauer des Volkshauses, und Walter von Gunten (Staatsarchiv) schlugen zur Akzentuierung der Baumassen jeweils ein Hochhaus sowie den Ersatz des Reitschulgebäudes vor.

84 Jahre später spukt die Idee eines Hochhauses als Inbegriff des Fortschritts wieder in manchen Köpfen herum, so als ob die Vertikalvision als einzige Befriedigung auf höchster Ebene gelten könnte.

Für die Stadtoberen, von Alexander Tschäppät an der Spitze über Stadtrat Christoph Zimmerli bis hin zum Bern-Tourismus-Chef Markus Lergier, verheisst «Top of Berne» eine Hinwendung zur Zukunft, obwohl man nur hechelnd den Architekturkonzepten der «heimlichen Hauptstadt» Zürich und neuerdings auch Basel (Roche-Tower) hinterherlaufen würde.

Eine Attraktion für Touristen: So lautet ein weiteres Argument, das für das alte Empire State Building in New York oder den brandneuen Burj Khalifa in Dubai mit seinen 848 Metern gelten mag. Nach Bern kommen Touristen wohl kaum wegen 150 Meter hohen Hochhäusern, sondern wegen der Unesco-geschützen Altstadt mit dem filigranen «Münster Tower» im Zentrum, der im Übrigen bald wieder ohne Gerüst die Silhouette Berns prägen wird.

Schafft ein Kulturquartier!

Im Zusammenhang mit der Schützenmatte drängen sich zunächst ganz andere Fragen auf, bevor unbekümmert architektonische Schnellschüsse lanciert werden. Da stellt sich nicht nur die Frage der zukünftigen Nutzung, sondern auch die des Gesamtareals. Dieses wird vom BLS-Abstellbereich zur Grossen Schanze hin, von der Reitschule und den Häusern entlang der unteren Hodlerstrasse bestimmt. Jene liegen bereits im Unesco-Weltkulturerbe-Perimeter. Hier ist besondere Sensibilität angebracht.

Auf der anderen Seite befinden sich dort das Kunstmuseum und der Progr, sodass die Stadt eine einmalige Möglichkeit hätte, ein - schon 1930 vorgesehenes - Kulturquartier auszuweisen, das auch die Reitschule als Kulturstandort aufwerten und stärker in das städtische Gefüge einbinden könnte. Priorität aber hätte konzeptuell eine Mischnutzung, die unterschiedlichste Funktionen und Nutzer in einem lebendigen Stadtquartier vereint und die das gesamte Areal, auch das Bahngelände, miteinbeziehen müsste.

Berns einmalige Chance

Der Schützenmatte-Wettbewerb des Schindler-Awards 2012, an dem sich Architekturstudierende aus aller Welt beteiligten, hat hierzu Projekte entwickelt, die als Diskussionsgrundlage dienen können.

Damit nicht genug: Auch solche Überlegungen greifen zu kurz ohne eine Gesamtkonzeption, die den Verkehr und die Nutzungsentwicklung in der diffusen Zone zwischen oberer Altstadt, Bahnhof/Bahngelände und City West berücksichtigt, also den gesamten Bereich zwischen Schützenmatte, Bollwerk, Bubenbergplatz und Hirschengraben/Laupenstrasse. In dieser Hinsicht hört man vergleichsweise wenig aus dem Stadtplanungsamt.

Bern hat hier die einmalige Chance, rasch eine vorausschauende, gleichwohl dynamische Planung vorzulegen, die den Durchgangsverkehr substanziell reduzieren und städtebauliche Wüsten wie das Bollwerk, den Bubenbergplatz und den Hirschengraben in attraktive städtische Räume mit Verweilcharakter umformen könnte.

Nur in seiner Verknüpfung mit anderen Stadträumen wird das neue Schützenmattquartier zu einer tatsächlichen Attraktion für ein Bern des 21. Jahrhunderts werden. Es könnte sogar Modellcharakter entwickeln.

* Bernd Nicolai ist Professor für Architekturgeschichte und Denkmalpflege am Kunsthistorischen Institut der Universität Bern und Mitglied des Baustelle-Kolumnistenteams.

DerBund.ch/Newsnet

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