«Ein Zoo ist für die Menschen da»

Bald kehren die Bären in den sanierten Bärenpark zurück und im Tierpark wird die Zukunft des Kinderzoos geplant: Tierpark-Direktor Bernd Schildger hat viel zu tun.

Bei einem Besuch im Zoo steht der Mensch im Zentrum und nicht das Tier, sagt Tierpark-Direktor Bernd Schildger, hier beim Füttern von Papageientauchern.

Bei einem Besuch im Zoo steht der Mensch im Zentrum und nicht das Tier, sagt Tierpark-Direktor Bernd Schildger, hier beim Füttern von Papageientauchern. Bild: Valérie Chételat

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Herr Schildger, kehren Sie nach den Ferien gerne nach Hause zurück?
Nein.

Könnte es den Bären genauso gehen, wenn Sie Ende Monat von Vallorbe nach Bern zurückkommen werden?
Nein. Und zwar, weil Bären das Konzept Ferien gar nicht kennen und daher nicht wissen, wofür Ferien da sind.

Einige behaupten, dass die Tiere im Waadtland besser aufgehoben sind.
Unsere Tierpflegerinnen und ich auch waren regelmässig in Vallorbe, haben die Bären beobachtet und ihr Verhalten studiert. Daraus können wir eindeutig schliessen, dass es ihnen in Bern sicher nicht schlechter geht als in Vallorbe.

Was erwartet die Tiere, wenn sie das Gehege nach ihrer Abwesenheit wieder erkunden dürfen?
Die Bären werden etwas Zeit brauchen, um sich einzugewöhnen. Es ist der Preis, den sie bezahlen müssen. Dafür erhalten sie auch etwas, etwa einen Rückzugsort entlang des Lifts. Ein solcher fehlte bislang. Zudem werden sie neue Sträucher und Bäume vorfinden, die genug Zeit hatten, Wurzeln zu schlagen. Die Bären werden sie also nicht wieder aus dem Boden reissen können.

Bald ist die Stützmauer saniert, der Schräglift installiert und das Gehege aufgewertet. Ist der Bärenpark nun so, wie Sie ihn sich immer gewünscht haben?
Nein. Er ist noch immer zu klein. Ursprünglich waren die Vorgaben im Wettbewerb zum Bärenpark mindestens eine 10'000 Quadratmeter grosse Fläche. Darauf hätten zwei Anlagen von anständiger Grösse gebaut werden können, eine wäre für die Aufzucht von Jungtieren vorgesehen gewesen. Nun haben wir nur eine voll funktionsfähige Anlage.

Sie denken also immer noch über eine Erweiterung des Parks nach?
Selbstverständlich. Das ist aber kein Projekt, das ich morgen angehen kann. Aber vom Tisch ist es nicht. Will man in Zukunft junge Bären, braucht es zwei vollwertige Teilanlagen.

Die Bank Julius Bär unterstützt den Bärenpark mit 375'000 Franken. 125'000 Franken sind für den Lift reserviert, der Rest soll für die «Attraktivierung des Bärenparks» eingesetzt werden. Was kaufen Sie sich? Einen zeugungsfähigen Bären?
Für dieses Geld könnten wir etwa 200 Tiere für die Nachzucht kaufen. Allerdings gilt unter den Zoos, die im Zuchtprogramm teilnehmen, dass die Tiere kostenlos abgegeben werden. Einen Bären zu bekommen, wäre also das kleinste Problem, aber nicht unser oberstes Ziel.

Was dann?
Wir werden auch etwas für die Menschen realisieren. Uns geht es in erster Linie darum, die ganze Szenerie rund um den Bärenpark aufzuwerten. Noch immer fehlen ein richtiger Empfang, sowie Sonnenschutz und Sitzmöglichkeiten. Auch die Beschilderung vom Bärenpark in den Tierpark ist fast inexistent. Wäre diese besser, würden viel mehr ausländische Gäste den Weg in den Tierpark finden.

Auch im Tierpark haben Sie viel vor: Nach dem Bau der Voliere soll bald die Steinbockanlage saniert werden. Das Dählhölzli-Fest steht im Zeichen des Kinderzoos, der zu einem Bauernhof umgebaut werden soll. Was ist konkret geplant?
Es gibt Ideen, aber keine konkrete Pläne. Bei diesem Projekt gehen wir anders vor, wir wollen von Kindern wissen, wie sie den Kinderzoo haben möchten. Am heutigen Fest haben sie die Möglichkeit, ihre Vorstellungen in einem Ideen-Stall zu formulieren oder zu zeichnen.

Der Kinderzoo ist der Teil des Tierparks, der am meisten Besucher anzieht. Wäre es da nicht angebracht gewesen, diesen schon viel früher aufzuwerten?
Es ist ja nicht so, dass im Kinderzoo bisher nichts gegangen ist. Der Pferdestall wurde neu gebaut, etliche Gehege angepasst. Als ich Tierparkdirektor wurde, tummelten sich hier neben Eseln und Ponys Wallabys und Wasserschweine, eine klare Linie fehlte. Heute werden hier vorwiegend Nutztiere gehalten, die man auf Schweizer Bauernhöfen findet. Was noch fehlt, ist der direkte Kontakt zwischen Mensch und Tier.

Die Philosophie des Tierparks lautet «Mehr Platz für weniger Tiere». Ist dieser Prozess mit der Umgestaltung des Kinderzoos abgeschlossen?
In den letzten Jahren wurden mehr als Dreiviertel der Gehege im Tierpark saniert, umgestaltet oder vergrössert. Abgeschlossen ist der Prozess aber nie. Denn für einen Zoo bedeutet Stillstand Rückschritt. Wir haben zwar stets das Gefühl, die Tiere zu kennen. Aber eigentlich wissen wir fast nichts über sie. Und jede neue Erkenntnis zwingt uns, mehr in die Tiere zu investieren. Eine wichtige Rolle spielt aber auch, welche Aufgabe man sich selber auferlegt.

Welches sind Ihre Aufgaben?
Ein Zoo ist in erster Linie für die Menschen da. Bei einem Besuch steht der Mensch im Zentrum. Wir wollen ihm erstens die Möglichkeit geben, den Tieren zu begegnen und aus der Gehetztheit des täglichen Lebens auszubrechen. Unser zweites Kernziel ist es, ein persönliches eigenes Erlebnis zu bieten. Denn eigene Erlebnisse berühren und verändern uns und werden Teil unseres emotionalen Bewusstseins. Drittens schaffen wir Nähe. Nähe zum Tier statt Entfremdung von der Natur durch Haltungsverbote oder vermeintliche Grundrechte für Tiere. Letztere entfremden uns nur immer mehr von der Natur. Und wenn der Mensch dann den guten Zoo, in dem Tiere den Grossteil ihrer natürlichen Verhaltensweisen ausleben können verlässt, ist er ein besserer. Das hilft auch dem Tier. Denn wir Menschen vernichten Natur, aber wir Menschen sind auch diejenigen, die sie retten können.

Werden Sie künftig mehr Mittel dafür einsetzen, um solche Erlebnisse schaffen zu können?
Auf jeden Fall. Das müssen wir, damit wir überhaupt noch eine Legitimation haben. Allerdings werden wir unsere Mittel nicht in Stoffpapageien und sonstige Gadgets investieren. Stattdessen werden wir Anlagen aber auch die Infrastruktur für die Besucher verbessern. Noch fehlt es beispielsweise ein Verpflegungsangebot im eintrittspflichtigen Bereich des Dählhölzlis. Dabei denke ich allerdings weniger an einen Bratwurststand. Den Verkauf von Trockenwürste aus dem Emmental könnte ich mir hingegen gut vorstellen.

Sie sind seit 19 Jahren Tierparkdirektor. Haben Sie keine Absprunggelüste?
Ich halte es mit dem amerikanische Philosoph Richard Rorty. Er war der Überzeugung, dass alles im Leben auf Zufällen basiert. Daher kann ich heute nicht wissen, was morgen sein wird.

Sind Sie immer mit mit Herzblut bei der Sache?
Auch hier weisst Rorty den Weg: Das einzig Sinnhafte für den modernen Menschen isst: sich selbst täglich neu zu erfinden.

Was denken Sie, wie sieht der Tierpark in zehn Jahren aus?
Bern wird die sozialste Stadt in der Schweiz hinsichtlich der Begegnung von Mensch und Natur sein, ihre Einwohnerzahl wird rund 150'000 betragen. Dählhölzli, Bärenpark und Botanischer Garten werden Teil eines grossen, zusammenhängenden Erholungsgebiets entlang der Aare, gegenüber der Altstadt sein und jährlich über drei Millionen Besucher anziehen. Davon werden rund 40 Prozent aus dem Ausland stammen. Sie wollen alle erleben, wie toll Bern ist. (Der Bund)

Erstellt: 06.09.2015, 10:10 Uhr

Zur Person

Bernd Schildger

Bernd Schildger führt den Tierpark, zu dem auch der Bärenpark gehört, seit April 1997. Zuvor war er als stellvertretender Direktor im Frankfurter Zoo tätig. Der 59-Jährige ist Doktor der Veterinärmedizin und hat an der Universität Giessen habilitiert. An der Uni Luzern hat er zudem einen Abschluss in Philosophie und Management gemacht. (lsb)

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