Ein ruhiges Zmittag in stürmischen Zeiten

Nannette Keller will Familien mit schwer kranken Kindern Mittagessen nach Hause liefern. Was das für Betroffene ausmacht, weiss sie aus eigener Erfahrung.

Nannette Keller liefert die Lunchbox rund um Bern frei Haus.

Nannette Keller liefert die Lunchbox rund um Bern frei Haus. Bild: Adrian Moser

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Eines Nachts landete die Familie Keller auf der Kinderonkologie des Inselspitals Bern. Bei ihrem 8-jährigen Sohn wurde Leukämie diagnostiziert, was für die Familie bedeutete, dass das Spital zum zweiten Zuhause wurde. Die Mutter Nannette Keller kündigte ihren Job als Arbeitspsychologin bei den SBB, um für ihren erkrankten Sohn da zu sein, der in diesen Jahren mehrmals in Lebensgefahr schwebte. In grosser Sorge über ihn fehlte ihr die Zeit und die nötige Ruhe, um sich angemessen um ihre zwei gesunden Töchter zu kümmern. Die Familie verbrachte in den folgenden zwei Jahren 150 Tage im Spital.

«Die Krankheit unseres Sohnes hat das Familienleben vorübergehend auseinandergerissen», sagt Nannette Keller bei einem Treffen. In dieser Zeit hätten sie oft nur hurtig Pasta gekocht oder ein Sandwich verschlungen, für mehr habe die Zeit nicht gereicht. Glücklicherweise sprang Kellers Schwiegermutter in die Bresche. «Wenn ich abends vom Spital nach Hause kam, hatte sie oft für alle gekocht.» Das sei eine unglaubliche Erleichterung gewesen. Sie habe sich hinsetzen und durchatmen können. «Bei einem feinen Znacht hatten wir Eltern wieder Zeit, den Töchtern zuzuhören, was sie zu erzählen hatten. Plötzlich konnten wir Witze machen und uns als Familie wieder spüren.» Solche Momente will Nannette Keller nun Familien in ähnlichen Situationen bescheren. Dafür hat sie diesen Monat das Projekt Nanas Lunchbox gestartet.

Ein Mittagessen verschenken

Einerseits können Familien mit schwer kranken Kindern oder Elternteilen online ein Mittagessen selbst bestellen – ähnlich eines herkömmlichen Hauslieferdienstes. Die Lunchbox kostet pro Person dabei nur zehn Franken, wobei die erste sogar gratis ist. Die eigentliche Idee ist es aber, dass betroffene Familien solche Mittagessen geschenkt bekommen. «Bekannte teilten mir immer mit, dass ich ihnen sagen solle, wenn ich Hilfe brauchte», erklärt Keller. Sie habe jedoch den Kopf nicht frei gehabt, Aufgaben zu delegieren.

Mit Nanas Lunchbox können nun Bekannte einer Familie in einer schweren Zeit einen Gefallen machen, so die Idee. «Wenn das Essen ankommt, soll es für die Beschenkten sein, als ob sie ein Päckli auspacken würden.» Deshalb hat Nannette Keller besonderen Wert auf eine liebevoll gestaltete Verpackung gelegt. Die Menüs bezieht sie zu einem leicht reduzierten Preis beim vegetarischen Restaurant Tibits. Mitfinanziert wird das Projekt durch Spenden von Gönnern, durch Stiftungsgelder und Mitgliederbeiträge aus dem eigenen Verein.

Einen neuen Weg gehen

Nebst Nannette Keller arbeiten im Moment die Grafikerin Nicole Eisenring und die Webdesignerin Beatrice Wespi für Nanas Lunchbox. «Wir sind noch sehr am Anfang und arbeiten alle gratis», sagt Keller. Sie hoffe aber, dass sich das ändern werde. Wenn das Pilotprojekt in Bern klappt, will sie in andere Schweizer Städte expandieren. Schliesslich will sie nicht nur wohltätig aktiv sein, sondern sich auch beruflich darin verwirklichen. Die schwere Zeit ist für Nannette Keller denn glücklicherweise vorbei. Ihr Sohn ist geheilt. Er sei inzwischen ein fast ganz normaler, gesunder Junge. Was ihr von der vergangenen Zeit bleibt, sei Dankbarkeit und Demut, aber auch das Wissen, dass es jetzt weitergehen müsse. «Zurück zu den SBB zu gehen, ist für mich kein Thema», sagt sie. Sie müsse und wolle einen neuen Weg einschlagen. Zu viel sei in der Zwischenzeit passiert. So sieht sie das Projekt auch als Belohnung dafür, dass sie die harten Jahre überstanden hat. «Ob wir mit dem Projekt Fuss fassen können, wissen wir nicht. Aber wir müssen es versuchen.»

Wenn Sie spenden, eine Lunchbox bestellen oder verschenken wollen, besuchen Sie: www.nanas-lunchbox.ch (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.11.2016, 09:19 Uhr

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