«Er liess allen Platz zur eigenen Entfaltung»

Alexander Tschäppät hat die Stadt Bern stark geprägt. Der «Bund» hat Persönlichkeiten, die ihn in seinem Wirken nahe erlebt haben, um eine Würdigung gebeten.

Alexander Tschäppät 2003 auf der Bundeshauskuppel über «seiner» Stadt.

Alexander Tschäppät 2003 auf der Bundeshauskuppel über «seiner» Stadt. Bild: Hansueli Trachsel

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«Er hat die Stadt verändert wie keiner zuvor»
Regula Rytz

«Alex Tschäppät liebte den Auftritt. Er war ein Meister des Wortes und zog sein Publikum von der ersten Sekunde an in den Bann. Dabei war es ihm gleichgültig, wer vor ihm sass. Er legte sich für Staatschefs genauso ins Zeug wie für die Mitarbeitenden des Tiefbauamtes an der Weihnachtsfeier. Witzig, pointiert, tiefgründig, berührend und provozierend konnte er sein. Wer neben ihm bestehen wollte, musste sein Vertrauen gewinnen und seine kritischen Fragen parieren können. Zum Beispiel im Gemeinderat.

Wenn wir hier mit dicken Ordnern und wohlformulierten Anträgen anrückten, hörte er erst einmal zu. Ruhig, fast abwesend schien er. Und dann kamen die Fragen. Präzis legte er den Finger auf die wunden Punkte. Es wurde gestritten, gerungen – und trotz heftiger Auseinandersetzungen viel gelacht. Wegen seiner Nonchalance und Lebensfreude wird Alex Tschäppät bis heute gerne unterschätzt. Er war viel mehr als ein begnadeter Verkäufer der Stadt Bern. Er hat die Stadt geprägt und verändert wie keiner zuvor.

Alex Tschäppät hat Bern mit Optimismus, Selbstbewusstsein und Grosszügigkeit in eine neue Liga gespielt. Alles Kleingeistige ist ihm fremd. Er kannte weder Ruhepausen noch Bürogummis. Und er hatte einen Plan: Er wollte Bern von einer betulichen Beamtenstadt zu einer pulsierenden, weltoffenen Hauptstadt machen. Das ist ihm gelungen. Urbane Kultur, Tausende von neuen Wohnungen, sportliche Grossevents, die neue Rolle des Politikzentrums Bern – all das ist für mich untrennbar mit Alex Tschäppät verbunden. Ich werde ihm immer dankbar sein.»

Regula Rytz, Nationalrätin, Präsidentin Grüne Schweiz und 2004 bis 2012 Gemeinderätin der Stadt Bern.

«Er konnte mit Leidenschaft die Fäden ziehen»
Alexandre Schmidt

«Damals als Gemeinderat und jetzt mit Alex im Himmel ändert für mich etwas nicht: Ich schaue zu ihm hinauf. Die Türe von Alex stand nicht einfach offen, sondern sie war regelrecht ausgehängt. Seine Verfügbarkeit und sein Interesse waren einzigartig – genauso wie seine Anregungen. Darauf war Gewähr! Sie waren Volltreffer. Denn er kannte nicht einfach seine Stadt, sondern er spürte auch das Unsichtbare an Bern: dessen Seele, Gefühle und Eigenwilligkeit. Darum wusste er auch so gut, was drin lag und was nicht. Auf seine Weitsicht war Verlass.

Seine Familie war sein Kraftort. Seine Eigenschaften umfassten einen verlässlichen Instinkt, rhetorische Brillanz, Verhandlungsgeschick, Überzeugungskraft, Begeisterungsfähigkeit sowie Raffinesse im Umgang. Darum konnte er mit Leidenschaft die Fäden ziehen. Gleichwohl nutzte er seine Stärke nie aus, sondern liess allen auch Platz zur eigenen Entfaltung. Er schenkte Vertrauen. Und wenn er mal in eine schwierige Situation geriet, zeigte er, dass man solche mit Demut, Einsicht und immer wieder mit Humor meistern kann.

Im Gemeinderat begann Alex schwierige Sitzungen mit Sprüchen und Anekdoten. So entspannte er die Atmosphäre, was Voraussetzung für Erfolg ist. Damit wir als Team entstehen konnten, bestand er auf gemeinsamen Erlebnissen und Sitzungen auswärts. Animositäten überdauerten nie die Sitzungsdauer. Mit Alex, das wussten wir alle, lag die Friedenspfeife zwar unsichtbar, aber gleichwohl immer mitten auf dem Sitzungstisch.

Lieber Alex, ich vermisse Dich. Die Spuren Deines Wirkens werden noch lange leuchten.»

Alexandre Schmidt, FDP, war von 2013 bis 2016 Gemeinderatskollege und gleichzeitig politischer Gegner von Alexander Tschäppät.

«Nicht nur witzig und spontan, auch aufrichtig und demütig»
Walter Däpp

«‹Wer sollte sich für das interessieren, was längst passé ist?›, meinte Alexander Tschäppät zur Idee, ein Buch über die Ära Tschäppät zu verfassen – über ihn, seinen Vater Reynold und seinen Grossvater Henri. Er habe nicht den Anspruch, unsterblich zu sein. Und er habe ‹keine Kernkompetenzen anzubieten, die für die Menschheit von Bedeutung wären›. Da täuschte er sich. Denn er lebte genau das vor, was man bei allzu vielen selbstverliebten und machtbesessenen Politikern an Kernkompetenzen vermisst – hierzulande und anderswo. Alexander Tschäppät war eben nicht nur der schalkhafte, witzige, schlagfertige, spontane und manchmal vielleicht ein bisschen zu spontane Stadtvater, nein: Er war auch verlässlich, aufrichtig, gradlinig, fair, offen (auch weltoffen), sensibel, mutig – und demütig. Und auch selbstkritisch: Er räumte ein, halt auch mal einen Fauxpas zu begehen, dann aber dazu zu stehen. Das sind doch Kernkompetenzen, die – nicht nur für uns Bernerinnen und Berner, sondern durchaus auch ‹für die Menschheit› – von Bedeutung sind.

Unsere persönlichsten Begegnungen, lieber Alex, fanden nicht im Parlamentsgebäude, nicht im Rathaus und nicht im Erlacherhof statt, sondern im Schosshaldenwald, wo die Hunde deiner Partnerin dich oft spazieren führten. Über Gott und die Welt (und Bern) sprachen wir da, über die Stimmungen im Wald, natürlich auch über unsere Kniebeschwerden oder über YB. Diese Begegnungen finden nun nicht mehr statt. Das tut weh.»

Walter Däpp war langjähriger «Bund»-Journalist und ist Mitautor der Biografie «Tschäppät».

«Er hat Spuren hinterlassen: gegen 2000 neue Wohnungen»
Bernhard Giger

«Es war im Mai 2002, an der Eröffnung der vom Atelier 5 realisierten Nordhalle im Berner Bahnhof. Ein sonniger Frühlingstag. Alexander Tschäppät, der Baudirektor, kam die Treppe hoch, über ihm die hohe Konstruktion des lichten, gläsernen Korridors. Tschäppät strahlte, wie ich ihn sonst kaum je strahlen sah, es war nicht das feine, spitzbübische Lächeln, das alle kannten, nein, es war eine tiefe Zufriedenheit, vielleicht auch Glück, die hier zum Ausdruck kamen. So wie die Nordhalle – städtebaulich überlegt und architektonisch von hoher Qualität –, so hat er sich das neue Bern vorgestellt, sein Bern in unserer Zeit.

So wollte er auch Wohnungen bauen. ‹Die Städte haben ihre Aufgaben nicht gemacht›, sagte er, als diese wieder attraktiv wurden, aber zu wenig Wohnungen anbieten konnten, ‹wir sind im Verzug.› Er machte sich dahinter, und er hat Spuren hinterlassen, gegen 2000 neue Wohnungen. Keiner hat so viel Dynamik in die Stadtentwicklung gebracht wie er – ausser, ja, ausser fast fünfzig Jahre früher sein Vater.

Neben dem Bild der Nordhalle bleibt ein anderes haften. Im Büro hatte er Balthasar Burkhard aufgehängt, grossformatige, Schwarzweissfotografien. Nicht eine oder zwei, nein, er hat die Wände damit tapeziert. Darauf hat er geschaut, wenn er mit Bern im Geschäft und im Gespräch war, und das waren weite Blicke.»

Bernhard Giger ist Leiter des Berner Kornhausforums. Der Journalist, Fotograf und Filmemacher ist Mitautor der 2016 erschienenen Biografie «Tschäppät».

Erstellt: 06.05.2018, 20:34 Uhr

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