Eine Stange auf der Gasse – bis um 2 Uhr morgens

Sechs Betriebe in der Aarbergergasse wollen im Rahmen eines Pilotversuchs ihre Aussenflächen bis um 2 Uhr morgens bewirten.

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(Bild: Manu Friederich)

Hanna Jordi

«Die Gäste an schönen Abenden nicht wegscheuchen zu müssen, das wäre grossartig», sagt Didier Steiner, Wirt der Propeller-Bar in der Aarbergergasse. Geht alles nach Plan, soll in der Aarbergergasse bald wahr werden, was sich viele Bernerinnen und Berner schon seit langem wünschen. Bis um 2 Uhr morgens möchten die Wirte von sechs Restaurants ihre Gäste künftig bedienen.

In einem nun publizierten Baugesuch ersuchen sie um eine «Flexibilisierung der Öffnungszeiten von Aussenbestuhlungsflächen». Und zwar ab sofort – von Mai bis November 2016. «Jetzt hoffen wir nur noch auf den positiven Entscheid», so Steiner. Ausser der Propeller-Bar umfasst das Gesuch auch die Lokale Nordsüd, Divino, Amici&Co., Bärner Mitti und Pronto.

Noch sollen die Aussenbestuhlungszeiten erst im Rahmen eines Pilotversuchs angepasst werden. Regierungsstatthalter Christoph Lerch hatte bereits vor zwei Jahren in Aussicht gestellt, einem Probelauf Hand zu bieten. Trotz dieser Ankündigung ist nun ein reguläres Baugesuch vonnöten, und damit sind die Wirte vom guten Willen der Nachbarn und dem Entscheid des Regierungsstatthalteramts abhängig. Dazu sagt der zuständige Sicherheitsdirektor Reto Nause: «Nach Abklärungen haben wir uns für diese Variante entschieden. Das ist zwar aufwendiger als erhofft, dafür sind die Wirte rechtlich auf der sicheren Seite.»

Die Flexibilisierung von Öffnungszeiten und damit der Aussenbestuhlung ist eine von 18 Massnahmen im Nachtlebenkonzept, welches die Stadt Bern in Zusammenarbeit mit Vertretern aus Gastronomie und Politik erarbeitet und 2013 vorgestellt hat. Nur war dieses Begehren jahrelang blockiert. Denn sitzen bleiben und bei einem Bier bis in die Nacht das Sommerwetter geniessen: Das gibt es in Bern eigentlich nicht.

Noch können sich Anwohner wehren

Ob sie in Wohlen, Kirchlindach oder der Stadt Bern wirten, selbst Gastronomen mit einer Überzeitbewilligung dürfen ab 0.30 Uhr keine Aussensitzplätze mehr bedienen. So will es das kantonale Gastgewerbegesetz. Dem Bedürfnis der Nachtschwärmer entspreche das aber schon lange nicht mehr, sagt Wirt Didier Steiner. Das Nachtleben habe sich stundenmässig «nach hinten» verschoben: «Im Sommer kommen die Gäste oft erst nach dem Grillieren zu uns, so gegen 24 Uhr. Dann haben wir heute aber schon letzte Runde.» Dass er dann auch mehr Personal einsetzen müsste, stört ihn nicht. «Vorderhand wären nur Freitage und Samstage betroffen.»

Bis zum 3. Juni können Anwohner nun Einsprache gegen das Baugesuch erheben. Sie sind gemäss GFL-Stadtrat und Pro-Nachtleben-Vertreter Manuel C. Widmer denn auch der grösste Unsicherheitsfaktor: «Das Regierungsstatthalteramt hat schon öfter unter Beweis gestellt, dass es den Schlaf von Nachbarn sogar in urbanen Zentren höher gewichtet als die Attraktivität des Nachtlebens. Decken die Anwohner das Vorhaben nun mit Beschwerden ein, könnte es schwer werden mit der Bewilligung.» Entscheidet der Regierungsstatthalter aber im Sinne der Gesuchsteller, können diese sofort loslegen.

Gemäss Sicherheitsdirektor Reto Nause stehen die Chancen für eine Bewilligung nicht schlecht. «Welcher Ort eignet sich besser für einen solchen Versuch als die Aarbergergasse», fragt er rhetorisch. Die Anwohner, die in der Gasse leben, sind einen gewissen Lärmpegel gewohnt. «Die Nachtschwärmer zirkulieren sowieso, ob sie nun von Club zu Club gehen oder an einem Tisch sitzen.»

«Bedürfnis vorhanden»

Längerfristig sieht das Nachtlebenkonzept nicht nur eine Ausdehnung der Bewirtung von Aussenflächen vor. Die Öffnungszeiten sollen generell liberaler werden. Damit könnten Clubs mit Überzeitbewilligung ihre Schliesszeiten selbst bestimmen. In der Vergangenheit hatte der Kanton Bern aber stets wenig Begeisterung bekundet, die Bewilligungspraxis im Baurecht für die Kommunen zu lockern. Ein entsprechendes Postulat aus dem Grossen Rat ist hängig, die Frist für die Antwort wurde im Januar um zwei Jahre verlängert.

Mit dem Pilotversuch kann die Stadt Bern nun immerhin einen Versuchsballon steigen lassen. Ein zeitlich klar befristeter Pilot sei im Rahmen des kantonalen Rechts möglich, heisst es vonseiten des Regierungsstatthalteramts. In diesem Fall bezweckt der Versuch, abzuklären, wie sich der längere Betrieb an einem Hotspot wie der Aarbergergasse auf das Gästeverhalten auswirkt. Will heissen: Existiert eine Nachfrage? Und bleibt es friedlich? Je nach Ausgang des Versuchs können die Behörden im Anschluss prüfen, ob sie die Ausweitung der Öffnungszeiten überhaupt weiterverfolgen wollen.

Für Wirt Didier Steiner steht ein Teil der Antwort schon jetzt fest: «Das Bedürfnis der Gäste nach einer späteren letzten Runde ist vorhanden». Und Manuel C. Widmer erhofft sich eine weitergehende positive Auswirkung: «Ich kann mir gut vorstellen, dass die Gasse für privates Vorglühen weniger attraktiv und dadurch sauberer wird, wenn an den Tischen länger Gäste sitzen.»

DerBund.ch/Newsnet

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