«Er ist nicht populistisch, sondern populär»

Die Ära Tschäppät neigt sich dem Ende entgegen – Zeit für eine Verneigung von Freunden und Gegnern. Am Freitagabend haben 550 Gäste den Berner Stadtpräsidenten gefeiert.

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Markus Dütschler

Wie sang einst Udo Lindenberg: «Ich muss da was klär’n mit eurem Oberindianer.» Mit dem Berner Oberindianer muss nichts geklärt werden: Alexander Tschäppät (SP) tritt in wenigen Tagen zurück. Es ist Zeit, ihm zu danken und an die Ära zu erinnern, in der er die Stadt gestaltet hat, zuerst vier Jahre als Tiefbaudirektor («I wisch for you») und dann zwölf Jahre als Stadtpräsident.

Nun sind sie alle im Bierhübeli versammelt, um von diesem Stapi Abschied zu nehmen, der «nicht populistisch war, sondern populär», wie es Simonetta Sommaruga formuliert. Die Bundesrätin sagt, der Alex sei «nie langweilig» gewesen, stets habe man ein Kribbeln verspürt in Erwartung eines Ausrutschers oder eines Seitenhiebs – «auf jeden Fall hatte er immer eine Meinung». Tschäppät bedankt sich mit einem Schmatzer auf Sommarugas Backe, wie er Brüssels Jean-Claude Juncker nicht inniger gelänge.

Neben Sommaruga sind etliche weitere Prominente herbeigeeilt, um dem scheidenden Stadtvater Auf Wiedersehen zu sagen: Tschäpppät burgerliches Pendant Rolf Dähler, der von sich sagt, kein guter Redner zu sein. Deshalb bringt er einen launigen Vers von Guido Schmezer mit, besser bekannt als «Ueli der Schreiber», denn etwas sagen müsse man ja – «aus Courtoisie».

Sogar der populäre Dölf Ogi, unvergessen nicht nur wegen der Kult-Neujahrsansprache im Jahr 2000 vor dem Portal des Lötschbergtunnels, eilt durch die Hintertür ins Bierhübeli. Hier hat sein SVP-Urvater Minger Rüedu 1917 die SVP-Vorgängerin BGB ins Leben gerufen. Nun sagt Urenkel Ogi, er wolle zeigen, dass man auch über Parteigrenzen hinweg respektvoll miteinander umgehen könne. Die Episode mit Tschäppäts Anti-Blocher-Rap in einer Berner Beiz ist vergeben und vergessen.

Barbara Egger (SP), die kantonale Baudirektorin, hat in einem Rucksack fast alle Geschenklein mitgebracht, mit denen Tschäppät für seine Wiederwahlen geworben hat: den Doppelmeter («Ihre Stimme ist massgebend»), den Hut («Bärn brucht ä Tschäppu»), den Stadtplan («mein Plan für Bern») – oder die er sonst unter die Leute gebracht hat: Tour-de-France-Leibchen und Stadtfestsäckli.

Jetzt sei es an der Zeit, auch ihm ein Geschenk zu machen, sagt Genossin Egger. Leider sei es kein YB-Meisterpokal. 1986 gabs den letzten, und Tschäppät hätte in seiner Amtszeit so gerne einen überreicht. Nun sind frühere YB-Torkönige auf der Bühne, Lars Lunde und Stéphane Chapuisat. Das muss genügen. Dafür hatte Tschäppät die Euro 08 in Bern.

Er ist gerührt. Die 550 Gäste im Saal hätten ihn alle begleitet und mitgeholfen, Bern zu einem schöneren Ort zu machen. Ganz besonders wolle er seiner Frau danken, denn «ds Chrigeli», Christine Szakacs, habe es mit ihm nicht immer leicht gehabt. Sie habe ihn bei Depressionen aus dem Loch geholt, bei Euphorien auf den Boden der Realität befohlen und ihn «gstüpft», wenn er sich selbst bedauert habe. Dann schickt er ein Küsschen in Richtung First Lady.

Schliesslich kommt vor dem Wunschmenü Tschäppäts, Gehacktes und Hörnli, noch ein Italiener auf die Bühne – «kein Witz», wie es in der Ankündigung heisst. Auweia, denken alle, nicht schon wieder Italienerwitze, das kommt nicht gut. Doch die Bühne betritt ein Italiener, der Witze macht, Massimo Rocchi, der längst Schweizer ist und alle Mentalitäten und Skurrilitäten der Menschen durchschaut. Im Saal ist es stickig heiss. Gerade als Rocchi zu einem Exkurs über Feuerlöscher ausholt, wird die Lage im Saal ernst. Jemand kippt um und braucht Kühlung. Rocchi unterbricht sein Programm für einige Minuten, «denn das Leben ist wichtiger», kein Witz.

Aber weshalb nur trägt Tschäppät die verflixte Indianer-Federpracht auf dem Haupt? Die hat ihm Reto Nause (CVP) verpasst, laut Eigendeklaration «der letzte Mohikaner» bürgerlicher Provenienz in der Regierung. Als Vize-Stadtpräsident wird er im neuen Jahr sozusagen als Reichsverweser die Sitzung leiten, weil «die Stapi» oder «dy Stapi» dann noch nicht gewählt ist. Das Kriegsbeil sei begraben, sagt Nause, die Friedenspfeife geraucht. Damit sich bei Tschäppät «nicht der Skalp lichtet», wenn er sich ob der Taten seiner Nachfolger die Haare raufe, schenke er ihm diesen prächtigen Federschmuck, sagt Nause. Hugh!

Der Bund

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