«Einen schöneren Job kann ich mir nicht vorstellen»

Der Berufsklarinettist aus Rumänien hat in Bern seinen Traumort gefunden. Musik begleitet ihn seit der Kinderzeit.

Die Welt des Rumänen Emanuel Andriescu besteht aus Musik.

Die Welt des Rumänen Emanuel Andriescu besteht aus Musik. Bild: Franziska Rothenbühler

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Im Gartenhäuschen und davor stehen und liegen die Instrumentenköfferchen samt Inhalt für die Fotografin bereit. Emanuel Andriescu, der 29-jährige rumänische Klarinettenlehrer am Konsi Bern, posiert mit den Instrumenten. Die in der Schweiz ausgemusterten Querflöten, Oboen, Klarinetten, Saxofone, Zugposaunen, Tubas und Waldhörner sollen in Rumänien ein zweites Leben bekommen – so wie die alten Berner Trams, die seit 2003 durch die nordostrumänische Stadt Iasi kurven.

Nicht weit von Iasi liegt Piatra Neamt (wörtlich: Deutschstein) in den Karpaten, eine Stadt mit gut 80 000 Einwohnern. Dort warten Musiklehrer und -lehrerinnen sehnsüchtig darauf, dass sie jedem Kind ein Instrument zur Verfügung stellen können, das Unterricht nehmen möchte. «Es ist traurig, wenn ein Kind keine Stunden nehmen kann, weil die Instrumente fehlen», sagt Andriescu. Er zückt sein Handy, um auf der Karte zu zeigen, wo das Städtchen liegt. Auf Google Map trägt es den deutschen Namen Kreuzburg an der Bistritz, was verwunschen klingt wie aus einem Historienfilm.

Woher stammen die Instrumente? Manche sind 20 oder 30 Jahre alt und nicht mehr gut im Schuss, weshalb die Geber, beispielsweise eine Blasmusik, neue angeschafft haben. «Es wäre viel zu teuer, die Instrumente in der Schweiz zu reparieren», sagt Andriescu. Doch in Rumänien lasse sich dies günstig bewerkstelligen. Der Musiker kennt sich in der Szene aus. Er weiss von einer Musikgesellschaft, die sich neu zu uniformieren gedenkt: «Ich hoffe, dass ich die alten Uniformen nach Rumänien schicken kann.» Auch kennt er einen Mann, der eine halbe Garage voller Musiknoten gesammelt hat. Diese sollen dort nicht verstauben, sondern irgendwann das Licht eines rumänischen Probelokals erblicken.

Musik liegt in der Familie

Während des Gesprächs am Gartensitzplatz in Bremgarten hört man von irgendwo Klavierklänge. Jemand spielt Bach. So ähnlich war es auch in Andriescus Kindheit in der Stadt Botosani unweit der moldauischen beziehungsweise ukrainischen Grenze. Dort erklang fast immer Musik, denn der Vater war Berufsmusiker, der ein Folklore-Ensemble samt Tanzgruppe gründete und leitete. «Ständig übte er mit Kollegen in unserem Wohnzimmer.» Der Bub hörte zu, probierte mit vier Jahren selber, wie Musikmachen geht – und trat mit sieben Jahren erstmals als Solist mit einem Orchester auf – am Klavier. Vom Vater gabs Tipps, wie es noch besser klingt. «Ich war gut», sagt Andriescu rückblickend. Und doch hatte er seine wahre Berufung noch nicht gefunden.

An der Schule, die er besuchte, befand sich die Blasmusikabteilung in einem anderen Gebäudeteil. Einmal musste der Bub drüben etwas holen. Als der Klang einer Klarinette an sein Ohr drang, wusste er: Das ist es. «Ich lag den Eltern monatelang in den Ohren.» Irgendwann brachte der Vater eine Klarinette nach Hause und sagte: «Wir haben dich angemeldet.» Als Jugendlicher besuchte er am Wochenende Unterricht in einer 100 Kilometer entfernten Stadt, später sogar im 450 Kilometer entfernten Bukarest.

Seit 12 Jahren in Bern

In der Hauptstadt sollte er von einem Dozenten unterrichtet werden, der in Bern studiert hatte. «Ich fand, ich wolle lieber direkt beim Lehrer als bei dessen Schüler lernen», sagt Andriescu. Der selbstbewusste junge Mann, der in Rumänien zahlreiche Musikwettbewerbe gewonnen hat, schaute auf einer Reise zu einem Konzertauftritt in Stuttgart in Bern vorbei und bestand am Konsi die Aufnahmeprüfung – zum Leidwesen der Mutter, die ihn lieber in der Nähe behalten hätte. «Was soll ich sagen: Ich habe mich durchgesetzt», sagt Andriescu und lächelt verschmitzt. Zwölf Jahre später ist er immer noch hier: «Ich kann mir nicht vorstellen, anderswo zu leben.»

Der Klarinettenlehrer für Pop/Jazz/Rock findet es beglückend, wenn es bei einem Kind klick macht und es Freude am Instrument bekommt. Das Interesse an der Ausbildung von Kindern habe er von der Mutter, einer Inspektorin für Kindergärten in Rumänien. «Sie erzählte zu Hause viel von den Kindern, die sie besuchte.» Das habe er immer spannend gefunden. Darum könne er sich «keinen schöneren Job» vorstellen: «Ich bin ein Glückspilz.» Das hat inzwischen auch seine Mutter überzeugt: «Sie hat sich arrangiert.» (Der Bund)

Erstellt: 23.04.2018, 06:41 Uhr

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Zweites Leben für alte Instrumente

Eigentlich hätte ein rumänischer Freund die Instrumente bei Emanuel Andriescu in Bremgarten bereits abholen wollen, um sie Kindern in rumänischen Musikschulen zu übergeben. Doch der 29-jährige Klarinettenlehrer am Konservatorium Bern merkte bald, dass ein Lieferwagen voller Instrumente am Zoll viele Fragen aufwerfen würde. Darum arbeitet der Vollblutmusiker und Wahlberner daran, eine Stiftung zu gründen.

Mit dem rumänischen Botschafter hat er sich kurzgeschaltet, ebenso mit den Zollbehörden, die ihn instruierten, welche Papiere für die Ausfuhr erforderlich sind. Andriescu ist sehr beschäftigt.

Neben dem Job im Konsi gibt er Konzerte, er spielt viele Stilarten, von Klezmer über rumänische Folklore bis zu Pop, Jazz und Rock. Mit der Band Timebelle, abgeleitet von Zytglogge, vertrat er 2017 die Schweiz am European Song Contest in Kiew, doch trotz viel Lob reüssierte der Song «Apollo» nicht.

Für eine eigene Familie habe er im Moment keine Zeit, so Andriescu. «Es ist sehr gut, wie es jetzt ist.» (mdü)

Alte Instrumente nimmt Andriescu
weiterhin gerne entgegen. Kontaktmail:
emanuel.andriescu@yahoo.com

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