«Es Bitzeli umefüdle mues scho si»

Feckerchilbi: Hier treffen sich fahrende und sesshafte Jenische, Sinti und Interessierte.

Am Wochenende ist die Feckerchilbi auf der Schützenmatte zu Gast.
Naomi Jones

Eine Gruppe bulliger schwarzgekleideter Männer in Kampstiefeln steht vor der Grossen Halle. Die T- Shirts tragen eine weisse Aufschrift: Security. Darf man hinein? «Aber natürlich, kommen Sie herein», antworten sie freundlich und treten zur Seite. Drinnen wird gerade die neue Wanderausstellung der Radgenossenschaft der Landstrasse über Jenische und Sinti mit dem spontanen Konzert einer bulgarischen Roma-Band eröffnet.

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Die Feckerchilbi ist in Bern. Auf der Schützenmatt stehen Stände mit Antiquitäten, Essen und Kunsthandwerklichem. Im Zentrum ist ein altes Karussell. Gerade klettern die Kinder auf die Pferdchen, Autos und Fahrräder. Das Karussell schwankt ein wenig unter dem Gewicht. Hält es der wilden Horde Stand? Der Karussell-Mann wirft den Motor an. Langsam beginnt es zu drehen. Die Kinder winken.

In Hans Nobels Familie ist das Korbflechten Tradition. Dennoch ist es ein aussterbendes Handwerk. An der Feckerchilbi erklärt er, warum das so ist:

Daneben steht ein Drehorgelmann mit Schwarzer Melone auf dem Kopf und einem tätowierten Igel auf der Schulter. Wofür steht der Igel? «Er ist das Maskottchen der Jenischen.» Warum? Das wisse er nicht, sagt Boris Gass. «Vielleicht, weil man sie früher gegessen hat.» Gass ist Jenischer aus Basel. Seine Eltern seien Artisten gewesen. Er selber, heute pensioniert, war Tierfotograf.

Ein Jäger bietet Felle und Geweihe feil. Neben einem Stapel Schaf- und Ziegenhäute liegen ein Dutzend flache Füchse, Dachse und Marder. Hans Gemperle hat sie im Graubünden gejagt. Der Mittvierziger mit sonnengebräunter Haut und blauen Augen trägt einen ledernen Schlapphut. Hals, Finger und Handgelenke hat er mit selbstgemachten Ketten und Ringen aus Knochen geschmückt. Etwa einmal im Monat verkaufe er seine Felle auf einem Markt, sagt Gemperle. Doch dies sei nicht sein Haupterwerb.

Hans Gämperle ist nicht nur Jäger sondern auch Schmuckdesigner. Aus seinen Errungenschaften stellt er Halsketten und Ringe her. Verkaufen tut er die aber nicht an alle:

Er sei hauptberuflich Wald- und Naturpädagoge und vorwiegend sesshaft. «Aber es Bitzeli umefüdle, mues scho si», sagt er im melodiösen Bündner Dialekt. Auch das Jagen müsse sein. Weil es keine Raubtiere mehr gebe, müsse der Mensch das Raubtier sein. Und wie steht er zum Wolf? «Ich fände es für das natürliche Gleichgewicht positiv wenn wir in der Schweiz mehr Raubtiere hätten», sagt er. Doch mit dieser Meinung stehe er unter Jägern alleine da.

Vor dem Festzelt brennt ein Feuer. Darüber hängt ein Kessel mit Wasser. «Wir machen Fecker-Kafi, Kafi-Schnaps», erklärt die Frau am Topf. Laut Programm sollten nun die sogenannten Gespräche am Feuer stattfinden. Nichtjenische können Jenische zu ihrer Lebensweise befragen. Doch die Gespräche wollen nicht so recht in Gang kommen. Weder gesprächsbereite Jenische noch neugierige Passanten sind da. Nur Dave setzt sich zum Feuer und zündet eine Zigarette an. «Ich liebe Feuer und mir ist kalt», sagt er. Kein Wunder, er trägt eine kurze Hose und eine dünne Jacke mit Kapuze, doch der Sommer hat sich schon verabschiedet. Dave ist Berner. Er verbringe seine Tage oft auf dem Vorplatz der Reitschule.

Gespräche am Lagerfeuer

Nun setzt sich Rosemarie Schmidt, eine Frau mit langen grauen Haaren und langen Kleidern. Sie sei zufällig hier, sagt sie. Vor über zwanzig Jahren habe sie bei der Radgenossenschaft ein Lederetui gekauft, das ihr sehr lieb sei. Nun sei es kaputt gegangen. Auf der Suche nach einem Ersatz habe sie im Internet den Hinweis auf die Feckerchilbi gesehen. Sie sei aus Interesse gekommen. Ihr Urgrossvater sei allerdings ein ungarischer Fahrender gewesen. «Aber er wurde der Liebe wegen im Wallis sesshaft», sagt sie. Venanz Nobel, Geschäftsführer des Vereins Schäft Quant und Mitorganisator der Chilbi, setzt sich zu Schmidt und verwickelt sie in ein Gespräch am Feuer.

Boris Gass dreht seine Orgel, während das Karussell dreht. Die Security-Männer flanieren über den Platz und Kinder flitzen mit rosaroter Zuckerwatte durch die herumstehenden Leute.

DerBund.ch/Newsnet

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