Eine will Olympia, die andere entscheidet sich gegen den Erfolg

Nun beginnt die Kunstturn-EM in Bern. Zwei Turnerinnen, die verschiedene Wege einschlagen, erzählen.

Anastassia Pascu (links) verbrachte schon als Baby Zeit in der Halle. Elea Mosimann lehnte es ab, ins Leistungszentrum zu wechseln.

Anastassia Pascu (links) verbrachte schon als Baby Zeit in der Halle. Elea Mosimann lehnte es ab, ins Leistungszentrum zu wechseln. Bild: Adrian Moser

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Eine Art Nebel liegt in der Luft. Magnesium-Nebel. Hier, in einem umfunktionierten Pferdestall des Nationalen Pferdezentrums, laufen sich Mädchen in eng anliegenden Kleidchen warm, andere klettern im Spagat ein Seil hoch. Es sind die besten Kunstturnerinnen ihres Alters in der Region Bern. An der EM in Bern werden sie noch Zuschauerinnen sein. Anastassia Pascu ist eine von ihnen. Die Elfjährige trainiert hier, im Regionalen Leistungszentrum, sechsmal wöchentlich, insgesamt 20 Stunden. Etwa 30 Medaillen hängen in ihrem Kinderzimmer. «Wenn ich gross bin, will ich es nach Olympia schaffen, oder an den Europameisterschaften eine Medaille gewinnen», sagt sie. Anastassia mag Wettkämpfe. «Dort kann ich zeigen, was ich kann.» Fragt man ihren Trainer, Mihaly Esztergalyos, könnte Anastassia die Nachfolgerin von Giulia Steingruber werden. «Sie hat viel Kraft, ist explosiv», sagt er. Aber auch: «Ihre Beweglichkeit ist katastrophal.»

Abends nur Fleisch und Früchte

Schon als Dreijährige hat Anastassia, die Tochter einer Kunstturnerin und eines Kunstturners aus Rumänien, den Salto gemacht. «Früher wollte ich Lehrerin werden oder Physiotherapeutin. Jetzt ist das Turnen mein Leben. Vielleicht werde ich später Trainerin.» Neben Schule und Training bleibt Anastassia, die sich abends nur von Fleisch und Früchten ernährt, wenig Zeit. Wenn gerade kein Wettkampf ansteht, geht sie mit auf die Schulreise. Spazierengehen mit ihrem Hund Snow liegt etwa einmal im Monat drin. Das störe sie nicht. Nach Verletzungen gefragt, sagt sie: «Manchmal tut das Handgelenk weh, oder die Innenseite des Fusses ist geschwollen.» Manchmal habe sie keine Lust aufs Training oder warte nur darauf, dass es zu Ende sei. Anastassia zuckt die Schultern. «Es muss so sein.» Die Elfjährige wirft einer Kollegin einen flüchtigen Blick zu, ein Handschlag, geredet wird sonst nicht.

Kaum Schweizer Trainer

Nebenan schwingen sich die Mädchen am Stufenbarren von einem Holmen zum anderen. «Dein Handstand ist wieder nicht gut», sagt Esztergalyos. Der Ungar ist seit 20 Jahren Trainer. «Wir müssen die Turnerinnen auf internationalem Niveau ausbilden. Dafür verlangen wir Disziplin. Ein Arm, der etwas gebeugt statt gestreckt ist, gibt Abzug.» Es sei wichtig, dass sich die Mädchen konzentrierten, sonst käme es bei den schwierigen Bewegungen rasch zu Verletzungen. Esztergalyos weiss um den negativen Ruf, der dem Sport anhaftet. Kritiker reden von einem auf Auslese getrimmten System, das nur den Erfolg zum Ziel hat. Auch im Stadtrat ist im Vorfeld der Kunstturn-EM ein Vorstoss eingegangen. Luzius Theiler sprach von einer «Dressur der Kinder» und von unmenschlichen Trainingsmethoden. Nicht ganz zufällig kämen Spitzenleute und Trainer aus autoritären Ländern Osteuropas oder aus China.

Esztergalyos bestätigt, es gebe keine Schweizer Chef- und Assistenztrainer. Diese stammten vielmehr aus Frankreich, Deutschland und eben Osteuropa, wo der Turnsport staatlich gefördert worden sei. Dass es an Schweizer Trainern mangle, habe aber auch damit zu tun, dass der Job schlecht entlöhnt werde. Seine Kollegin, Natalia Mikhailova, sagt: «Die Kinder müssen nervliche Belastungen aushalten und eine gewisse Härte mitbringen.» Sie bestätigt, der Druck sei im System drin. «Die Kinder fallen raus, wenn sie nachlassen.» Normalerweise ende die Karriere von Kunstturnerinnen mit 22 Jahren. «Sie sind wie Schmetterlinge. Es braucht sehr viel Zeit, bis sie sich entwickeln. Die Zeit, in der sie an der Spitze stehen können, ist jedoch sehr kurz», sagt Mikhailova. Die beiden Trainer wehren sich gegen den Vorwurf unmenschlicher Trainingsmethoden. «Wir haben Respekt vor den Kindern. Sie dürfen auch Fehler machen.»

Das bestätigt eine Mutter, deren Kind für kurze Zeit beim Kunstturnverein Ueten­dorf trainierte. «Die Trainer sind sehr engagiert. Unsere Tochter hat in kurzer Zeit erstaunlich viel gelernt.» Dennoch kamen Zweifel auf. Als die Trainings immer häufiger wurden, habe das Turnen zunehmend das Leben der Familie dominiert. Das Mädchen hörte mit Turnen auf. «Ich wollte, dass mein Kind in diesem Alter Zeit hat zum Spielen.»

Nicht gleich aufgeben

Die Mädchen des Kunstturnvereins Ueten­dorf trainieren in der EWB-Halle beim Ostring. Eine von ihnen, die dem Druck des Systems nicht standhielt, ist die 15-jährige Elea Mosimann. Weil sie als sehr talentiert galt, hätte sie ins Regionale Leistungszentrum aufgenommen werden können. Elea wollte nicht. «Ich hatte grossen Respekt davor. Zudem wollte ich mich nicht von der Gruppe trennen.» Sie erzählt, wie sie lange Zeit während des Trainings geweint habe, von Blockaden und Ängsten. «Ich konnte keine Rückwärtssprünge mehr machen.» Dennoch ist sie geblieben, sie turnt im weniger ambitionierten Kantonalen Turnzentrum, ebenfalls an sechs Tagen in der Woche. Ihr Ziel seien nun die Gerätefinals. Dort wolle sie gut abschneiden. «Wenn ich kein Training habe, werde ich zappelig», sagt sie, die keine anderen Hobbys mehr pflegt, sich aber für Ferien mit den sechs Geschwistern Zeit nimmt. «Das Kunstturnen hat mich gelehrt, meine Zeit besser einzuteilen, mich zu konzentrieren und nicht gleich aufzugeben, wenn man ein Ziel verfolgt», sagt Elea.

Nebenan hängen drei Fünfjährige an der Sprossenwand, ziehen ihre gestreckten Beine zum Gesicht. Die Trainerin zählt laut mit. Auf dem Boden sitzt ein Mädchen, drückt die Beine zum Spagat auseinander. Sie macht ein gequältes Gesicht. Eine Trainerin hilft ihr dabei, hebt ihr Gesicht an. Sie soll lächeln.

Es ist 20 Uhr. Dreieinhalb Stunden Training sind zu Ende. Die Turnerinnen reihen sich vor ihren Trainern auf, um Lob und Tadel abzuholen. Sie kichern, stupsen sich an. Manche verabschieden ihre Trainer mit einer Umarmung. (Der Bund)

Erstellt: 25.05.2016, 08:40 Uhr

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