Er lässt sich nicht lumpen

Die Tour de France soll Bern auf der ganzen Welt bekannt machen. Dafür werben muss Alexander Tschäppät vor allem bei den Bernern.

Am Ziel: Tschäppät auf der Papiermühlestrasse, wo am 18. Juli die 16. Etappe der Tour de France enden wird.

Am Ziel: Tschäppät auf der Papiermühlestrasse, wo am 18. Juli die 16. Etappe der Tour de France enden wird.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Adrian M. Moser@AdrianMMoser

Wenn am Montag, 18. Juli, um voraussichtlich 17.33 Uhr der Sieger der 16. Etappe der Tour de France 2016 die Arme in die Höhe reisst, dann siegt auch Alexander Tschäppät ein bisschen mit. Zuvor wird er Hunderte Hände geschüttelt und Dutzende Small Talks geführt haben, er wird unzählige Male gesagt haben, wie sehr er sich auf die Tour freue und ebenso oft, wie es dazu gekommen sei, dass das grösste Velorennen der Welt an diesem Tag in Bern stattfindet.

Während dann auch die Nachzügler durchs Ziel auf der Papiermühlestrasse rollen, von ihren Helfern in Empfang genommen und in Richtung der Teambusse geschoben werden, wird der Berner Stadtpräsident stolz sein auf den Beitrag, den er dazu geleistet hat. Vielleicht wird er die Gelegenheit bekommen, dem Etappensieger die Hand zu schütteln. Vielleicht ist es Fabian Cancellara. Das ist Tschäppäts Traum, dass der Superstar aus Ittigen, der im Ausland mehr Beachtung findet als zu Hause, in seiner letzten Saison in seiner Heimat noch einmal eine Etappe der Tour de France gewinnt. Es muss viel zusammenpassen, wenn es so weit kommen soll. Aber das musste es auch, um die Tour nach Bern zu holen.

Erst die Antwort, dann die Fragen

«Nehmen Sie Platz», sagt Tschäppät und deutet auf den Stuhl am Sitzungstisch. Durch die Balkontür weht ein kühler Wind herein, überall liegen Bücher und Unterlagen herum, und auf dem Tisch stehen noch die leeren Kaffeebecher von der letzten oder vorletzten Sitzung. Tschäppät hat sich noch nicht gesetzt, als er zu reden beginnt. «Eine Stadt wie Bern muss sich immer wieder neu bewerben, wenn sie nicht in Vergessenheit geraten will. Es spielt keine Rolle, ob Velo, Turnen oder Fussball, aber automatisch geht nichts. Und die Nachhaltigkeit, die gibt es nicht mehr in dieser Welt. Wer weiss noch, wo die letzten Olympischen Spiele waren, wer weiss noch, wer zuletzt Eiskunstlauf- oder Eishockey-Weltmeister wurde? Nachhaltig sind nur noch die riesigen Sportanlässe, und dort ist das Nachhaltige meist das Negative, Sotschi lässt grüssen. Die Frage ist nicht, ob die Leute in zehn Jahren noch wissen, wer die Tour-de-France-Etappe in Bern gewonnen hat. Die Frage ist, ob Aufwand und Ertrag in einem guten Verhältnis stehen. Bern hatte immer wieder grosse Sportanlässe und hat das auch gut gemacht. Die Tour de France ist eine weitere solche Möglichkeit. Wenn ich sehe, was dieses Rennen für eine weltweite Ausstrahlung hat. China kommt ganz gross im Velo und Afrika auch. Hier stimmt das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag.»

Tschäppät hält dieses Plädoyer, bevor man eine einzige Frage gestellt hat. Die Verve, mit der er es vorträgt, steht für zwei Dinge: die Begeisterung, mit der er die Tour-Sache angeht, und die Skepsis, die ihm dabei entgegenschlägt. Er hat die Fragen schon so oft gehört, dass er sich genötigt sieht, sie auf Vorrat zu beantworten: Was bringt uns das? Warum soll man dafür Geld ausgeben? Kommen danach wirklich mehr Touristen?

Eine Goodwill-Angelegenheit

Wer wann zum ersten Mal daran dachte, die Tour de France nach Bern zu holen, lässt sich nicht mehr so genau sagen. Wohl war es Andy Rihs, der die Idee als Erster mit sich herumtrug. Der schwerreiche Unternehmer engagiert sich seit Jahrzehnten im Radsport. Er war Besitzer des Phonak-Teams, das 2006 nach diversen Dopingskandalen aufgelöst wurde, und finanziert heute das BMC-Team, das 2011 mit Cadel Evans die Tour de France gewann.

Rihs war für Tschäppät die entscheidende Verbindung in den innersten Zirkel des Radsports. Denn wer die Tour in seiner Stadt haben will, verschickt kein dickes Bewerbungsdossier, sondern braucht dicke Freunde. Oder wie Rihs es einmal ausgedrückt hat: «Das ist eine Goodwill-Angelegenheit.»

Vor einigen Jahren haben Tschäppät, Rihs und der Velounternehmer Thomas Binggeli ein erstes Mal darüber gesprochen, dass man die Tour nach Bern holen könnte. Rihs hat dem Tour-Direktor Christian Prudhomme einen Brief geschrieben. 2013 sind die drei nach Frankreich gereist, um der Etappenankunft auf dem Mont Ventoux beizuwohnen. Dort kam Tschäppät erstmals mit Prudhomme zusammen.

Damit war das Interesse offenbar geweckt. Prudhomme kündigte sich zu einem Besuch in Bern an, und Tschäppät liess sich nicht lumpen. Zusammen mit Bundesrat Ueli Maurer und den Regierungsräten Hans-Jürg Käser und Andreas Rickenbacher machte er den Besuchern aus Frankreich den Hof. Essen im Von-Wattenwyl-Haus, Stadtpräsentation im Erlacherhof. «Die mussten spüren, dass sie willkommen sind», sagt Tschäppät. Im Sommer 2015 kamen die Franzosen ein zweites Mal nach Bern.

Feiern im Windschatten

Am 20. Oktober reisten Tschäppät, Rihs und Binggeli nach Paris zur Präsentation der Tour de France 2016. Dort wurde es offiziell: Am 18. Juli endet eine Etappe in Bern, und zwei Tage später führt eine weitere von Bern nach Finhaut-Emosson im Wallis. Dazwischen liegt ein Ruhetag. Tschäppät jubelte und die Hoteliers auch. Nur: Als er nach Bern zurückkehrte, fand er seine Stadt nicht in einem Vorfreudentaumel. Eher war es ein kollektives Schulterzucken. Die Tour kommt nach Bern? O. K.

Tschäppät passt in dieser Hinsicht nicht zu seiner Stadt. Hier der Stadtpräsident, der sein Bern präsentieren will, der es mag, wenn etwas läuft und der sich auf den 18. Juli freut wie ein kleines Kind. Dort die Berner, die zuerst fragen, was es kostet, die es mögen, wenn etwas läuft (aber nicht zu viel) und denen der 18. Juli mehrheitlich kein Begriff sein dürfte. So war es auch schon vor der Fussball-EM 2008. Damals retteten die Holländer den Bernern die Party. Feiern im Windschatten, könnte man dem auch sagen.

Solchen wird es bei der Tour de France nicht geben. Das Publikum von Velorennen besteht vor allem aus Einheimischen – auch in Frankreich, Holland, Belgien oder England, wo diese Veranstaltungen Hunderttausende anziehen. Nimmt man die Tour de Suisse als Referenz, darf man für den Berner Tour-de-France-Besuch keinen Massenauflauf erwarten. Als vor einem Jahr gleich zwei Etappen in Bern stattfanden, auf einem Rundkurs, am Wochenende, ausserhalb der Sommerferien, bei schönem Wetter, hielt sich das Interesse in engen Grenzen. Für die beiden Tour-de-France-Etappen in der Schweiz erhofft sich Tschäppät insgesamt 100'000 Zuschauer – ein ambitioniertes Ziel und doch nur ein Bruchteil der Masse, die in anderen Ländern die Strasse säumt, wenn die Tour kommt.

«Wir sind Bedenkenträger»

Wenn man ihn fragt, ob es ihm nahegehe, dass die Berner seine Bemühungen nicht deutlicher schätzen, sagt er: «Nein, es geht mir nicht persönlich nahe. Aber ich finde, dass wir uns mehr ins Schaufenster stellen sollten.» Und dann redet er sich wieder in Fahrt: «Mit dieser selbst auferlegten Bescheidenheit kommen wir nicht weiter. Wir haben allen Grund, stolz zu sein auf unsere Stadt. Aber wenn man sagt, wir haben eine tolle Stadt, besucht uns, dann kommt das bei den Bernerinnen und Bernern oft nicht gut an. Den Leuten scheint es wohler zu sein, wenn man ein bisschen in sich hinein murmelt. Wir sind unglaublich zurückhaltend, wenn man es höflich ausdrücken will. Wir sind Bedenkenträger. Wir sagen nicht super, die Tour kommt nach Bern, da machen wir etwas Tolles daraus. Wir sagen jääh, aber da könnte doch ein Doper dabei sein, und dann ist die Strasse gesperrt, und wie komme ich dann zu meinem Einkaufszentrum. Dabei geht am Montagnachmittag, im Hochsommer, wenn es 35 Grad im Schatten ist, nun wirklich nicht tout Berne ins Einkaufszentrum.»

Ende 2016 wird Tschäppät das Amt des Stadtpräsidenten nach zwölf Jahren abgeben. In der Disziplin «Stadtpräsident holt Sport-Event nach Bern» hat er in dieser Zeit so machen Sieg errungen. Die Tour de France wird sein letzter sein. Doch auch in den Monaten, die danach noch bleiben, wird er weiterwerben – bei den Bernern und für Bern und manchmal beides zusammen.

Der Bund

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