«Es ist wichtig, nicht tabula rasa zu machen»

In der Berner Politik findet der Entscheid des Gemeinderates zum Gaskessel Zustimmung. Eine letzte Skepsis bleibt aber.

«Der Gaskessel bleibt», teilt der Gemeinderat in einer Medienmitteilung mit.

«Der Gaskessel bleibt», teilt der Gemeinderat in einer Medienmitteilung mit.

(Bild: Adrian Moser (Archiv))

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Bei der SP kommt der Entscheid des Gemeinderates, den Gaskessel auf dem Gaswerkareal zu belassen, gut an: Der Gaskessel werde dazu beitragen, dass ein lebendiges Quartier entsteht, ist Edith Siegenthaler, Co-Präsidentin, überzeugt. «Bei solchen Projekten ist es wichtig, nicht immer tabula rasa zu machen, sondern die bisherigen Nutzungen miteinzubeziehen.»

Für ein belebtes Quartier sei auch Gewerbe wichtig. Sie könne sich vorstellen, dass es auf dem Gaswerkareal etwa eine Bäckerei, einen Coiffeursalon, Lebensmittelläden oder Beizen geben wird. Vor allem aber brauche es neue, für alle bezahlbare Wohnungen. Die SP werde sich dafür einsetzen, dass auf dem Areal keine Eigentumswohnungen gebaut würden. Dies unter anderem auch, weil Wohnungseigentümer eher dazu bereit seien, Lärmklagen weiterzuziehen

Auch in der SVP begrüsst man den gemeinderätlichen Entscheid. «Ich war immer dagegen, dass man den Gaskessel verschiebt», sagt Stadtrat Alexander Feuz. Erstens wäre die Lärmproblematik bei einer Verschiebung viel grösser gewesen, sagt er, denn die Lärmvorschriften bei einem neuen Bau seien viel strenger als bei der Sanierung eines bisherigen Baus. «Zweitens waren die Beziehungen zwischen diesem Jugendzentrum und dem Quartier bisher immer gut», eine Verschiebung wäre nur kontraproduktiv gewesen, sagt Feuz.

Er sei aber nach wie vor skeptisch, ob es in Bern an diesem Standort so viele Wohnungen brauche. Er hätte zudem auch mindestens einen Drittel Stockwerkeigentumswohnungen gebaut. Ausserdem sehe er dort eher keine Sozialwohnungen. Klar brauche es Sozialwohnungen, aber nicht an den besten Standorten. Das Gaswerkareal sehe er als sehr privilegierte Lage.

Maurice Lindgren, GLP-Stadtrat und Mitglied der stadträtlichen Planungskommission, sagt, er sei für das künftige Bauprojekt «nicht pessimistisch», er habe aber Respekt vor der Lärmfrage. Das sei eine Herausforderung, die man früh angehen müsse, damit man nicht «in den Hammer» laufe. «In unserem Rechtssystem werden Einzelinteressen sehr hoch gewichtet gegenüber anderen Anliegen.» Das habe man bei vielen Lärmklagen in der Stadt Bern gesehen, etwa bei der Schliessung des Sous-Soul.

Es müsse verhindert werden, dass sich das beim Gaskessel wiederhole, so Lindgren. Deswegen müsse man von Anfang an klar machen, dass eine urbane, lebendige Wohnzone entstehen werde. Das Areal müsse grundsätzlich dem Kessel angepasst werden und nicht umgekehrt. Gewerbe, auch mit gewissen Lärmemissionen, würde gut passen. Eigentumswohnungen auf dem Areal zu verbieten, löse keines dieser Probleme. Dass sich Eigentümer eher gegen Lärm beschwerten, habe sich nicht erwiesen.

Aus Sicht der GLP sollte es sowohl Miet- als auch Eigentumswohnungen geben, sagt Lindgren. Das Quartier müsse verdichtet und urban sein, zum Beispiel mit Wohngemeinschaften oder mit Familienwohnungen. Die Wohnungen sollten bezahlbar sein, «aber das würden wir nicht mit direkten oder indirekten Subventionen, sondern mit dichteren, flächenmässig kleineren Wohnungen erreichen wollen.» Denn das eigentliche Problem sei der Flächenverbrauch pro Kopf, der zu hoch sei.

Unzufriedener Leist

Der Entscheid habe ihn nicht überrascht, er habe sich bereits abgezeichnet, sagt René Hell. Er ist Präsident des Marzili-Dalmazi-Leist. Hell steht dem Jugendclub kritisch gegenüber. «Zwar hatten wir mit den Gaskessel-Betreibern immer ein gutes Einverständnis», sagt Hell, Ärger würden aber jeweils die Besucher machen: Lärm und Sachbeschädigungen seien ein Problem, dass kaum in den Griff zu kriegen sei. Deshalb gebe es für den Jugendclub auf dem Areal «keine praktikable Lösung».

Sowieso hätte der Leist auf dem Gebiet lieber gehobene Wohnungen gesehen. «Die Stadt Bern hätte das nötig und das Gaswerk-Areal wäre ideal dafür.» Wie sich der Leist in der künftigen Planung verhalten will, sei aber noch offen. «Erst einmal muss die Sanierung des verunreinigten Bodens durchgeführt werden.»

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