«Eine Vision lässt sich nie eins zu eins verwirklichen»

Der Berner Zahnarzt Daniel Bhend lebte 13 Jahre in Nicaragua. Die aktuellen Gewaltszenen dort machen ihn traurig und ratlos.

Daniel Bhend verliess einst die Idylle, um Armen zu helfen.

Daniel Bhend verliess einst die Idylle, um Armen zu helfen. Bild: Franziska Rothenbühler

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Aus Nicaragua kommen schlimme Nachrichten. Auf den Strassen herrscht die Gewalt. Der einstige Revolutionär und Langzeitpräsident Daniel Ortega will nicht von der Macht lassen. 1979 war er für viele Linke ein Hoffnungsträger, als er Diktator Anastasio Somoza vom Präsidentenstuhl fegte. Wie kann man der sozialistisch orientierten Regierung helfen, eine gerechtere Gesellschaft aufzubauen?

Das fragten sich viele, auch der Berner Daniel Bhend. Er hatte in Bern das Zahnarztstudium abgeschlossen, interessierte sich für die Problematik armer Länder und fand, er wolle etwas von der Welt sehen, bevor er sich als Zahnarzt niederlasse.

1985 reiste Bhend für zwei Monate nach Nicaragua und war «überwältigt von den Problemen». Er habe überlegt, was er zum Aufbau beitragen könne. 1987 ging er als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation (siehe Sideline) – nach Nicaragua. «Am Anfang denkt man, jetzt zeige ich denen, wie man es richtig macht.» Bald habe er festgestellt, dass er fachlich etwas mitbringe, aber umgekehrt auch viel von den dortigen Menschen lerne.

Zufrieden trotz Armut

Diese seien trotz Armut mit dem Leben zufrieden gewesen. Bhend war Teil einer Schweizer Gesundheitsbrigade (zwei Ärzte, ein Zahnarzt, eine Hebamme, sechs Krankenschwestern), die im Auftrag der staatlichen Gesundheitsbehörde die medizinische Versorgung der Bevölkerung verbessern sollte. Aus der Schweiz brachte er die ausgemusterte Ausrüstung eines pensionierten Zahnarzts mit. «Sie war alt, aber robust, man konnte alles selbst reparieren.»

«Ich sah dort Dinge, die man als Zahnarzt hier selten zu Gesicht bekommt.» Sogar junge Menschen hatten schon viele Zähne verloren, oder man musste sie ziehen, weil sie in einem schlechtem Zustand waren. Darum führte Bhend Zahnputzkampagnen in Schulen durch – ähnlich wie bei uns in den 1960er-Jahren. Als Zahnarzt habe man vieles selber machen müssen.

«In Bern würde ich einen Patienten mit einem Abszess zur Weiterbehandlung in die Insel schicken», sagt Bhend. In Nicaragua schnitt er den Eiterbeutel auf, verabreichte Antibiotika und versorgte die Wunde selbst. Bhend arbeitete in einem Gesundheitszentrum auf dem Land mit einheimischem Personal. «Es war eine grossartige, spannende Erfahrung.» Oft war kein Arzt zur Stelle, und so rief man halt manchmal den Zahnarzt zu einer schwierigen Geburt. «Im Nachhinein bin ich froh, dass damals alles gut gegangen ist», sagt Bhend.

Es habe in Teilen des Landes immer noch Krieg geherrscht, so Bhend. «Ich wurde in einer ruhigeren Gegend eingesetzt, aber auch zu meiner Zeit kamen noch Internationalisten um.» Wie dauerhaft war Bhends Idealismus? «Ich ging mit viel Herzblut dorthin.» Schon nach kurzer Zeit habe er gemerkt, dass die Sandinisten nicht alles richtig machten. Und heute? «Es ist nicht alles so gekommen, wie es sich viele erhofft hatten», räumt Bhend ein, «doch die Revolution hat trotz allem eine grosse gesellschaftliche Entwicklung in Gang gesetzt.»

Keine Zeitungen aus Nicaragua

Eine Vision lasse sich nie eins zu eins verwirklichen. Er wünsche sich zwar, dass jüngere Kräfte Ortega ablösten, doch die Vorstellung, dass ohne ihn plötzlich alles gut würde, sei naiv. «Es bekümmert mich, wenn ich von dieser Gewalt höre.» Nicaraguanische Zeitungen lese er im Internet kaum mehr. «Ob sandinistisch oder bürgerlich: Sie sind alle parteiisch.» Man fühle sich nie objektiv informiert.

Bhends Frau Miriam kommt aus dem Haus auf den Sitzplatz, auf dem man das Plätschern eines kleinen Teichs im Garten hört, gibt ihrem Mann einen Kuss und geht in die Stadt. Bhend und die Krankenschwester heirateten in Nicaragua. «Sie wollte im Jahr 2000 nicht unbedingt in die Schweiz umsiedeln», sagt Bhend. Doch wenn sie jetzt ihre Verwandten drüben besuche, sei sie bestürzt über die Zustände, auch wenn sich in den letzten Jahren einiges verbessert habe.

Häufig rechtfertigen Regimes ihre Repression mit Druck von aussen, etwa von den «Gringos», den «imperialistischen USA». Bhend will es nicht so formulieren: «Aber die USA haben schon Mühe mit Regierungen, die sich nicht reibungslos ihren Interessen unterordnen.» Seit elf Jahren war Bhend nicht mehr in Nicaragua. Für diesen Sommer hat er Flugtickets besorgt. «Wir werden sehen, wie sich die Lage entwickelt.» Wenn im Land alle Strassen gesperrt würden, müsse er die Reise wohl absagen. (Der Bund)

Erstellt: 11.06.2018, 06:38 Uhr

Nicaragua: «Keine objektiven Informationen»

1979 wurde Diktator Anastasio Somoza von der Volksbewegung der Sandinisten vertrieben. Der neue starke Mann hiess Daniel Ortega. 1989 verlor er die Wahlen gegen eine bürgerliche Koalition. Er gilt als Meister der Bündnisse, was ihm half, erneut an die Macht zu gelangen. Ortega betreibt eine liberale Wirtschaftspolitik, hat das Verhältnis zur katholischen Kirche entspannt und mit einem Wohnungsprogramm die Herzen der Armen gewonnen.

In letzter Zeit gab es Konflikte im Land, bisher gab es 130 Tote. Demonstranten werden erschossen. Die ältere Generation, die sich an den Bürgerkrieg und die Angriffe der US-finanzierten Contras erinnere, wünscht sich laut Bhend nur eins: nie wieder Krieg. Er sei traurig über die Gewalt.

Von 1987 bis 1989 gehörte er einer Gesundheitsbrigade an. Der Zahnarzt sollte laut Konzept einheimische Mitarbeiter ausbilden, was aber nicht wie geplant funktionierte. Darum arbeitete er von 1989 bis 2000 als selbstständiger Zahnarzt, zuerst auf dem Land, dann in der Hauptstadt Managua. Er nahm die nicaraguanische Staatsbürgerschaft an. Heute lebt und praktiziert Bhend in Bern. Er hat vier Kinder und drei Enkel. (mdü)

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