Eine Stadt entdeckt ihre Freiräume

Linke Politiker fürchten, der öffentliche Boden der Stadt Bern werde zunehmend kommerzialisiert. Das Beispiel Kocherpark zeigt: Der Trend geht in die andere Richtung.

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Auf der Bühne wechseln sich Bands und DJs ab, die Leute an der Bar stehen Schlange, und wer Essen bestellt, muss sich wegen des Andrangs gedulden. Das dreiwöchige Festival Parkonia im Berner Kocherpark lockt auch in der zweiten Woche jeden Abend mehrere Hundert Besucher an. Ungewöhnlich ist das nicht – Musikanlässe im Freien sind auch in Bern beliebt und mittlerweile häufig.

Ungewöhnlich ist aber der Ort des Spektakels: Der Kocherpark an der Effingerstrasse gilt nicht wirklich als Treffpunkt. Meist herrscht hier gähnende Leere. Und dies, obwohl die Anlage zu den grössten Parkflächen der Stadt gehört und nur wenige Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt liegt. Viele kennen die Grünfläche nur wegen ihrer unrühmlichen Vergangenheit mit der offenen Drogenszene (siehe Text rechts).

Entsprechend gross ist die Freude im Quartier, dass im fast geisterhaften Stadtpark endlich etwas läuft: «Der Kocherpark ist ein Dornröschen, das nun allmählich geweckt wird», sagt Daniel Imthurn, Präsident der Quartierkommission im Mattenhof. Das Gebiet rund um die Effingerstrasse habe dies «bitter nötig»: Viele seien wegen des Lärms weggezogen, dafür gebe es dort nun extrem viele Büros. Es sei schade, dass die Stadt nicht Druck mache, damit diese umgenutzt würden. «Ich wünsche mir ein bisschen mehr Länggasse im Mattenhofquartier.»

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Auch Stadtrat Manuel C. Widmer (GFL) findet es «sehr gut, dass im Kocherpark endlich etwas geht». Mit einem Postulat hat er vor einigen Jahren den Gemeinderat angeregt, die Anlage besser zu nutzen. Der Kocherpark sei eine der wenigen «Belebungsmöglichkeiten», die der Stadt noch blieben. «Es fehlt überall an Freiräumen für Junge, insbesondere in den Quartieren», sagt er. «Früher waren das die Schulhausplätze, heute wird man da um 22 Uhr verjagt.»

Trend geht weg vom Kommerz

Dass es in Bern durchaus noch Potenzial gibt, öffentliche Räume besser zu nutzen, darüber sind sich alle einig. Bei der Frage, welcher Art diese Nutzung sein soll, divergieren die Meinungen jedoch. Das Credo im linken Spektrum lautet: Belebung ja, Kommerzialisierung nein. Das sagt auch Stadtrat Luzius Theiler (GPB-DA). «Der öffentliche Raum und die Pärke sollen allen zur Verfügung stehen», sagt er. Eine schlechtes Beispiel ist für ihn die Kleine Schanze. «Hier treibt die Stadt einen Kommerz-Zirkus voran, das darf beim Kocherpark nicht passieren.»

Ähnlich klang es im Frühling dieses Jahres: Auf dem Warmbächli-Areal, das der Stadt gehört, sollte eine Sause steigen. Weil die Organisatoren aber an dem sonst für alle zugänglichen Ort Eintrittsgeld verlangten, erhielten sie eine Absage vom Warmbächli-Verein, der den Boden verwaltet. Linke Politiker forderten danach, die Bewilligungspraxis für gewinnorientierte Anlässe auf öffentlichem Grund müsse verschärft werden.

Steht es wirklich schlecht um die freie Zugänglichkeit des städtischen Bodens? Geht der Trend hin zur Kommerzialisierung? Tatsächlich scheint die Entwicklung in der Stadt Bern gerade in die andere Richtung zu gehen, wie das Beispiel Kocherpark zeigt: Nach dem «Parkonia» findet Mitte August das zweitägige Elektro-Fest «Stadtoasen» statt, im Anschluss beginnt das Freiluftkino «Kino im Kocher». Alle Anlässe sind frei zugänglich und ohne Konsumzwang.

Grünanlagen als neue Freiräume

Dass sich nicht kommerzielle Anlässe häufen, ist kein Zufall, sondern die Strategie von Tiefbaudirektorin Ursula Wyss (SP). Sie will den öffentlichen Raum in der Stadt Bern umgestalten. «Das Leben der Städter spielt sich immer mehr auch im öffentlichen Raum ab», sagt sie auf Anfrage. Grünanlagen wie der Kocherpark seien wichtige Freiräume und potenzielle Quartiertreffpunkte. Veranstaltungen im öffentlichen Raum sollten demnach «primär gratis zugänglich und ohne Konsumzwang» sein. Für den Kocherpark will Wyss insbesondere prüfen, inwieweit eine Öffnung für Veranstaltungen und weitere Nutzungsmöglichkeiten zu einer Belebung der Anlage beitragen.

In dieses Konzept passt auch, dass der Gemeinderat eine Studie in Auftrag gab: Das dänische Planungsbüro Gehl sollte Massnahmen zur Umgestaltung der Berner Altstadt erarbeiten. Daraus resultierten Vorschläge wie die Reduktion der Anzahl Parkplätze. Im Gegenzug sollten mehr Bänke aufgestellt werden. Stadtbewohner nutzten den Raum in der Öffentlichkeit als ihr «erweitertes Wohnzimmer», sagte Wyss damals. Erste Vorschläge will sie diesen Sommer dem Gemeinderat vorlegen.

«Bevorzugung braucht es nicht»

Die Strategie, gratis zugängliche Anlässe aktiv zu fördern, erntet aber auch Kritik: «Wer eine gute Idee hat, sollte auch die Chance haben, diese zu realisieren», sagt etwa Bernhard Eicher, FDP-Fraktionspräsident im Berner Stadtrat. Aus ideologischen Gründen kommerzielle Veranstalter zurückzudrängen, sei daher stossend. «Nicht kommerzielle Anlässe kann der Gemeinderat mit Gebührenbefreiung unterstützen, eine weitergehende Bevorzugung braucht es nicht», sagt er. Die Besucherzahlen bei der Tour de Suisse oder bei der Wasserrutsche am Aargauerstalden zeigten, dass auch solche Anlässe ihre Berechtigung hätten.

(Der Bund)

Erstellt: 17.07.2017, 06:46 Uhr

Eine bewegte Geschichte

1993 zeigte der damalige Berner Stadtpräsident Klaus Baumgartner (SP) stolz den neuen Kocherpark: herausgeputzt, saniert – und fast um das Doppelte vergrössert. Die Burgergemeinde Bern hatte der Stadt nämlich ein weiteres Stück des Parks vermacht. Sie hatte das Grundstück vom Sohn des Nobelpreisträgers Theodor Kocher geerbt. Ein «Bund»-Journalist lobte die symbolische Wiedereröffnung mit den Worten, die Bevölkerung des Mattenhofs habe endlich wieder eine Grünfläche zum «Spazieren, Flanieren, Spielen und Verweilen». Die Situation in den Jahren zuvor war eine ganz andere: Der Kocherpark war Heimat der zweitgrössten Drogenszene Europas und Schauplatz einer menschlichen Tragödie.

Im März 1992 wurde die Anlage von einem Grossaufgebot der Polizei geräumt. Die Stadt liess vor der Neueröffnung 1993 die oberste Erdschicht des Bodens abtragen, damit auch letzte Reste der Szene verschwinden. Heute, 25 Jahre später, sind die letzten Spuren längst weg. Geblieben ist für viele das Gefühl, dass man hier nicht hingehen sollte. Entsprechend klein ist die Anzahl Besucher: Über Mittag speisen Geschäftsleute aus Take-away-Geschirr, manchmal treffen sich Yoga-Gruppen, oder Mittelalter-Fans simulieren Schwertkämpfe. Dies dürfte sich spätestens jetzt ändern: Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) will den Park als Teil der Umgestaltung Berns beleben (siehe Haupttext), heuer finden gleich mehrere Festivals statt.

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