«Eine neue Qualität der Gewalt»

Bei einem «massiven Angriff» auf die Polizei in Bern entstand grosser Sachschaden – ein Beamter wurde verletzt. Jetzt reichts, sagen Politiker.

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Markus Dütschler

Mittlerweile ist man es in der Stadt Bern gewohnt, dass Streifenwagen beim Befahren der Strasse in der Nähe der Reitschule mit Gegenständen beworfen werden. Was sich aber in der Nacht auf Samstag um 0.40 Uhr ereignete, geht weit darüber hinaus. Eine Gruppe von etwa zwei Dutzend meist Maskierten zog zur Polizeiwache am Waisenhausplatz, versprayte die Fassade, warf Farbbeutel und Flaschen und demolierte davor parkierte Autos von Polizeimitarbeitern. Die Polizei rückte rasch aus, doch war der Spuk schon vorüber. Die mutmasslichen Täter hatten sich auf das Reitschul-Areal zurückgezogen. Ein Polizist wurde durch einen Flaschenwurf verletzt, er konnte das Spital wieder verlassen.

Polizeiverband reagiert «mit Wut»

Die Attacken gegen die Kantonspolizei Bern haben nun sogar den Verband Schweizerischer Polizei-Beamter (VSPB) auf den Plan gerufen. «Mit grosser Wut» habe der VSPB die Vorfälle zur Kenntnis genommen, heisst es in einem gereizten Communiqué. «Zum wiederholten Mal» zeige sich, «dass die Reitschule einfach nicht Herr über ihr Sicherheitsproblem» werde: «Nun ist es wirklich höchste Zeit für politische Konsequenzen.» Die Angriffe seien «eine Schande» – und besonders schlimm sei, dass «nichts passiert».

Adrian Wüthrich, SP-Grossrat und seit Mai 2014 Präsident des bernischen Pendants PVBK, bläst ins gleiche Horn: «Es muss etwas passieren.» Er habe mit Polizisten gesprochen, die so etwas zum ersten Mal erlebt hätten: «Das fährt ein.» Die Stadt dürfe «nicht länger lamentieren», sondern müsse die Reitschul­betreiber «in die Pflicht nehmen». Laut Wüthrich müsste man vor der Reitschule eine Art Schleuse einrichten, bei der ähnlich wie bei anderen Clubs eine Kontrolle stattfindet. «Das habe ich dem Stadtpräsidenten kürzlich in einem Gespräch gesagt», so Wüthrich. Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) war am Sonntag nicht erreichbar.

Nause: «Das sind Kriminelle»

Geäussert hat sich der städtische Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP). Der Angriff habe «eine neue Qualität», stellt er fest. «Die Schwelle zum Gewaltextremismus ist klar überschritten.» Das seien «Kriminelle», die Schwerverletzte in Kauf nähmen. An die Adresse der Reitschule spricht Nause eine Warnung aus: «Solange die Reitschule diesen Leuten einen Rückzugsort bietet, stellt sie ihre eigene Existenz in Frage.» Er stelle fest, dass die Stimmung in der Bevölkerung kippe. Für ihn ist klar, dass die Polizei «griffigere Instrumente» braucht, um Attacken aufklären zu können. «Unter anderem braucht es eine Videoüberwachung im öffentlichen Raum», so Nause.

Zeugen müssten sich melden

Zur politischen Forderung will sich Manuel Willi, Chef Regionalpolizei Bern, nicht äussern: «Wir nutzen die Möglichkeiten, die uns das Gesetz bietet.» Willi fuhr in einem Streifenfahrzeug mit, das kurz nach dem Angriff zum Ort des Geschehens raste. «Ich habe schon vieles gesehen, aber hier war das Gewaltpotenzial besonders hoch.» Willi sagt, die Polizei habe die zur Reitschule flüchtenden Täter nicht verfolgt, «weil wir unbeteiligte Dritte nicht gefährden wollten». Er wisse, dass viele in und um die Reitschule die Attacken nicht unterstützten. Einige auf der Schützenmatte hätten sicher mitbekommen, dass da ein Zug losmarschiere und kurz danach zurückkehre. «Wenn sie uns ihre Wahrnehmungen nicht mitteilen, unterstützen sie damit die Täterschaft.» Die Autos, die am Waisenhausplatz demoliert wurden, gehörten laut Willi Mitarbeitenden, die an ihrem freien Wochenende an einem dringenden Fahndungsfall arbeiteten. «Das ist natürlich frustrierend.»

Die Stadtberner Parteien verurteilen den Angriff. Für die SP sagt Stefan Jordi, die Reitschule müsse sich von diesen Taten distanzieren. Ähnlich äussert sich Stéphanie Penher (GB). Sie sagt, in unserem System könne man seine Anliegen «auf friedliche Weise einbringen». Zugleich ist sie froh, dass die Polizei nicht in der Menschenmenge auf der Schützenmatt eingriff. FDP-Präsident Philippe Müller nimmt die Stadt in die Verantwortung und wirft ihr vor, nicht einzugreifen, «weil es ihre Klientel ist». Die Zeit dränge: «Ich weiss nicht, worauf die Stadt noch wartet.» SVP-Fraktionschef Roland Jakob hat es «den Nuggi schon lange herausgehauen». Für ihn ist klar, dass die Reitschule keinen Leistungsvertrag mehr bekommt, bevor sie nicht die «gewalttätigen Elemente aus ihren Reihen entfernt» hat. Wenn Tschäppät nichts unternehme, solle er schon jetzt abtreten, so Jakob. Richtig sauer ist Kurt Hirsbrunner (BDP): «Wenn die linken Parteien keine Polizei mehr wollen und alles Chaotische so verherrlichen, dann gibt es solche Auswüchse.» Es sei «eine absolute Schweinerei»: In Bern gälten «keine Spielregeln mehr».

Kampf gegen «Knäste»

Ein anonymes Komitee erklärte gegenüber den Medien den Angriff auf die «Bullenwache» mit der «Wut gegen dieses kranke System». Auf den Todesfall eines Häftlings im Berner Regionalgefängnis vom Mittwoch (vgl. Korrigendum Box) Bezug nehmend, kündigte das Komitee «für die Anarchie» an: Man werde weiterhin gegen «Rassismus» kämpfen und die «Herrschaftsstrukturen angreifen»

Der Bund

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