Ein Tram nicht nur für die Stadt

Erneut stimmt Bern über ein Tram nach Ostermundigen ab. Entscheidender dürfte die kantonale Abstimmung werden.

Auf den Hauptschlagadern der Verdichtung ist ein guter ÖV unverzichtbar.

Auf den Hauptschlagadern der Verdichtung ist ein guter ÖV unverzichtbar. Bild: Adrian Moser

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Es scheint das Schicksal von Berner Tramprojekten zu sein, dass sie mehrere Anläufe an der Urne brauchen. So war es beim einst heiss umstrittenen Tram Bern West, das heute als selbstverständliche Verbesserung des öffentlichen Verkehrs gilt. Nun läuft der Neuanlauf für das Tram zwischen Bern und Ostermundigen – die eine Hälfte des 2014 gescheiterten Projekts Tram Region Bern. Den Startschuss gab Ostermundigen, das 2016 doch noch für das Tram votierte. Am 26. November stimmt die Stadt Bern ab – und am 4. März 2018 der Kanton.

Der kantonale Urnengang dürfte entscheidend sein. Denn in der Stadt Bern stehen die Chancen gut fürs Tram. Bereits 2014 stimmte hier das Volk dem damals noch grösseren Tramprojekt deutlich zu – mit 61 Prozent Ja-Stimmen und einer Mehrheit in allen sechs Stadtteilen.

Risiko tiefe Stimmbeteiligung

Auf Stadtboden hat sich das Projekt kaum geändert, und auch die Argumente im Abstimmungskampf sind dieselben wie 2014. Im Kern dreht sich der Streit noch immer um die Frage, ob man für die Bauarbeiten Alleebäume fällen und sie später durch junge Bäume ersetzen darf. Das Schicksal der oft durchaus stattlichen alten Bäume gilt es abzuwägen gegen die Bedürfnisse von Tausenden ÖV-Passagieren, die sich heute zu Stosszeiten in überfüllten Bussen auf den Zehen stehen.

Trams sind Massenverkehrsmittel par excellence – und als solche sehr gut geeignet, um auf der chronisch überlasteten Linie 10 von Bern nach Ostermundigen den ÖV wieder leistungsfähig und angenehm zu machen. Gefährlich werden können den Trambefürwortern in der Stadt wohl bloss eine zu tiefe Stimmbeteiligung und eine zu grosse Siegesgewissheit.

Unberechenbarer wird die kantonale Volksabstimmung am 4. März sein – falls das Referendum gegen den kantonalen Finanzbeitrag wie erwartet formell zustande kommt. Denn hier wird es im Abstimmungskampf wohl nur am Rande um die Sachfrage nach der besten ÖV-Lösung gehen – und noch weniger um Alleebäume in der Stadt. Entscheidend wird sein, ob eine Mehrheit im Kanton bereit ist, 102 Millionen Franken für eine Tramlinie in der Region Bern zu investieren. Auf einer grundsätzlichen Ebene steht die Frage im Raum, wie tief der oft zitierte Graben zwischen Stadt und Land wirklich ist. Ein Thema, das starke Gefühle wecken kann und politische Sprengkraft für den Kanton Bern aufweist.

Kanton braucht Zentrumsregion

Aus einer wirtschaftlichen Optik ist die Sache klar: Die Region Bern ist der eigentliche Motor der bernischen Wirtschaft. Gerade auf der Achse zwischen Bern und Ostermundigen sollen neue Arbeitsplätze und zusätzlicher Wohnraum entstehen. Für die Wirtschaft ist eine gute Verkehrsinfrastruktur zentral. Und in städtischen Gebieten ist dafür meist ein gut ausgebauter öffentlicher Verkehr entscheidend – was wohl den Ausschlag dafür gab, dass auch die Stadtberner Freisinnigen inzwischen das Tramprojekt unterstützen, obwohl sie sich in der rot-grünen Stadt seit langem in der Oppositionsrolle befinden. Zu sehr liegt es für wirtschaftsfreundliche Kreise auf der Hand, dass es dem Kanton nur gut gehen kann, wenn auch die Region Bern als ihr wirtschaftlicher Kern gedeiht.

Dennoch ist der Umkehrschluss falsch, dass man mit einem Nein ein Zeichen gegen ein Wachstum setzen kann, das vielen zu schnell geht. Denn aus Sicht einer nachhaltigen Entwicklung findet das Wachstum auf dem Korridor Bern–Ostermundigen am richtigen Ort statt: im bereits bebauten Gebiet. Also dort, wo verdichtet werden soll, damit nicht noch die letzten Wiesen und Äcker auf dem Land überbaut werden müssen. Die raumplanerische Devise der Verdichtung macht aber nur Sinn, wenn die vielen Menschen, die in städtischen Gebieten leben und arbeiten, umweltfreundlich transportiert werden. Das kann und soll künftig vermehrt mit dem Velo geschehen. Auf den Hauptschlagadern bleibt ein guter ÖV aber unverzichtbar – sonst treiben Blechlawinen, Lärm und Autoabgase die Menschen bald wieder aufs Land.

Fairer Ausgleich – auch für Stadt

Im Kanton werden jedoch nicht fundamentale Wachstumskritiker den Abstimmungskampf dominieren, sondern SVP-Kreise, welche auf einen Anti-Stadt-Reflex auf dem Land setzen – obwohl der Referendumsführer und SVP-Grossrat Stefan Hofer ein Stadtberner ist. Allerdings ist die Ausgangslage diesmal gut für die Tramvorlage – ausgerechnet wegen einer kürzlich erfolgten Niederlage des rot-grünen Lagers. Denn man kann darauf verweisen, dass auch die Stadt Bern am 21. Mai 2017 für eine Umfahrung des Dorfs Aarwangen votierte – obwohl die knapp 140 Millionen Franken teure Strasse vielen in der Stadt gegen den Strich ging. Letztlich überwog in Bern ein Bekenntnis zum Zusammenhalt im Kanton. Dasselbe darf man nun mit gutem Recht am kommenden 4. März in der kantonalen Tramabstimmung von der Landbevölkerung erwarten.

Braucht es ein Tram nach Ostermundigen? Auf welcher Route? Welche Alternativen gibt es? Diskutieren Sie mit im Stadtgespräch: stadtgespraech.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 11.11.2017, 08:12 Uhr

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