Ein Quartier wird doppelt so dicht

Am Thomasweg im Liebefeld will der Investor auch preiswerte und kleine Wohnungen bauen – und allerhöchstens 0,5 Parkplätze pro Wohnung.

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Keine weitere grüne Wiese überbauen, sondern dort mehr Wohnraum schaffen, wo bereits gewohnt wird. Das ist der Kern der inneren Verdichtung, einer Idee, die im Raum Bern derzeit an verschiedenen grossen Beispielen gründlich durchdekliniert wird.

So ist in der Stadt Bern etwa die Debatte über die Erneuerung der Siedlung Meienegg angelaufen, wobei vorab der Konflikt zwischen Verdichten und Denkmalschutz die Gemüter erhitzt. Deutlich weiter fortgeschritten ist das Verdichtungsprojekt für die im Liebefeld gelegene Siedlung Thomasweg.

Hier, in der Gemeinde Köniz, gibts keine denkmalschützerischen Bedenken. Stattdessen beschäftigt die Frage, ob der Abbruch und der verdichtete Neubau eines ganzen Quartieres nicht zwangsläufig zu einer kompletten sozialen Umschichtung führt. Etwas salopper gesagt: Wer heute im sehr günstigen Quartier lebt, fragt sich, ob man sich an dieser Adresse auch künftig noch eine Wohnung wird leisten können.

Die Antwort auf diese Frage hat jetzt etwas klarere Konturen. Die Investorin aus Zürich, die HIG Immobilien Anlage Stiftung, legte am Dienstag nämlich die Ergebnisse von Architekturstudien vor, die verdeutlichen, wohin der fundamentale Umbau des Quartiers führen wird.

Doppelt so viele Wohnungen

Für die detaillierte Projektierung wird die HIG auf die Studienergebnisse des Berner Architekturbüros Aebi & Vincent setzen. Das heisst gleichzeitig, dass der Rahmen, den die Könizer Stimmberechtigten im März 2016 abgesteckt haben, voll ausgeschöpft wird. Das Volk stimmte damals neuen Zonenvorschriften zu, die deutlich mehr Wohnfläche und deutlich höhere Bauten erlauben. Konkret will die HIG in der Siedlung künftig doppelt so viele Wohnungen anbieten wie bis anhin – 285 statt 142.

Fritz Burri, der für die HIG das Projekt betreut, spricht angesichts dieser Verdoppelung von einer «anspruchsvollen Herausforderung». Die HIG habe deshalb die Anliegen der Könizer Behörde und der Quartierorganisationen aufgenommen. Zum einen wolle die HIG im Liebefeld die Devise «inneres Verdichten» tatsächlich leben. Anderseits strebe die Stiftung eine «sozialverträgliche» Etappierung an. Will heissen: Ab 2019 soll das Areal schrittweise erneuert werden.

So blieben viele der heutigen Altwohnungen zunächst erhalten, was bisherigen Bewohnern die Gelegenheit gebe, später in eine Thomasweg-Neuwohnung zu ziehen, «falls sie dies wollen». Ob sies wollen, dürfte auch eine Frage des Mietpreises sein. Burri bekräftigte am Dienstag, die HIG werde zwei Drittel der Wohnungen im mittleren Preissegment ansiedeln. Bei einem Drittel soll es sich um «preiswerte» Wohnungen handeln. Exakter werden mochte der Investorenvertreter nicht: «Dazu ist die Projektschärfe noch zu gering.»

0,5 Parkplätze pro Wohnung

Beim Reizthema Verkehr sind hingegen die verlässlichen Antworten bereits da. Der Investor folgt in Köniz streng der heutigen – und in den Zonenvorschriften festgehaltenen – Mobilitätsrealität: Zu den gegenwärtig 140 Parkplätzen wird kein einziger weiterer dazukommen. Die Parkplatzdichte sinkt also deutlich.

Der in den Zonenvorschriften festgehaltene maximale Wert von 0,5 Parkplätzen pro Wohnung wird in Zukunft sogar leicht unterschritten. Das ist insbesondere für die Verkehrspolitik der Gemeinde von Belang, denn Parkplatzüberangebote begünstigen zusätzlichen motorisierten Pendlerverkehr.

Das Mobilitätsverhalten der heutigen urbanen Familien verändert sich. Nur noch jeder zweite städtische Haushalt besitzt ein eigenes Auto. Gleichzeitig, sagt Burri, «ist die Standardfamilie ein Auslaufmodell». Auch im urbanen Teil von Köniz leben heute 70 Prozent der Menschen in Ein- und Zweipersonenhaushalten, in Bern sind es gar rund 80 Prozent.

Diese gesellschaftspolitische Realität wird bei der Quartierumkrempelung im Liebefeld ebenfalls abgebildet: Am Thomasweg werden unterschiedlich grosse Wohnungen entstehen, insbesondere aber auch zahlreiche Kleinwohnungen, Studios, Wohnateliers und eventuell gar Clusterwohnungen, also Wohnungen, die sich für etwas gehobenere WG-Formen eignen.

Die Könizer Gemeinderätin und Planungsvorsteherin Katrin Sedlmayer (SP) ist von der Zwischenbilanz am Thomasweg angetan: Der Dialog zwischen Investor, Gemeinde und Quartiervertretern führe hier «zu sehr guten Lösungen».

Die Ergebnisse der Architekturstudien zur Siedlung Thomasweg sind bis am 12. Mai im Gemeindehaus Köniz ausgestellt. (Der Bund)

Erstellt: 02.05.2017, 21:32 Uhr

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