Der neue Vertrag des Intendanten

Hat Stephanie Gräve den Preis für die Machtansprüche ihres Chefs bezahlt? Mittels Vertragsänderung wurde Stephan Märki vom Direktor zum Intendanten.

Was führte zur Absetzung von Schauspielchefin Stephanie Gräve (links)? Nicht nur Intendant Stephan Märki hüllt sich in Schweigen.

Was führte zur Absetzung von Schauspielchefin Stephanie Gräve (links)? Nicht nur Intendant Stephan Märki hüllt sich in Schweigen. Bild: Adrian Moser

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Es war die letzte Parlamentssitzung der abtretenden Stadträtin Daniela Lutz-Beck (GFL). Und ihr letzter parlamentarischer Vorstoss. Mit ihm hat sie am Donnerstagabend dafür gesorgt, dass der Fall Gräve nun auch die Politik erreicht hat. In einer Kleinen Anfrage will sie vom Gemeinderat wissen, wie er sich zum Vorgehen des Stiftungsrats des Stadttheaters stellt, der die Leiterin des Schauspiels per sofort abgesetzt hat. Aber auch zu den Befugnissen des Intendanten, der den Antrag auf Gräves Freistellung gestellt und den Stiftungsrat hinter sich gebracht hat: Stephan Märki.

Er selber wusste davon am Donnerstagabend nichts: «Wir sind am Arbeiten, der Betrieb läuft prima.» Allerdings rückt mit dem parlamentarischen Vorstoss eine Frage in den Blick, die in der Branche schon seit einiger Zeit diskutiert wird: Stehen gewachsene Machtansprüche des Intendanten hinter der Freistellung der Schauspielleiterin? Der Stiftungsrat habe Märkis Vertrag um vier Jahre «verlängert», teilte Konzert Theater Bern (KTB) am 16. September 2014 mit – im selben Communiqué, in dem auch die Wahl Stephanie Gräves bekannt gegeben wurde.

Ganz korrekt war die Information nicht: Der Vertrag des Intendanten, gültig von der aktuellen Spielzeit 2015/16 bis 2018/19, wurde nicht nur verlängert, sondern auch verändert. Auf eigenen Wunsch, und zwar in zwei Punkten: Der Stiftungsrat erlaubte Märki, einmal pro Jahr selber Regie zu führen. Zudem ist er neu nicht mehr «Direktor», sondern «Intendant». Heisst: Er ist nicht mehr nur der Leiter, der das Haus organisiert und die Sparten beaufsichtigt. Sondern auch Künstler.

«Ich ordne mich unter»

Eine Ambition, die man in den Programmheften des Stadttheaters vorgespurt findet: Sein Vorwort zur Vorschau auf die Saison 2013/14 unterschreibt Märki noch als Direktor. Jenes zur Saison 2014/15 dann schon als Intendant. Der neue Titel sei «lediglich eine Anpassung an den allgemeinen Sprachgebrauch in der Theaterwelt», erklärt Jens Breder, der Kommunikationsverantwortliche des Hauses. Anderweitige Bedeutung habe die Vertragsänderung nicht. Und über sie informiert habe man seinerzeit nicht, weil sie «relativ unspannend» sei.

Relativ spannend schilderte derweil Märki seine Funktion letzten Oktober. «Ich musste beim Stiftungsrat hart darum ringen, mein Verständnis durchzusetzen: dass die Aufgabe eines Intendanten vor allem eine künstlerische ist», erklärte er der «Berner Zeitung» im Vorfeld seiner Inszenierung von Wagners Oper «Lohengrin», mit der er als Regisseur in Bern debütierte. Wie aber agiert ein Regisseur im internen Wettbewerb um Ressourcen und Positionen in einem Theaterhaus, wenn er zugleich dessen Chef ist? «Wenn ich Regie führe, dann ordne ich mich unter», so Märki im Interview: «Ich bin dann nicht Intendant, sondern Regisseur.»

Tönt einfach. Ist aber womöglich nicht ganz so einfach. Und das hat sich am selben Theater eventuell schon einmal gezeigt. Auch Marc Adam, Märkis Vorgänger, führte anfangs in Bern keine Regie, wie ihm das sein Vertrag für zwei Jahre vorschrieb: ein Direktor mit beschränkten künstlerischen Funktionen.

Am Ende brachte ihn der Aufstand seines Schauspielchefs zu Fall: Im April 2010 wehrte sich Erich Sidler öffentlich gegen die intransparente Zuteilung von Mitteln, mit denen Adam jene Sparte alimentierte, in der er mittlerweile selber Kunst machte – das Musiktheater. Märki ist nicht Adam. Aber wiederholt sich da ein Konflikt um Macht und Zuständigkeit mit anderen Vorzeichen?

Zunehmend infrage gestellt

Märki stellt klar: An seinen Befugnissen habe sich mit dem neuen Vertrag gar nichts geändert. An der Organisation im Haus auch nicht. «Ich hatte von Anfang an ein Durchgriffsrecht, auch in künstlerischen Belangen.» Und Intendant – «das ist die übliche Bezeichnung für meine Position». Damit würden auch Missverständnisse ausgeräumt, weil die Spartenleiter ja ebenfalls Direktoren heissen.

Anderes hört man von Beobachtern aus dem Umfeld des Theaters. Sie erklären übereinstimmend, Gräve habe den Preis für Märkis Ambitionen und für seinen gewachsenen Einfluss bezahlt. «Sie war nach wie vor verantwortlich für den Spielplan, für die Wahl von Stücken und Regisseuren, für den Erfolg ihrer Sparte. Er konnte ihr aber jede Entscheidung verbieten und seine bevorzugten Leute durchsetzen.» Dieses Recht habe er sich – gestützt durch seine vertraglich verbriefte Aufwertung zum Intendanten – in einem Mass genommen, das ihre Position zunehmend infrage gestellt habe. Das sei bei der Arbeit an der aktuellen Saison noch kein Problem gewesen. Eskaliert sei der Konflikt dann aber bei der Planung der kommenden Spielzeit. Mit dem bekannten Ergebnis: Der Stiftungsrat stellte sich hinter Märki.

Über sein Verhältnis mit der bisherigen Schauspielleiterin will er sich ebenso wenig äussern wie Gräve über ihres zu Märki. Nur so viel: Nächste Saison will er darauf verzichten, erneut zu inszenieren. Aber mit schlechten Erfahrungen hat das nicht unbedingt zu tun: Bis das Theater die Leitung des Schauspiels per Sommer 2017 neu besetzen kann, übernimmt Märki diese Arbeit zusätzlich. Auf eigenen Wunsch. (Der Bund)

Erstellt: 05.02.2016, 07:08 Uhr

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