Ein Zückerli für eine bessere Welt

Die Stadt Bern darf sich jetzt Fairtrade-Stadt nennen. Kann die Wirtschaft dadurch ein reineres Gewissen haben?

Mit ihrem Fairtrade-Laden in der Kramgasse war Franziska Lack eine Stadtberner Vorreiterin.

Mit ihrem Fairtrade-Laden in der Kramgasse war Franziska Lack eine Stadtberner Vorreiterin. Bild: Franziska Rothenbühler

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Seit zwanzig Jahren verkauft Franziska Lack in ihrem Laden in der Kramgasse Fairtrade-Kleidung. Ihre Näherinnen und Näher in Vietnam kennt sie mit Namen. «Als ich den Laden in den 1990er-Jahren eröffnete, war Fairtrade noch kein grosses Thema», sagt sie. Heute ist die Situation eine andere. In der Stadt gibt es Dutzende Läden, die Ware beziehen, für die Produzenten und Bauern in den Herkunftsländern angemessen entlohnt werden. Sogar Grossverteiler wie Migros und Coop profilieren sich für ihre Markenpflege mit rücksichtsvollen Arbeitsbedingungen. Kürzlich erhielt die Stadt Bern sogar die Auszeichnung «Fairtrade Town». Weltweit gibt es rund 2000 solcher Städte. Doch wie wird eine Stadt zur Fairtrade-Town?

Um den Titel von der Organisation Swiss Fair Trade zu erhalten, muss eine Stadt bestimmte Kriterien erfüllen. (Siehe Box) Eine Bedingung ist, eine gewisse Anzahl an Unternehmen davon zu überzeugen, Produkte zu verwenden oder zu vertreiben, die eine Ausbeutung von Menschen in der Dritten Welt ausschliessen. Detailhändler müssen fünf faire Produkte in ihr Sortiment aufnehmen. Andere Institutionen, wie Spitäler und Schulen, müssen nachweislich drei Fairtrade-Produkte nutzen. In Bern wurden rund hundert Unternehmen im Rahmen der Kampagne akquiriert. Um gelistet zu werden, reicht es, im Büro fairen Kaffee oder Tee zu trinken und ihn mit Zucker zu süssen, den ein Fairtrade-Logo ziert. Dies erscheint wenig weltbewegend. Alles also nur heisse Luft?

«Titel wird billig verkauft»

Sabin Bieri, Leiterin des Bereichs Armut und Ungleichheit am Zentrum für Nachhaltige Entwicklung an der Universität Bern, nennt den Effekt der Auszeichnung «verschwindend klein». Die Wissenschaftlerin sagt, zuallererst müsse man den Begriff des fairen Handels relativieren. Die Kleinbauern im Süden, die von Fairtrade profitieren sollten, seien keine «homogene Masse». Bieri: «Wir stellen bei unserer Forschung vor Ort zunehmend fest, dass Fairtrade viel von seinem Glanz verliert. Durch Fairtrade-Labels wie Max Havelaar entstehen in den Drittweltländern neue problematische Ungleichheiten durch Konkurrenzdenken», so Bieri. Der Titel Fairtrade-Stadt zeige natürlich das Engagement Berns, was «begrüssenswert» sei.

Gleichwohl seien die Kriterien für den Erwerb des Prädikats zu weich. «Ich frage mich, ob der Titel Fairtrade-Stadt nicht zu billig verkauft wird», sagt Bieri. Etwas wirklich Sinnvolles könne getan werden, indem man sich für gleich lange Spiesse in den internationalen Handelsbeziehungen einsetze, so die Wissenschaftlerin. Auf stadtpolitischer Ebene sei der Einfluss allerdings «begrenzt».

Philipp Scheidiger, Geschäftsführer von Swiss Fair Trade, verteidigt das Konzept: «Bei der Kampagne Fairtrade Town geht es darum, einen Prozess anzustossen. Die Bevölkerung soll über die Herkunft der Produkte nachdenken», sagt er. Er betont zudem, die Hintergründe aller gelisteten Fairtrade-Produkte würden regelmässig überprüft.

Effekt noch schwer abzusehen

Katharina Stampfli vom Wirtschaftsraum Bern führte im Rahmen der Kampagne die Suche nach den Unternehmen durch. Sie sieht durch den Titel Vorteile für die Stadtberner Wirtschaft: «Durch den Titel erhält die Stadt Bern ein weltoffenes Image. In der Zukunft könnten sich neue Unternehmen hier ansiedeln, die ein modernes, verantwortungsbewusstes Konzept verfolgen», so Stampfli. Dass die Stadt Bern aus der Imagepflege einen Vorteil ziehen könnte, schliesst auch Denis Grisel von der bernischen Standortförderung nicht aus: «Bisher ist das Thema Fairtrade bei der Standortauswahl wenig gefragt. Künftig könnten solche Kriterien jedoch vermehrt eine Rolle spielen», so Grisel. Bei den Stadtberner KMU kommt die Auszeichnung gemischt an.

«Grundsätzlich begrüssen wir es», sagt Leonard Sitter vom Gewerbeverband. «Jedem Unternehmen sollte jedoch selbst überlassen bleiben, ob es den Richtlinien des fairen Handels folgt oder nicht.» Der Berner Professor für Wirtschaftsgeografie, Paul Messerli, sagt, die Profilierung durch den Titel nütze der Stadt Bern wenig. «Konsumenten und Wirtschaft müssen dem Titel Taten folgen lassen.»

Mit kleinen Schritten zum Ziel

Für Vollblut-Fairtraderin Franziska Lack geht es nicht darum, dass sich die Stadt Bern «mit der Auszeichnung schmücken» will. Im Gegenteil: Lack ist optimistisch, dass die Menschen am anderen Ende der Wertschöpfungskette Nutzen aus dem Engagement der Bundesstadt ziehen. Bereits das offizielle Bekenntnis zur Förderung des fairen Handels trage dazu bei, dass ein wichtiges Thema an die Oberfläche komme, so Lack.

Kritik an der Kampagne kann sie deshalb nicht verstehen: «Es sind nur kleine Schritte aber irgendwann muss man anfangen.» Auch Patricio Frei von der Schweizer Max-Havelaar-Stiftung attestiert der Auszeichnung eine reale Wirkung. «Im Bereich Fairtrade wird durch die Auszeichnung von Städten eine neue wichtige Dimension erreicht», so Frei. Letztlich gehe es um die Sensibilisierung der Bevölkerung und die langfristige Förderung von fairem Handel. Nur durch ein Umdenken auf lange Sicht könne Fairtrade in der Schweiz zur Selbstverständlichkeit werden. (Der Bund)

Erstellt: 20.02.2017, 06:53 Uhr

Hat ein reines Gewissen seinen Preis?

Die Liste an Fairtrade-Produkten wächst. Die Preispolitik ist aber oft intransparent.

Klassischerweise geht es im Bereich Fairtrade hierzulande um Produkte wie Bananen, Schokolade, Kaffee und Rohrzucker. Tatsächlich ist die Wertschöpfungskette, also der Weg vom Produzenten zum Endverbraucher, bei Lebensmitteln oft relativ zuverlässig rückverfolgbar. In der Diskussion um rücksichtsvollen Handel rücken auch Produkte wie Fairtrade-Blumen und -Kleidung zunehmend in den Mittelpunkt. Ob Kleidung unter vertretbaren Bedingungen produziert wurde, ist allerdings selten vollständig nachzuweisen. In der Textilindustrie sind die Handelsketten lang und komplex.

Unternehmen kennen die einzelnen Glieder der Kette oft selbst nicht. Im Bereich der Elektronik steckt der Fairtrade-Gedanke noch in den Kinderschuhen. Vorreiter ist eine holländische Firma, die im Jahr 2013 ein Fairphone entwickelt hat, das unter vertretbaren Bedingungen hergestellt und auch recycelt wird.

Preis verrät nichts über den Lohn

Viele Konsumenten denken, Fairtrade-Ware zu kaufen, sei vor allem eine Preisfrage. Tatsächlich jedoch zeigt eine Studie von Swiss Fair Trade von Dezember 2016 und Januar 2017, dass fair gehandelte Produkte in sechzig Prozent der Fälle weniger oder gleichviel kosten wie handelsübliche Produkte.
Insgesamt verfügen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die Mitglieder in Fairtrade-Kooperativen sind, über höhere und vor allem stabilere Einkommen.

Der Preis eines Produkts muss jedoch nicht zwangsläufig etwas über die Höhe der Entlöhnung verraten. Innerhalb der gesamten Preisbildung sind Faktoren wie die Transportkosten in die Schweiz und und jene für die Weiterverarbeitung von grösserer Bedeutung. (rsi)

Fairtrade Town: Die Kriterien

Die Kampagne «Fairtrade Town» wurde im Jahr 2001 in Grossbritannien gestartet. Mittlerweile gibt es weltweit rund 2000 Fairtrade-Städte in 31 Ländern.

Ausser der Bundesstadt trägt im Kanton Bern noch Zweisimmen den Titel. In der restlichen Schweiz ist sonst bloss noch die Gemeinde Glarus-Nord dabei. Um die Auszeichnung zu erhalten, muss eine Stadt oder Gemeinde folgende Auflagen erfüllen:


  • Eine politische Arbeitsgruppe muss gebildet werden, die das Engagement der Stadt oder Gemeinde für fairen Handel als offiziellen Grundsatz formuliert.



  • Eine bestimmte Anzahl von Detailhändlern, Gastronomiebetrieben und Unternehmen muss fair gehandelte Produkte vertreiben, verwenden oder konsumieren. Die Anzahl richtet sich dabei nach der Grösse der Gemeinde oder Stadt.



  • Durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit muss die ansässige Bevölkerung regelmässig für fairen Handel und die Herkunft von Produkten sensibilisiert werden. (rsi)

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