Es hat wieder mehr Platz

In der Stadt Bern gibt es erste Anzeichen für eine Entspannung am Wohnmarkt. Für den Gemeinderat fehlt es aber an Wohnungen für das kleine Budget.

Wer eine Wohnung sucht, wird am ehesten in Berns Westen fündig, wie hier in Bethlehem.

Wer eine Wohnung sucht, wird am ehesten in Berns Westen fündig, wie hier in Bethlehem.

(Bild: Adrian Moser)

Mischa Stünzi

In der Stadt Bern stehen derzeit 435 Wohnungen leer. Oder fachmännisch ausgedrückt: Die Leerwohnungsziffer beträgt aktuell 0,56 Prozent. Sie zeigt den Anteil leer stehender Wohnungen am gesamten Wohnungsbestand der Stadt Bern. Die Zahl hat im Vergleich zum Vorjahr leicht zugenommen: 2018 gab es noch 350 leer stehende Wohnungen (Leerwohnungsziffer: 0,45 Prozent). Stichtag war der 1. Juni 2019, wie die Stadt Bern in einer Medienmitteilung vom Dienstag schreibt.

Die Statistik lässt sich nach Grösse, Standort oder Mietpreis der Wohnungen aufschlüsseln. Daraus ergibt sich folgendes Bild:

  • Wohnungsgrösse: Die meisten Leerwohnungen verfügen über drei Zimmer (189 Objekte), am seltensten sind derzeit Wohnungen mit fünf oder mehr Zimmern (20 Objekte) zu haben.
  • Standort: Die meisten Leerwohnungen liegen im Stadtteil Bümpliz-Oberbottigen mit 130 Wohnungen (Leerwohnungsziffer: 0,75 Prozent). Am wenigsten Leerwohnungen befinden sich in den Stadtteilen Breitenrain-Lorraine mit 64 Wohnungen (0,43 Prozent), Länggasse-Felsenau mit 44 Wohnungen (0,40 Prozent) und Innere Stadt mit 25 Wohnungen (0,85 Prozent).
  • Mietpreis: Zu einem Mietpreis von unter 1000 Franken sind aktuell 100 Wohnungen in der Stadt Bern zu haben. 258 Leerwohnungen kosten monatlich zwischen 1001 und 2000 Franken. Für 38 Objekte beträgt die Miete mehr als 2000 Franken. Für die übrigen Wohnungen konnte die Stadt Bern keine Preisangabe ermitteln.

«Ein schwaches Signal»

Was bedeuten diese Zahlen für Wohnungssuchende? Immobilienexperte Alain Chaney, Geschäftsführer der Berner Niederlassung von Wüest Partner, sieht in der leichten Zunahme der Leerstandsquote «ein schwaches Signal dafür, dass die Richtung stimmt». Von einer Entspannung könne man aber nicht sprechen. Die Marktanspannung, gemessen am Verhältnis der Suchabos auf Immobilienplattformen zur Zahl der publizierten Inserate, sei jüngst in Bern sogar deutlich gestiegen, so Chaney.

«Wir brauchen nicht möglichst viele leere, sondern vor allem preisgünstige Wohnungen»Michael Aebersold, Gemeinderat der Stadt Bern (SP)

Für Natalie Imboden, Generalsekretärin des Mieterinnen- und Mieterverbands Schweiz, besteht noch kein Grund zur Freude. «Die Wahrscheinlichkeit, dass man in der Stadt Bern findet, was man sucht, ist sehr klein», sagt sie. «Eine Leerwohnungsziffer unter einem Prozent heisst, dass Wohnungsnot herrscht.» Problematisch sei insbesondere, für wen die Wohnungen überhaupt infrage kämen. Stünden viele 3-Zimmer-Wohnungen leer, bringe das einer Familie nicht viel. Und wer ein kleines Budget habe, dem nütze freier Wohnraum im hohen Preissegment wenig.

Ostermundigen statt Bern

Dass Wohnungssuchende auch in die Berner Agglomeration oder ins Umland ausweichen könnten, lässt Imboden nicht gelten: «Wenn ich in Bern arbeite und hier ein besseres Kita- oder ÖV-Angebot habe, möchte ich nicht in den Oberaargau ausweichen müssen.»

Das sieht Adrian Haas anders. Der Präsident des Hauseigentümerverbands Bern und Umgebung sagt, es sei den Leuten durchaus zumutbar, ins Umland auszuweichen (siehe Text unten). «In Ostermundigen gibt es mehr freie Wohnungen, und die Stadt Bern ist in 15 Minuten mit dem Bus erreichbar.» Mit Wohnungsnot lasse sich das nicht gleichsetzen. Ausserdem würden viele Wohnungen in der Statistik gar nicht erfasst. «Regelmässig sorgen Mieter für einen nahtlosen Übergang, sodass die Wohnungen gar nie leer stehen.»

Mehr günstige Wohnungen

Betrachtet man die Entwicklung der Leerwohnungsziffer über die letzten drei Jahrzehnte, so sinkt sie Ende der 1980er-Jahre ab und steigt bis 1999 stetig an (siehe Grafik). Seither wurde die Ein-Prozent-Marke nie mehr geknackt. Dies ist gemäss Statistiken der Stadt Bern zumindest teilweise auf die Entwicklung der Bevölkerung und des Wohnungsbestandes zurückzuführen: Die Bevölkerungszahl sank in den 1970er-Jahren bis ins Jahr 2000 und stieg dann wieder an, während der Wohnungsbau stagnierte.

Deshalb hat der Gemeinderat die Wohnoffensive lanciert mit dem Ziel, die Wohnungszahl in der Stadt Bern zu erhöhen. «Wohnbaupolitik ist eine Kernaufgabe der Gemeinden und insbesondere der Städte», sagt Gemeinderat Michael Aebersold (SP). Dabei gelte es, Wohnraum für alle zu schaffen. Die leichte Zunahme der Anzahl Leerwohnungen gegenüber dem Vorjahr hält er für «nicht aussagekräftig». Solche Schwankungen gebe es immer wieder. «Wir brauchen nicht möglichst viele leere, sondern vor allem preisgünstige Wohnungen.» Bis 2030 sollen in Bern rund 8500 neue Wohnungen gebaut werden. Nach der Strategie des Gemeinderats soll etwa die Hälfte davon im preisgünstigen Segment entstehen.

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