«Es gibt viele Vorurteile gegenüber Leprakranken»

Die Ärztin Nayani Suriyarachchi leitet in Sri Lanka im Auftrag eines Schweizer Hilfswerks eine gross angelegte Kampagne gegen Lepra.

«Ich muss hinaus zu den Leuten», sagt Nayani Suriyarachchi.

«Ich muss hinaus zu den Leuten», sagt Nayani Suriyarachchi.

(Bild: Manu Friederich)

Markus Dütschler

Lepra? Gibts das überhaupt noch? Und ob. Über 22 000 Menschen stecken sich jährlich an, über 3 Millionen leiden an den Folgen dieser Krankheit. Auch in Sri Lanka, wo Nayani Suriyarachchi lebt und arbeitet, ist die Krankheit präsent, 2000 Personen stecken sich jährlich an, 10 Prozent davon sind Kinder. Die Ansteckungsrate soll gedrückt werden, und in dieser Mission ist die Ärztin im Land unterwegs. «Ich könnte nicht in einem Spital arbeiten, ich muss hinaus zu den Leuten», sagt Suriyarachchi. Während 24 Jahren arbeitete sie für das Gesundheits­ministerium, seit September für die Entwicklungsorganisation Fairmed, vormals Emmaus Leprahilfe Schweiz.

Suriyarachchi ist zu Besuch in Europa, zum ersten Mal in ihrem Leben. Die 50-jährige Medizinerin hat in Würzburg an einem Kongress über Lepra teilgenommen und sich mit Fachleuten aus aller Welt getroffen. Danach ist sie nach Bern gekommen, um die Verantwortlichen von Fairmed kennen zu lernen, in deren Auftrag sie in Sri Lanka arbeitet. Bei ihrem Besuch hat ihr die historische Altstadt sehr gefallen. Von der Schweiz hatte Nayani Suriyarachchi schon als Kind eine positive Meinung. Ein Freund ihres Vaters war Schweizer: «Er besuchte uns oft und brachte feine Schokolade mit», erinnert sie sich. Heute findet sie es bemerkenswert, dass Schweizerinnen und Schweizer einen Teil ihres Geldes spenden, um anderen Menschen zu helfen.

Angst vor der Diskriminierung

Die Zeiten, als man lepröse Menschen – «Aussätzige» – in Siechenhäusern absonderte, sind bei uns längst vorbei. Wer von der bakteriellen Erkrankung befallen ist, bemerkt irgendwann einen rosa Fleck auf der Haut, der gefühlsunempfindlich ist. In Sri Lanka, dessen Bevölkerung dunkelhäutig ist, ist es ein bleicher Fleck. Es sei eine Tröpfchen­infektion wie bei der Tuberkulose, sagt die Spezialistin, allerdings nicht so hochansteckend wie jene Krankheit. «Man kann die Krankheit bekommen, wenn man lange und auf engem Raum mit erkrankten Menschen zusammenlebt.» Zwischen zwei und zehn Jahren dauert die Inkubationszeit. Deshalb erinnern sich viele Patienten nicht daran, wo sie sich angesteckt haben könnten.

Kommt hinzu, dass viele Patienten ihre Krankheit auch nach einer Diagnose verheimlichen – aus Angst vor Diskriminierung. «Manchmal weiss es nicht einmal der Ehepartner», sagt Suriyarachchi. Das erschwert die Behandlung und erst recht die Prävention. Suriyarachchis Arbeit setzt hier ein. Sie verfasst Handbücher und Anweisungen, wie diese Mauer des Schweigens durchbrochen werden kann.

Dabei spielen die «opinion leaders» eine wichtige Rolle: Dorfvorsteher, Hindu-Priester, buddhistische Geistliche, Pfarrer, Imame, auf deren Rat die Leute hören. Denn heutzutage ist Lepra heilbar, die Medikamente wirken, sofern sie korrekt eingenommen werden, was ein halbes bis ein Jahr lang dauern kann. Und wenn die Krankheit unbehandelt bleibt? Dr. ­Suriyarachchi hat schon alles gesehen, krallenartig deformierte Hände oder Patienten, deren Füsse oder Hände unempfindlich geworden sind. Die Folgen sind schlimm: «Die Patienten treten sich einen Nagel ein und merken es nicht oder verbrennen sich die Hand am Kochherd.»

Die Vorteile der Kleinheit

Das Gesundheitsministerium, bei dem Suriyarachchi vor ihrem Engagement bei Fairmed tätig war, ist federführend in der Organisation des Gesundheitssystems in Sri Lanka. Dieses gilt als fortschrittlich. Ob Prävention, Mutterschaft oder die Behandlung einer Krankheit: Alles sei kostenlos, sagt die 50-Jährige. Dies zeigt sich laut der Ärztin in der Statistik: Die Werte in Sri Lanka glichen eher denen von Industriestaaten als jenen von Entwicklungsländern. «Und darauf sind wir stolz.»

Die Mutter zweier erwachsener Kinder räumt ein, dass die Aufgabe überblickbarer sei in ihrem kleinen Land , das «wie ein Tropfen an der Südspitze des indischen Subkontinents hängt». Die langen Jahre im Gesundheitssystem kämen ihr bei der jetzigen Aufgabe zugute: «Ich weiss, wie das System funktioniert und kenne die Leute.» Das mache es einfacher, ein Anliegen durchzubringen. Es sei übrigens eine Besonderheit von Fairmed, dass die Organisation einheimisches Leitungspersonal einsetze.

Mittwoch, 6. Mai, Panel-Diskussion 16–18.30 Uhr, Konzert 19–21.15 Uhr, Zentrum Paul Klee, Bern; Details: www.fairmed.ch/benefizkonzert.

DerBund.ch/Newsnet

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