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Eine Pionierin, die nach Gott fragt

Jung, kosmopolitisch, hochgebildet. Eigentlich passt so eine Frau gut in ein Wirtschaftsmagazin wie «Forbes». Aber Jessica Lampe ist nicht Ökonomin, sondern Religionspsychologin.

Jessica Lampe ist in den USA in einem christlich geprägten Elternhaus aufgewachsen.
Jessica Lampe ist in den USA in einem christlich geprägten Elternhaus aufgewachsen.
Franziska Rothenbühler

«Ich habe schon sehr früh gelernt, dass das Leben einen überrascht.» Jessica Lampe wählt ihre Sätze mit Bedacht, sie spricht ein akzentfreies Deutsch, nur manchmal rutschen amerikanische Ausdrücke in ihre Rede. Vielleicht wurde ihr die Erkenntnis der Unberechenbarkeit des Lebens ja schon in die Wiege gelegt: Geboren wurde sie in dem Jahr, das in Europa zum Wendejahr werden sollte. 1989, das Jahr des Mauerfalls.

Allerdings war sie damals weit weg von ihrem Vaterland Deutschland, nämlich in ihrem Mutterland, in Virginia, USA. Dort besuchte sie die High School, später studierte sie Psychologie in den USA und in Oxford in England, war zu Studienaufenthalten in Schottland, Italien und zuletzt in China. Dort erforschte sie gemeinsam mit der Animals Asia Foundation den asiatischen Schwarzbären und sein soziales Verhalten.

Von Menschen und Tieren

Ihre wissenschaftliche Laufbahn ist gekennzeichnet von einer Konstante: Es geht Jessica Lampe immer um Beziehungen – zwischen Menschen, aber auch zwischen Menschen und Tieren. Sie ist überzeugt, dass die Forschung einen Beitrag zu einem besseren Zusammenleben leisten kann und muss. Eine Einstellung, die offenbar auch die Jurorinnen und Juroren der «Forbes»-Liste «30 under 30» (siehe rechts) beeindruckt hat: In den Augen des Wirtschaftsmagazins gehört Lampe im deutschsprachigen Raum zu den Pionierinnen und Pionieren, die mit ihrem Tun einen gesellschaftlichen «Impact» erzielen. Sieht das die junge Forscherin auch so? Lampe nickt, die Frage hat sie erwartet – auch wenn es nicht ihr Ding ist, sich selber zu verkaufen. Aktuell arbeitet Lampe in Bern an einem Forschungsprojekt – aufgestellt in zwölf Forschungsgruppen – zum Thema «Religiöse Konflikte».

Sie untersucht aus der Perspektive von Religionspsychologie und klinischer Psychologie, welche religiös bedingten inneren Konflikte in Menschen vorgehen und wie sie bewältigt werden können. «Das ist ein topaktuelles Thema», sagt sie. «Gerade auch in Bezug auf viele Flüchtlinge: Sie kommen oft aus Regionen, wo die Religion einen ganz anderen Stellenwert hat als in unserer säkularisierten Gesellschaft.» Jessica Lampe beschäftigt sich schon lange mit spirituellen Themen. Das hat nicht zuletzt wohl mit ihrer Herkunft zu tun: Lampe ist in den USA in einem christlich geprägten Elternhaus aufgewachsen, ihr Vater ist Theologe, auch ihr älterer Bruder arbeitet heute – nach Umwegen über die Politikwissenschaft – an seiner Dissertation in Theologie. Ihre Mutter, die als Übersetzerin und Lektorin arbeitet, hat beruflich nichts mit Religion am Hut, hat aber unter anderem auch Theologie studiert.

Religion als etwas «sehr Privates»

Trotz dieser Prägung durchs Elternhaus und die US-amerikanische Kultur, in der religiöse Bekenntnisse allgegenwärtig sind, betont Lampe, dass für sie Religion und Gottesfragen etwas «sehr Privates» seien, das sie beispielsweise auch in der Natur und der Meditation auslebe. Wie sie das erzählt, wirkt sie zurückhaltend, fast schüchtern, als sei das schon zu viel an privater Information, das da an die Öffentlichkeit dringt. Es war denn für sie auch eine eigentliche Offenbarung, als sie zum ersten Mal wissenschaftliche Publikationen las, in denen es um Gott geht. «In der Verhaltensforschung, mit der ich mich vorher beschäftigt hatte, ist alles messbar, religiöse, spirituelle Fragen jedoch nicht», sagt sie.

Als die Forschungsstelle an der Universität Bern ausgeschrieben war, zögerte sie denn auch nicht lange. Besonders schön findet die Kosmopolitin, dass sie bei der «Interfakultären Forschungskooperation» so viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen kennen lernt. Die gleiche Erfahrung hat sie auch gemacht, als sie zum Fotoshooting für die «Forbes»-Liste nach Wien gefahren ist.

«Es war sehr inspirierend, so viele unglaublich offene Menschen zu treffen», sagt sie. Viele der Pionierinnen und Pioniere beschäftigten sich mit Kryptowährungen oder künstlicher Intelligenz – Themen also, die am Puls der Zeit oder sogar der Zeit voraus sind. Gerade kürzlich haben sie und ihr Freund sich mit einem Teilnehmer zum Grillen getroffen. Er beschäftigt sich mit Cybersecurity und kommt zufällig aus der deutschen Stadt, in der Jessica Lampes Freund, ein IT-Consultant aus Costa Rica, zurzeit lebt. «Viele von uns werden sich sicher noch oft treffen», ist Lampe überzeugt.

Heimat ist relativ

Damit kommt sie zu einer anderen Konstante in ihrem Leben: Heimat ist keine geografisch definierte Kategorie, sondern eine Frage der Beziehungen. «Die Heimat trägt man in sich, ich fühle mich sehr vielen Orten verbunden», sagt sie. Wichtig sind ihr seit ihrer Kindheit aber nicht nur menschliche Beziehungen, sondern auch Tiere. «Wir hatten einen Labrador namens Amber. Meine Mutter hat immer gesagt, dieser Hund habe geholfen, uns zu erziehen», erzählt sie lachend. In ihrer Kindheit in Deutschland ist ihre Liebe zu Pferden erwacht, die seither nicht mehr erloschen ist. In den USA hat sie als Pferdetrekking-Guide gearbeitet. Und heute geht sie mindestens einmal wöchentlich im Freiburgischen reiten.

«Das tut unheimlich gut», sagt sie. Auch wenn sie in vielen Orten ein bisschen zu Hause ist, sagt sie: «Ich würde heute schon die Schweiz als Heimat bezeichnen. Ich habe mich total in die Landschaft hier verliebt.» Und doch: So ganz unberührt lässt sie ihre «äusserliche Heimatlosigkeit» nicht. Sie zitiert ein arabisches Sprichwort: «Blessed be those, that give their children roots and wings» (Gesegnet sind diejenigen, die ihren Kindern Wurzeln und Flügel verleihen). «Die Flügel sind bei uns wohl präsenter, die Wurzeln eher verstreut», sinniert sie. «Ich finde es aber auch wunderschön, wenn jemand so ganz an einem Ort verwurzelt ist.»

Und wo wird sie in fünf oder zehn Jahren sein? Jessica Lampe überlegt, zögert. «Eine Professur in der Schweiz wäre sehr schön.» Ein ehrgeiziges Ziel: Nur rund 20 Prozent der Professuren in der Schweiz sind von Frauen besetzt. «Es gibt viel mehr kompetente Frauen», ist Jessica Lampe überzeugt. «Und ich bin extrem dankbar für die Frauen, die uns den Weg hin zu Führungspositionen geebnet haben. Aber es gibt noch sehr viel zu tun.» Und da blitzt plötzlich in dieser sanften, fast mädchenhaft wirkenden Frau etwas Kämpferisches auf. Und man kann sich gut vorstellen, wie sie auf einem Pferd, den Pionierinnen im Wilden Westen gleich, vorwärtsprescht, unentdeckte Ufer zu erobern.

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