Solarstrom für städtische Mieter

Auch Mieter sollen Sonnenstrom vom Dach verbrauchen können. Der Stadtberner Versorger EWB entwickelt solche Angebote. Das Vorzeigeprojekt ist ein Hochhaus in Bern-West.

Die EWB hat 2016 einen Gewinn von 32.8 Millionen Franken erwirtschaftet.

Die EWB hat 2016 einen Gewinn von 32.8 Millionen Franken erwirtschaftet. Bild: Adrian Moser

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Die Initiative kam von der Wohnbaugenossenschaft Bümpliz. Als Wasserschäden zeigten, dass eine umfangreiche Sanierung des Hochhauses an der Stapfenstrasse 45 in Bern-West nötig wurde, wollte man den Block mit über 130 Wohnungen auch energetisch sanieren. Der Verbrauch sollte auf den Minergiestandard gesenkt – und der restliche Strombedarf so weit wie möglich mit Solarenergie gedeckt werden.

Doch es war gar nicht so einfach, eine Firma zu finden, die dies realisieren wollte. Der Stadtberner Versorger Energie Wasser Bern (EWB) stieg dann nach mehreren Absagen auf den Wunsch ein. Stolz präsentiert EWB nun das Hochhaus als Vorzeigeobjekt im publizierten Jahresbericht, in dem EWB für 2016 einen erhöhten Jahresgewinn von knapp 33 Millionen Franken ausweist (siehe Box).

Solarstrom selber brauchen

Die inzwischen weitgehend realisierte Lösung für das Hochhaus soll die Rolle unterstreichen, die EWB künftig anstrebt: «Wir wollen der Gesamtenergiespezialist sein, insbesondere auch für jene Kunden, die selber erneuerbaren Strom produzieren», lautete im Mediengespräch zum Jahresabschluss das Credo von EWB-Chef Daniel Schafer.

Im Hochhaus an der Stapfenstrasse produzieren Solarzellen auf dem Dach und an den Fassaden künftig mehr als die Hälfte des Jahresstrombedarfs. Ergänzt wird die Stromversorgung mit einer kleinen Gasturbine, die sowohl Strom als auch Wärme liefert, und einem Gaskessel für kalte Tage. Insgesamt werden künftig 85 Prozent der benötigten Elektrizität auf und in dem Hochhaus produziert.

Zuerst Skepsis bei Mietern

«Eine gute Sache» ist dies für den Präsidenten der Wohnbaugenossenschaft Bümpliz, Fritz Roth. Er war deshalb ein bisschen erstaunt über die anfangs skeptische Reaktion einiger Mieter. «Wir haben ja Strom, weshalb sollen wir diesen selber produzieren?», wurde er etwa gefragt. Die Genossenschaft führte zusammen mit EWB eine Informationsveranstaltung durch. Inzwischen stünden die meisten Mieter dem Solarstrom von Dach und Fassade «positiv gegenüber», sagt Roth. Jedenfalls würden die Mieter «ohnehin nichts merken». Der Strom komme weiterhin, und er sei sogar ein bisschen günstiger. Zwar ist Solarstrom immer noch ein wenig teurer als Graustrom, obwohl die Produktionskosten massiv gesunken sind. Doch fast die Hälfte der Stromkosten macht die Stromverteilung aus – und diese entfällt bei dem Strom, der vor Ort mit Solarzellen und Gasturbine produziert wird.

Laut EWB-Chef Schafer gibt es inzwischen in Bern mehr als ein Dutzend «Eigenverbrauchsgemeinschaften». In solchen schliessen sich die Eigentümer oder Mieter von grösseren Häusern zusammen, um Solarstrom vom eigenen Wohnhaus möglichst weitgehend auch in den eigenen vier Wänden zu verbrauchen. Der Eigenverbrauch in grossen Wohn- oder Geschäftsgebäuden ist eine Möglichkeit, um Solarenergie in die Stadt zu bringen. Denn bisher waren Solarzellen in erster Linie für Besitzer von Einfamilienhäusern, Industriegebäuden oder Bauernhöfen attraktiv – also in der Tendenz ein eher ländliches Phänomen.

Anteile an Solardach kaufen

Auf andere Weise will der Verein Sunraising Solarstrom in der Bundesstadt etablieren. Er verkauft Stromanteile von gemeinsam finanzierten Solaranlagen. Ein Quadratmeter Solarpanel kostet 350 Franken. Dafür kann man dann 20 Jahre lang jährlich 110 Kilowattstunden (kWh) Sonnenstrom beziehen. Dies entspricht rund einem Zehntel des Stromverbrauchs einer Person. Das Echo sei erfreulich, sagt die Mitinitiantin (und GLP-Stadträtin) Melanie Mettler. «Wir erreichen viele Leute, welche die Energiewende für sich erlebbar machen wollen.» Und das Angebot steht unabhängig von der Wohnsituation allen offen.

Bisher machen rund 150 Personen mit. «Die Spanne reicht von Leuten, die einen, bis zu solchen, die 20 Quadratmeter kaufen», sagt Mettler. Stadt und EWB unterstützen die Initiative. Die Stadt, indem sie Dächer eigener Liegenschaften günstig zur Verfügung stellt. EWB zieht Kunden den Solarstrom, auf den sie via Sunraising-Anteile Anspruch haben, von der Stromrechnung ab.

Ob EWB sich als Partner für stromproduzierende Kunden etablieren kann, dürfte auch von den Tarifen abhängen, die es diesen für ihren überschüssigen Solarstrom bietet. Denn Solarstrom wird sich kaum je vollständig im eigenen Haus verbrauchen lassen. Die Konkurrentin BKW hat diese Tarife drastisch auf 4 Rappen pro kWh gesenkt und so viel Goodwill in der Solarszene verspielt. EWB liegt momentan bei 10,1 Rappen. Ob auch EWB diese Tarife senken wird, liess Schafer offen. «Der Markt spricht für eine Senkung», sagte er. «Aber wir sind via unsere Eigentümerin Stadt auch zur Förderung der dezentralen erneuerbaren Stromproduktion verpflichtet.» (Der Bund)

Erstellt: 03.04.2017, 13:40 Uhr

Energie Wasser Bern: Gewinn höher als im Vorjahr

Der Stadtberner Energieversorger EWB hat 2016 trotz «schwierigem Marktumfeld» einen Gewinn von 32,8 Millionen Franken erwirtschaftet, wie er mitteilte. Davon fliessen 22,5 Millionen in die Stadtkasse. Der Jahresgewinn liegt auf dem Niveau von 2014 und ist rund doppelt so hoch wie im Vorjahr. 2015 hatten noch Sondereffekte – unter anderem eine Wertberichtigung der Energiezentrale Forsthaus – auf den Gewinn gedrückt.

Ab 2018 wird die Gewinnablieferung von EWB an ihre Eigentümerin, die Stadt Bern, sinken. EWB muss der Stadt nicht mehr jährlich fix 22,5 Millionen Franken abliefern. Das neue Abgeltungsmodell sieht einen fixen Beitrag von 18 Millionen plus einen variablen Anteil von 40 Prozent des Jahresgewinns vor. Diesen variablen Teil muss EWB aber nur dann ausrichten, wenn der Jahresgewinn 45 Millionen übersteigt. Für 2016 wären nach diesem Modell der Stadtkasse 4,5 Millionen weniger zugeflossen. (sda)

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