Eine Abschiedsfeier – für eine Kirche

Die katholische Heiligkreuzkirche in Bern ist am Sonntag «entwidmet» worden. Sie gehört nun der rumänisch-orthodoxen Gemeinde St. Georg. Frustriert sind die Kroaten, welche die Kirche nicht kaufen konnten.

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Feiern bis zum Ende. Dann die allerletzten Gegenstände hinaustragen und das Licht löschen. Der Schluss der gestrigen «Entwidmungs- und Übergabefeier» in der Heiligkreuzkirche in Bern erinnerte an die letzten Minuten einer Wohnungsauflösung. Eben hatten die Geistlichen die Kerzen vom Altar genommen, dass Messgeschirr zusammengepackt, den Tabernakel ausgeräumt und sich in einer «symbolischen Prozession», wie es hiess, entfernt. Die Messe war fertig. Die Gläubigen traten den Auszug an. Sie gingen nach Hause oder begaben sich in den Gemeinderaum zum Apéro. Ab diesem Moment war die Heiligkreuzkirche keine katholische Kirche mehr. Mehrere Frauen suchten noch den persönlichen Abschied. Sie näherten sich dem Kreuz aus Beton, berührten den Gekreuzigten, hielten inne. Im Vordergrund stand der Tabernakel – offen. Wie ein ausgeschalteter Kühlschrank. In einem Tabernakel bewahren Katholiken das Allerheiligste auf, das eucharistische Brot, das nach einer Messe übrig bleibt. Für sie ist es der «Leib Christi».

Weitere Kirche vor dem Aus

Es war die wohl erste Aufgabe einer Landeskirchen-Kirche in der Region Bern, die gestern Mittag in der Berner Tiefenau über die Bühne ging. In der Vergangenheit war die Umnutzung von Kirchen nichts Aussergewöhnliches. Aktuell zu werden begann das Thema erst wieder vor ein paar Jahren. In der Region Bern stehen aber vor allem die reformierten Kirchgemeinden unter Druck. Vor dem Hintergrund drastisch sinkender Mitgliederzahlen bleibt ihnen nichts anderes übrig, als Liegenschaften und damit auch Kirchen zur Disposition zu stellen. Erste Entscheide stehen unmittelbar bevor: Nächsten Mittwoch wird das Parlament der reformierten Kirchen der Stadt Bern über die Entwidmung der Matthäuskirche im Rossfeld entscheiden.

Dass trotzdem eine römisch-katholische Kirche den Anfang machte, hat mit der speziellen Situation der Pfarrei Heiligkreuz zu tun. Sie umfasst den nördlichsten Teil der Stadt Bern mit der Engehalbinsel sowie vor allem die Gemeinde Bremgarten. Als kleine Pfarrei verfügte sie aber über zwei Zentren – das Zentrum Heiligkreuz in der Tiefenau und das St.-Johannes-Zentrum in Bremgarten. Die 1969 eingeweihte Heiligkreuzkirche wurde schliesslich Opfer der demografischen Entwicklung. Innerhalb der Pfarrei kam es zu einer Verlagerung nach Bremgarten. Dort leben mittlerweile knapp zwei Drittel der rund 2400 Gemeindemitglieder, unter Einbezug von Familien und Schulkindern sind es gar drei Viertel. An Gottesdiensten in der Heiligkreuzkirche nahmen im Durchschnitt noch zwanzig Gläubige teil.

Ohne Reibungsverluste ist die Aufgabe der Kirche nicht vonstatten gegangen. Gemeindeleiter Paul Hengartner sprach es in der Feier an. «Es ist nicht leicht», sagte er, «es ist eine Abschiedsfeier, die viele Anwesende schmerzt.» Er hoffe aber, dass nebst Enttäuschung, Ärger, Wehmut und Trauer doch auch Dankbarkeit vorhanden sei gegenüber all dem, was in diesen Räumen während fast 50 Jahren geschehen durfte.

Kroatische Mission: «Das tut weh»

Besonders enttäuscht sind die Kroaten aus der Region Bern, deren Mission im Heiligkreuz-Zentrum seit 32 Jahren Gastrecht geniesst. Ihre Gemeinde lebt. An Sonntagen nehmen 500 Leute an den Gottesdiensten teil, an hohen Festtagen sind es gegen 800. Viele von ihnen können nicht verstehen, warum sie die Kirche nicht weiternutzen durften. Ein Mann, der nicht genannt werden möchte, sagte nach der Feier: «Es tut uns weh.» Da rede man die ganze Zeit von Integration. Und dann bleibe doch nichts, wenn es darauf ankomme. «Wofür zahlen wir denn Kirchensteuern?» Der geistliche Leiter der Kroaten, Gojko Zovko, hatte seine Enttäuschung in der Wochenzeitung «Pfarrblatt» zum Ausdruck gebracht. Im Gottesdienst gestern dankte er vor allem und erklärte, dass die kroatische Mission «die Kirche gar nicht kaufen könnte, selbst wenn wir im Lotto gewinnen würden». Das hängt mit den Strukturen zusammen. Die Missionen sind der katholischen Landeskirche des Kantons Bern angegliedert, und diese unterhält keine Kirchen.

Die Kroaten haben für ihre Gottesdienste neu Gastrecht in der reformierten Kirche in Bern-Bethlehem. Für die neuen Nutzer wird dort sogar ein eigener Tabernakel eingebaut. Das sei doch «bemerkenswert», sagte Gemeindeleiter Paul Hengartner gestern während der Abschiedsfeier. Und dann demonstrierte er, wie Katholiken mit Spannungen umgehen, bei denen es «nichts schönzureden» gibt. «Versöhne uns mit der Situation», sagte er im Gebet, «dass wir die Herausforderungen gemeinsam angehen können. Herr, erbarme dich.» (Der Bund)

Erstellt: 22.01.2018, 06:25 Uhr

Die neuen Besitzer: Richtig umbauen dürfen die Rumänisch-Orthodoxen nicht

Die rumänisch-orthodoxe Gemeinde St. Georg zahlt für die Heiligkreuzkirche 900'000 Franken. Es ist ein Freundschaftspreis beziehungsweise eine ökumenische Geste. Die bald 50-jährige Kirche ist in den letzten zehn Jahren für insgesamt zwei Millionen Franken saniert worden. Langfristig sparen die Katholiken vor allem Betriebskosten von jährlich rund 200'000 Franken.

Laurentiu Precup, Pfarrer der rumänisch-orthodoxen Gemeinde, sagte gestern während der Feier, die Suche nach einer eigenen Kirche habe 14 Jahre gedauert – «für uns ist ein Traum in Erfüllung gegangen». Die Gemeinde, deren Einzugsgebiet weit über die Region hinausreicht, feierte ihre Gottesdienste bislang in der Kapelle des Inselspitals. Wie viele Mitglieder die Gemeinde zählt, konnte Precup dem «Bund» nicht sagen. Eine Schätzung abgeben wollte er nicht.

Den Zugang selber wählen

Die Heiligkreuzkirche stammt vom Architekten Walter Förderer. Das Gebäude, das komplett aus Beton erbaut wurde, gilt als eines der bedeutendsten Werke aus den 1960er-Jahren. Eben ist ein Kunstführer über die Kirche erschienen, die eigentlich ein Zentrum ist. Die Kirche mit den Gemeinderäumen und das Pfarrhaus wurden zu einer Einheit verbunden. Damit werde das Gemeindeleben in den Fokus gestellt, steht im Büchlein. Der Bau erinnert an eine Burg. Einen Haupteingang gibt es nicht. Die Menschen können sich ihren Zugang selber auswählen.

Die Kirche ist denkmalgeschützt. Aus diesem Grund darf sie baulich nicht stark verändert werden. Für orthodoxe Kirchen typisch ist die Ikonostase, eine mit Ikonen geschmückte Wand. Der fixe Einbau einer solchen Wand ist aufgrund der Vorgaben unwahrscheinlich; eher wird eine mobile Wand zum Einsatz kommen – wie bisher in der Inselkapelle. Precup sagte während der Feier zu den bisherigen Nutzern: «Wir werden die Tür für Sie immer offen halten.» (db)

Ann-Kathrin Seyffer: Die Heiligkreuzkirche in Bern. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK, Bern 2017. 28 S., 13 Fr. (Bestellungen: www.gsk.ch)

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