Ein richtig harter Job

Der Verein Surprise lädt zum Perspektivenwechsel: Leserinnen und Leser des Strassenmagazins stellen sich mit dem Heft in der Hand auf die Strasse. Ein Erfahrungsbericht.

«Bund»-Autorin Gisela Feuz (rechts) schafft es, in zwei Stunden zehn Hefte zu verkaufen.

«Bund»-Autorin Gisela Feuz (rechts) schafft es, in zwei Stunden zehn Hefte zu verkaufen.

(Bild: Adrian Moser)

«Nicht ‹Surprise› schreien und die Leute nicht erwartungsvoll anstarren, sonst fühlen sie sich bedrängt», sagt André «Ändu» Hebeisen. Ich nehme an der Aktion «Vendor Week», «Verkäuferwoche», teil, mit welcher Strassenzeitungen weltweit die Aufmerksamkeit auf ihre Verkäuferinnen und Verkäufer lenken, indem sie sie die Rollen tauschen lassen. Das heisst: Für einmal verkaufen Leserinnen und Leser das Magazin. Zwischen dem 1. und dem 4. Februar machen schweizweit rund 30 Verkäufer beim Rollentausch mit.

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Ich stehe in der Christoffelunterführung im Berner Bahnhof und bekomme von meinem Rollentausch-Partner Ändu die letzten Tipps. Ob ich denn Kleingeld zum Wechseln dabei hätte, will er wissen. Habe ich natürlich nicht. Fürsorglich hilft mir der 46-Jährige mit Münz aus. «Das wird schon, du bist ein neues Gesicht und eine Frau, das hilft», ermutigt mich Hebeisen, bevor er von dannen zieht. Ich bin nervös, will ich doch möglichst viele Hefte losschlagen, denn schliesslich geht der Erlös an Ändu. Als er weg ist, fühle ich mich auf einen Schlag sehr einsam und sehr exponiert. Der Bahnhof ist am späten Nachmittag gut frequentiert, zahlreiche Leute ziehen an mir vorbei. Und schauen.

Das Verkaufssystem des «Surprise»-Strassenmagazins funktioniert so, dass die Verkäuferinnen und Verkäufer beim Verteiler eine bestimmte Anzahl Magazine zum Einkaufspreis von Fr. 3.30 beziehen und diese dann an bestimmten Standorten für 6 Franken verkaufen, wobei der Differenzbetrag bei ihnen bleibt. Es sei schwierig, eine durchschnittliche Verkaufszahl zu nennen, hatte mir Ändu im Vorfeld erklärt. Manchmal verkaufe er 10, manchmal 30 Magazine an einem Nachmittag.

Ich stehe nun seit einer Stunde hier und habe vier Hefte verkauft. Arme und Schultern schmerzen, weil ich die Magazine in die Höhe halte. Anfängerfehler. Trotz warmer Winterkleidung kriecht einem die Kälte der zugigen Bahnhofunterführung in alle Glieder. Ausserdem setzen mir die mehr oder weniger verstohlenen Blicke der Passanten zu und ich glaube, deren Gedanken lesen zu können. «Was wohl mit der schief ist? Psycho? Drogen?» Ich fühle mich ausgestellt und stigmatisiert.

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«Den durchschnittlichen ‹Surprise›-Verkäufer gibt es nicht», sagt Barbara Kläsi, Vertriebsleiterin von Surprise Bern. Körperliche oder psychische Versehrtheit, Sucht oder Krankheit sind Faktoren, welche dazu führen können, dass sich ein Mensch plötzlich am Rande der Gesellschaft wiederfindet. «Keiner ist davor gefeit», betont Kläsi. Das zeigt auch das Beispiel meines Rollentausch-Partners. Ändu Hebeisen war einmal Abteilungsleiter in einer Baufirma. Schicksalsschläge, Stress und Druck am Arbeitsplatz liessen ihn immer öfter zur Flasche greifen, bis es ohne Alkohol gar nicht mehr gehen wollte und Ändu seinen Job verlor. Seit einem Jahr ist er trocken und verkauft nachmittags im Bahnhof Bern das «Surprise».

Anfänglich sei das Hinaustreten an die Öffentlichkeit schwierig für ihn gewesen, sagt Hebeisen. Aber mittlerweile fehle ihm etwas, wenn er einen oder zwei Tage nicht verkaufen gehe. Einen ganzen Nachmittag lang in einem Strom von Menschen zu stehen, mache ihm gar nichts aus. Im Gegenteil: «Das isch wie Meditation.»

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Eineinhalb Stunden sind verstrichen und ich beginne zu verstehen, was Ändu mit Meditation gemeint hat. Der hohe Grundlärmpegel am Bahnhof und der Strom an Leuten versetzen einen tatsächlich in eine Art Trance. Wenn nur die Blicke nicht wären. Fast schlimmer sind allerdings diejenigen Passantinnen und Passanten, die demonstrativ kein Auge riskieren oder peinlich berührt schnell wegschauen, wenn sich unsere Blicke treffen. Ich weiss auch nicht recht, wo ich hinschauen soll, und fixiere deswegen den nahen Abfalleimer.

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Nach zwei Stunden sind meine Füsse Eisklötze, Schultern und Daumengelenke spüre ich nicht mehr, und ich bin froh, dass der Rollentausch ein Ende findet. Ich habe zehn Hefte verkauft, wobei ich von den jeweils fünf weiblichen und männlichen Käufern unterschiedlichen Alters insgesamt neun Franken Trinkgeld erhalten habe. Das heisst, dass ich alles in allem 36 Franken verdient habe. Ändu Hebeisen ist sehr zufrieden mit mir. Bloss, mir ist bewusst: Hätten nicht ein paar kauffreudige Kameraden vorbeigeschaut, wäre ich auf einen Stundenlohn von Fr. 8.10 gekommen. Ein bescheidener Lohn für einen richtig harten Job.

Am Donnerstag findet ab 17 Uhr im Restaurant Rock Garden, Christoffelunterführung, die Schlussveranstaltung der «Vendor Week» statt, wo sich die Gelegenheit bietet, sich bei Wurst und Getränken mit «Surprise»-Verkäuferinnen und -Verkäufern auszutauschen.

Der Bund

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