Einige Filme würde er am liebsten zehn Mal anschauen

Der 17-jährige Schüler hat einen Film produziert – und schaut viele Kinostreifen, um von den grossen Vorbildern zu lernen.

Fototermin am Filmdrehort: Der 17-jährige Nikolai Paul.

Fototermin am Filmdrehort: Der 17-jährige Nikolai Paul. Bild: Franziska Rothenbühler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Erblich «vorbelastet» ist Nikolai Paul nicht, was die Filmerei angeht. Vater und Mutter seien beide in einem Pflegeberuf tätig, sagt der 17-Jährige. Zuerst hätten sie befürchtet, er verschreibe sich einer brotlosen Kunst, eine Ausbildung in der IT-Branche würde mehr bringen. «Inzwischen unterstützen sie mich aber voll.» Bei einem Freund des Vaters organisierte Nikolai eine professionelle Kamera samt Ausrüstung und tat sich mit zwei Teamkollegen zusammen: Angus MacKenzie und Florian Seifert. Auch wurde im Bekanntenkreis das nötige Geld gesammelt, etwa 2000 Franken. Die Mutter brachte ihn auf die Story eines Sans-Papiers. Der Mann kam in einem Berner Spital zu ihr in die Sprechstunde. Sie war beeindruckt von seinem Leben als Mensch, der physisch hier lebt, aber rechtlich nicht existiert. Der Bub hörte die Geschichte mit grosser Betroffenheit. Heute besitzt der Mann aus Afrika eine Aufenthaltsgenehmigung und spielt als «Mr. Oman» im Film gewissermassen sich selbst. Der Kurzfilm dauert nur gerade 11 Minuten und 9 Sekunden, doch reicht dies aus, um die schwierige Geschichte des Mannes zu erahnen.

Beim Gespräch mit Nikolai fällt auf, dass er sich geistig voll auf das Thema konzentriert. «Ich habe manchmal einen Röhrenblick», sagt der Schüler, «wie ein Greifvogel, der sich auf die Maus konzentriert.» Nikolai hat ein Asperger-Syndrom, das nicht sofort erkennbar ist, sich aber manchmal ungünstig auswirkt. Er habe deshalb einige Jahre in einem heilpädagogischen Schulheim verbracht, wo aber die Verantwortlichen nicht verstanden hätten, was er brauche. Doch er habe hart an sich gearbeitet. Nun besuche er den Muristalden – eine Schule, in Bern, in der schon etliche «Problemschüler» den Knopf aufmachten. Da er wegen einer motorischen Schwäche unleserlich schreibt, darf er den Computer benutzen. Nikolai ist offenbar ein begabter Schüler, der aber den Aufwand für die Hausaufgaben in den verschiedenen Fächern so dosiert, dass für die Filmerei genug Zeit bleibt.

Denn mit dem Filmen ist es ihm ernst. So besuchte er in Zürich beim Drehbuchautor Urs O. Bühler einen Kurs. «Die anderen Teilnehmer waren zwischen 30 und 65.» Es habe ihm gefallen, und der Kurs habe ihm viel gebracht, sagt Nikolai, doch die Zugfahrten und die späte Heimkehr seien ihm zu viel geworden. Nun vertiefe er sich im Selbststudium in Lehrbücher, «das ist für mich besser». Angefressen vom Film sei er, «aber kein Film-Junkie». Er sehe bei Kollegen, wie sie in jeder freien Minute Filme schauten, sogar in der Schulpause. «Das mache ich nicht.» Er schaue gewisse Filme lieber mehrmals, etwa die Werke der Brüder Cohen. «Mir gefällt der schwarze Humor und die subtile Gesellschaftskritik, die darin steckt.» Am liebsten würde er einige Filme zehnmal schauen, um mehr Details der Machart zu erkennen, doch er beschränke sich auf eine dreimalige Visionierung, «um auch andere Filme sehen zu können». Oft gehe er mit der Mutter oder einem guten Freund ins Kino. «Es ist schön, wenn man eigens dorthin geht und erst noch den Film unterstützt.» Filme auf einem Tablet zu schauen, sei nicht das Gleiche. Doch Filme sind in seinem Leben nicht das Einzige. So liebt er verschiedene Musikstile – und Kunst, weshalb er an die Documenta in Kassel fuhr, «per Flixbus, weils billiger ist».

Nun wird das Gespräch zu einer Fachsimpelei über Mimen, die method acting praktizieren und mit grosser Intensität die Leinwand beherrschen, aber im Grunde stets sich selber darstellen, etwa Roberto de Niro oder Marlon Brando. Und dann die anderen wie Anthony Hopkins oder Ben Kingsley, die als Person hinter ihre Rolle zurücktreten und so verschiedenste Charaktere glaubwürdig verkörpern.

Vor einem Jahr begann Nikolai mit dem Schreiben eines grossen Drehbuchs. «Ich merkte jedoch, dass ich zu unerfahren für ein langes Drehbuch war.» So habe er beschlossen, das Gelernte bei einem kleinen anzuwenden. Das Resultat liegt nun vor (siehe Box). Doch der Jungfilmer will mehr. Schon dieser Film habe ihm ermöglicht, an einem Netzwerk zu bauen, ohne das in der Kulturszene nichts läuft. Er werde einmal einen grossen Film machen, gibt er sich überzeugt. Vielleicht besuche er die Zürcher Hochschule der Künste – Abteilung Film natürlich. (Der Bund)

Erstellt: 25.09.2017, 06:53 Uhr

Kurzer Film – grosse Arbeit

Sie haben in Bern ein Sozialdrama über einen Sans-Papiers gedreht und produziert: Nikolai Paul (Co-Regie, Produktion und Buch), Angus MacKenzie (Co-Regie und Postproduktion) und Florian Seifert (Kamera).

Im Film spielt der Afrikaner Bakassa Turay den titelgebenden Sans-Papiers, der am Schlafplatz und am (illegalen) Arbeitsplatz gezeigt wird und in Angst vor der Polizei lebt. Turay lebte sechs Jahre mit unklarem Status in der Schweiz, vermutlich weit über 100'000 Menschen geht es so wie ihm.

Nikolai Paul lässt sich für den «Bund» auf der Grossen Schanze fotografieren, einem Filmschauplatz. Der Streifen kommt nun als Vorfilm ins Kino. 2018 soll der Kurzfilm im Rahmen eines kleinen Festivals zum Thema Flucht im Berner Kino Rex gezeigt werden.

Nikolai Paul, der eine strenge Phase mit Produzieren, Drehen, Untertiteln und Ähnlichem hinter sich hat, korrespondiert ständig mit Produzenten und Verleihern. Oben auf der Wunschliste wäre ein Platz am Berner Kurzfilmfestival Shnit. (mdü)


«Sans Papiers», Vorführung mit Diskussion, Samstag, 7. Oktober 2017, 21 Uhr, Kino in der Reitschule, Bern.

Artikel zum Thema

Ein Leben für den Zirkus

Der Emmentaler Konrad Utzinger ist Gesamtleiter des Zirkus Chnopf, der diese Woche auf der Warmbächlibrache in der Stadt Bern haltmacht. Mehr...

«Für die wichtigen Dinge muss das Tennis weichen»

Eine Karriere als Tennisprofi ist der Gymnasiastin Anne-Christine Leu zu langweilig. Lieber setzt sie auf Kopfarbeit in China. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Bienenzüchter: Im spanischen Valencia protestieren Bienenzüchter für einen nachhaltigen und profitablen Sektor. Sie verlangen, dass die Etikettierung klar ist und beklagten den Preiszerfall. (11.Dezember 2018)
(Bild: Kai Foersterling/EPA) Mehr...