Ein Quartier fürchtet um seine Kirche

Prominent steht die Friedenskirche auf einem Hügel, doch ihre Zukunft ist ungewiss. Als Gemeindekirche dürfte sie «stillgelegt» werden.

An dominierender Lage, aber mit unsicherer Zukunft: Die Berner Friedenskirche.

An dominierender Lage, aber mit unsicherer Zukunft: Die Berner Friedenskirche.

(Bild: Adrian Moser)

Markus Dütschler

Die Berner Friedenskirche wird bald 100-jährig. Für einen Menschen ist das ein beachtliches Alter, nicht aber für eine Kirche: Doch ob der prominent auf dem «Veielihubel» thronende Sakralbau das Jubiläum in seiner jetzigen Funktion erleben wird, ist ungewiss. Die Zahl der Kirchenmitglieder nimmt auch in Bern ab – und damit die Steuereinnahmen. Strukturen, die einst für viele eingerichtet wurden, sind für die Verbleibenden überdimensioniert und zu teuer.

Als die Stadt Bern nach der vorletzten Jahrhundertwende wuchs und die Stadtgebiete Holligen, Weissenstein und südlicher Mattenhof überbaut wurden, wuchs das Bedürfnis nach einer eigenen Kirche. Die Reformierten in diesen Quartieren gehörten damals zur Kirchgemeinde Heiliggeist, die 27'500 Mitglieder zählte. Der barocke Bau am Bahnhof hätte nicht alle Gemeindeglieder aufnehmen, der Pfarrer nicht alle versorgen können.

Aufatmen nach Kriegsende

Deshalb errichtete der Architekt Karl Indermühle 1918 bis 1920 auf dem Hügel den weitherum sichtbaren neoklassizistischen Bau mit Anklängen an Art déco samt mächtigem Glockenturm und monumentaler Freitreppe. «Wahrzeichen» hiess das Projekt, als es 1915 zum Wettbewerbssieger erkoren wurde. Als die Waffen nach dem Weltkrieg endlich schwiegen, bekam der Neubau den Namen Friedenskirche. Über der säulengesäumten Portalseite steht die Inschrift: «Der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein» – ein Ausspruch des Propheten Jesaja. Inzwischen gehören den Kirchgemeinden Heiliggeist und Frieden noch 10'500 Personen an – seit 1920 ein Rückgang um mehr als die Hälfte also. Das ist ein genereller Trend.

Die Evangelisch-reformierte Gesamtkirchgemeinde Bern, der die Kirchenbauten und Kirchgemeindehäuser gehören, hat als strategisches Ziel beschlossen, den Immobilienaufwand um die Hälfte zu reduzieren. Bildlich gesprochen passt die Kirche ihr Kleid den neuen Gegebenheiten an.

«Menschen statt Mauern»

Da Kirche nur zum Teil aus «Hardware» und zu einem überwiegenden Teil aus «Software» besteht, aus kirchlichem Leben, hat die Gesamtkirchgemeinde dazu den Slogan «Menschen statt Mauern» geprägt. Kirchliches Leben soll es in allen Quartieren geben, aber nicht jedes Kirchgemeindehaus, jeder Kirchenbau wird in seiner heutigen Funktion erhalten bleiben. Kooperationen zwischen Kirchgemeinden werden zunehmen, sei es bei Siegrist-Diensten, Veranstaltungen oder bei der Kirchenmusik.

Was geschieht mit der «Mauer» Friedenskirche? Wird sie bald zugesperrt? Bis Ende Jahr müsse die Kirchgemeinde Frieden der Gesamtkirchgemeinde ihre Sparvorschläge unterbreiten, sagt Robert Ruprecht, Präsident der Kirchgemeinde Frieden. «Das heisst nicht, dass die Friedenskirche sofort geschlossen wird.» Laut einer gemeinsamen Erklärung der Kirchgemeinden Heiliggeist und Frieden in der aktuellen Ausgabe von «Reformiert.» könnte die Friedenskirche «irgendwann in den nächsten fünf bis zehn Jahren als Gemeindekirche stillgelegt» werden.

Ziel ist es aber laut Ruprecht, dass künftig in beiden Kirchgemeinden Räume zur Verfügung stehen, in denen sich kirchliches Leben abspielt. Doch wenn nur eine von zwei Kirchen bliebe, «hat die zentral gelegene Heiliggeist-Kirche die besseren Karten». Nachgedacht wird auch über eine Zwischennutzung der Friedenskirche, wobei damit laut Ruprecht keine kirchenfremde Nutzung gemeint ist.

Ein reiner (weltlicher) Konzertbetrieb, wofür sich eine Kirche von der Akustik her meist recht gut eignet, käme demnach also weniger infrage. Apropos Musik: Die jetzige Organistin der Friedenskirche, Ekaterina Kafanova, tritt im März 2016 in Basel eine neue Stelle an. Die berufliche Unsicherheit an der Friedenskirche Bern dürfte dabei auch eine Rolle gespielt haben.

Der Bund

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