Eine wüste Geschichte

Der 83-jährige Jörg Bütikofer musste als uneheliches Kind auf einem Bauernhof arg untendurch. Dem Ungeliebten spendete ein grosses Buch Trost: ein «Bund»-Sammelband aus dem Jahr 1857.

Unglückliche Kindheit: Noch heute suchen ihn wiederkehrende Albträume heim, sagt Jörg Bütikofer.

Unglückliche Kindheit: Noch heute suchen ihn wiederkehrende Albträume heim, sagt Jörg Bütikofer. Bild: Franziska Rothenbühler

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Vieles verblasst im Alter, aber nicht die Erinnerungen an die Kindheit. Mit den Jahren gewinnen diese Bilder häufig an Lebendigkeit und Kraft. So ist es auch bei Jörg Bütikofer, Jahrgang 1934. Er sitzt in seinem Stuhl am Tisch – nach einem Sturz ist er noch nicht wieder auf dem Damm – und erzählt. Es war nicht einfach, ein uneheliches Kind zu sein vor 70, 80 Jahren. Es war schwierig in der Familie seines Stiefvaters auf einem Bauernhof in Hindelbank. Es war eine Kindheit, die nicht glücklich war. «Eine wüste Geschichte», fasst Bütikofer zusammen. «Noch heute habe ich Albträume.»

«Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mich je 
einmal ‹gärfelet› hätte.»

Jörg Bütikofer über seine Mutter

Eine Geschichte, geprägt nicht von Liebe und Zuneigung, sondern von Ablehnung und Missgunst. Seine Mutter hatte nicht viel für ihn übrig. «Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mich je einmal ‹gärfelet› hätte.» Seinen Vater hat er sein Leben lang erfolglos gesucht. Nur von einem «Grossvater» spricht er mit Rührung. Dabei war es gar nicht sein leiblicher Grossvater, sondern der Mann, der seine Mutter adoptiert hatte – und einer der wenigen Menschen, die ihm, dem unerwünschten, unehelichen Kind, Gutes taten.

Der «Bund» dient als Lesehilfe

Er las ihm aus einem dicken, alten Buch vor, das dem Kind Eindruck machte: Es war ein Foliant mit allen «Bund»-Ausgaben aus dem Jahr 1857. Die Lektüre der alten Zeitungen gab ihm Selbstvertrauen – und noch heute wechselt er immer wieder von der Kindheit in Hindelbank in die Welt der grossen Politik von 1857. Denn 1857, das war ein Schicksalsjahr für die Eidgenossenschaft. Im September 1856 hatten die Royalisten in Neuenburg geputscht und das Schloss besetzt: Der Kanton gehörte nicht nur zum Bundesstaat, sondern war auch Besitz des preussischen Königs.

Der Putsch wurde niedergeschlagen, mehrere Hundert Rebellen verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Es drohte ihnen die Todesstrafe – und der preussische König Friedrich Wilhelm IV. rüstete als Antwort zum Krieg und berechnete schon die Kosten. Die Schweiz bot Truppen auf und wählte Guillaume Henri Dufour zum General, der die Schlachten auf deutschem Boden schlagen wollte.

Der Grossvater mit Jahrgang 1874 (so steht es im Dienstbüchlein, das Jörg Bütikofer aufbewahrt hat) lehrte ihn nicht nur die alte Frakturschrift lesen, er ging mit ihm auch spazieren, nahm ihn mit in den Taubenschlag, wo er Brieftauben züchtete. Vom damaligen Militärdepartement hatte er ein Diplom für seine leistungsfähigen Vögel erhalten. «Luftlinie 121 Kilometer mit einer Geschwindigkeit von 1120 Meter pro Minute zurückgelegt», liest Bütikofer vor.

Jäher Tod des Grossvaters

Doch der Grossvater starb während des Zweiten Weltkriegs. Bütikofer hörte es «räble» in der Küche. «Als ich hinunterkam, lag er da, steif und verkrampft auf dem Rücken, die Hand, in der er noch die Röstischaufel hielt, in die Luft gereckt.» Noch weiss Bütikofer, dass sich der Grossvater damals im Jahr 1941 ein «Chüngeliragout» und Rösti wärmen wollte. Der Grossvater hatte einen Schlaganfall erlitten. Er hatte nur noch wenige Tage zu leben.

Schon Bütikofers Mutter war ein uneheliches Kind, musste deswegen «ungedüre». Als Sechsjähriger kam Bütikofer auf den Hof des Mannes, der seine Mutter geheiratet hatte. «Zu meinem Leidwesen bekam ich einen Stiefvater, der mich schlug, lieblos behandelte und als Knecht ansah.» So schrieb es Bütikofer auf. Er bekam immer zu spüren, dass er besser gar nie auf die Welt gekommen wäre.

«Ich bekam 
einen Stiefvater, der mich schlug und als Knecht 
ansah.» 

Jörg Bütikofer über seine Kindheit

Er hatte nur alte Kleider am Leib, die er austragen musste, die «Holzböden» waren so «abgschlarpet», dass die Sohlen gespalten waren und die Füsse nass wurden. In der Schule wurde er als «Schwob» gehänselt, denn seine Mutter war in Deutschland geboren. Er war zwar kein Verdingkind, kein Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen, aber viel besser hatte er es nicht. Seine Arbeitskraft wurde ausgenutzt. «Ich musste immer arbeiten und wurde auch an andere Bauern ausgeliehen.»

Harte Arbeit – bleibende Schäden

Auch bleibende Schäden trug Bütikofer davon. Als Schulkind musste er mehr als einmal den ganzen Tag bei sengender Hitze Garben vom Feld auflesen. Dabei erlitt er folgenschwere Sonnenbrände. Bütikofer zeigt auf die Nase, die er später mehrmals operieren lassen musste. Die Ärzte mussten auch Haut transplantieren. Nicht nur auf dem Feld, auch in der Küche musste er helfen. Oft war er am Abend bis zum Umfallen müde und fand kaum Zeit für die Schulaufgaben. Körperlich gingen die Jahre der Kinderarbeit nicht spurlos an ihm vorbei. Wegen der Scheuermannkrankheit, einer Verkrümmung der Wirbelsäule, wurde er bei der Aushebung nicht ins Militär eingeteilt. Bütikofer lebt zusammen mit seiner zweiten Frau, mit der er zwei erwachsene Töchter hat, im Liebefeld. Vieles in seiner Wohnung erinnert an die Vergangenheit.

Bretzeleisen, alte Teller, eine Berner Bibel von Johannes Piscator aus dem Jahr 1738, der «Bund»-Foliant und vieles andere. Doch die Gerätschaften und Bücher wären nicht mehr da, wenn er sie nicht gerettet hätte, denn nach dem Tod des Grossvaters warf die Mutter alles in eine Grube. Mit einer «Bänne» ging er dorthin und brachte seine Schätze in Sicherheit. Noch heute sagt er: Bei einem Feuer würde er zuerst die alten «Bund»-Ausgaben retten.

Ins «Bschüttloch» gefallen

Immer wieder kehrt er in Gedanken auf den Bauernhof zurück – er erzählt davon, wie sein Stiefvater auf Urlaub vom Aktivdienst während des Zweiten Weltkriegs seine Mutter in der Küche beschimpfte und verprügelte, dann sogar das Gewehr auf sie richtete und sie zu erschiessen drohte. Seine Mutter schrie, er solle nur abdrücken. Und einmal hätte er selber beinahe den Tod gefunden. Seine Mutter, die ihn sonst nie in den Arm nahm und damit drohte, ihn in ein Heim zu stecken, rettete ihm das Leben. Das «Bschüttloch» war nicht zugedeckt, absichtlich, wie Bütikofer noch heute glaubt.

«Das hat mein Stiefvater ‹aagreiset›, damit ich hineinfalle.» Er war in der vierten Klasse und fiel in die «Bschütti», klammerte sich am Rand fest, konnte mit Mühe den Kopf über der stinkenden Brühe halten und schrie um Hilfe. Die Mutter, die im Keller Kartoffeln holte, hörte es und glaubte, es sei wieder einmal der «böse Güggu», der den Buben angreife, und rief: «Stüpfne a Gring! Stüpfne a Gring!» Dann, als ihr Sohn schrie, er sei im «Bschüttloch», liess sie alles fallen, rannte die Treppe hinauf und zog ihren Sohn im letzten Moment an einem Arm aus der Gülle.

Doch trotz aller Widerwärtigkeiten der Jugend hat Bütikofer seinen Weg gemacht. Er ging in die Sekundarschule, lernte Radioelektriker, bildete sich weiter, arbeitete sich bei der Gruppe für Rüstungsdienste Ruag empor. Reiste viel ins Ausland, um die Kunden zu besuchen. «Es ging nicht um Waffen», sagt er. «Damit hatte ich nichts zu tun.» Er habe die Endkontrolle von Funkgeräten vorgenommen. «Arbeitsmässig, da hatte ich ein schönes Leben», sagt er.

Nun hat er begonnen, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Er weiss nicht, ob er sich melden soll. Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen im eigentlichen Sinne war er nicht, aber er musste untendurch wie ein Verdingkind, seine Arbeitskraft wurde ausgenutzt. Da ihn die eigene Familie plagte und staatliche Stellen nicht involviert waren, kommt er für eine Entschädigung kaum infrage. Vielleicht nimmt Bütikofer den Papierkram trotzdem auf sich, er könnte ja ein Grenzfall sein. Denn, so sagt er, die Behörden und auch die Lehrer hätten über alles Bescheid gewusst, aber nichts unternommen.

Und der Neuenburgerhandel, der die Schweiz vor 160 Jahren in Atem hielt und noch heute das Interesse von Jörg Bütikofer fesselt? Viele Schweizer wollten die Souveränität des Landes mit der Waffe in der Hand verteidigen, Kriegsbegeisterung wallte auf. Doch am Schluss wurde der Konflikt am Verhandlungstisch gelöst. Dank französischer Vermittlung durch Napoléon III., der enge Beziehungen zur Schweiz hatte, kam es zu einer Friedenskonferenz in Paris. Napoléon war im Schloss Arenenberg im Kanton Thurgau im Exil aufgewachsen, später wurde er in Thun unter der Leitung von Dufour zum Artilleriehauptmann ausgebildet.

Nicht alle Konflikte gelöst

Die Kriegsgefahr wurde abgewendet, der preussische König verzichtete auf alle seine Rechte. Der Bundesrat sandte umgehend Weisung nach Neuenburg, «die im Vertrag stipulierte Amnestie in Wirkung zu setzen», wie der «Bund» am 17. Juni 1857 schrieb. Nun sei ein «kleines republikanisches Land von den Banden befreit, welche seinen Gang noch hemmten» , heisst es weiter im Artikel. Ständeratspräsident François Briatte lobte den Vertrag, der «das Recht der Völker heiligt, sich selbst die Regierung ihrer Wahl zu geben». Die monarchischen Kräfte waren zurückgebunden. Nun, da die äussere Bedrohung des Vaterlandes beseitigt sei, «wenden sich die Blicke allerwärts wieder den Werken des Friedens zu».

Der Konflikt aber zwischen Bütikofer und seiner Stieffamilie blieb bestehen. Auch mit seiner Mutter hat er sich nie richtig versöhnt, sie hat ihn sogar enterbt. Nicht einmal eine Todesanzeige hat er erhalten. Er hadert nicht mit dem Schicksal, auch wenn die Erinnerungen ihn nicht loslassen. Aber seine «wüste Geschichte», die wollte er endlich einmal erzählen. (Der Bund)

Erstellt: 12.09.2017, 06:40 Uhr

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