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Ein Märli-Fake und leider keiner

Poller-Kolumnist Peter Schibler greift in die Trickkiste.

Sie hat ihn, den Frosch, gar nie geküsst, die Prinzessin! All die Zeichnungen, wie sie so auf dem Brunnenrand sitzt, ihre güldene Kugel, die er ihr aus der Tiefe heraufgeholt hat, auf dem Schoss und die widerwilligen Lippen dem Viech entgegenschürzend: alles Fake!

Wie so oft hat der Volksmund das Horrorkabinett der Gebrüder Grimm zu einer Art Hollywoodsülze verkocht, die nur noch auf die Unterlegung durch Streichmusik wartet, aber wir schweifen ab.

In Wahrheit also fand gar kein Kuss statt. Vielmehr suchte der Frosch die Prinzessin in den königlichen Gemächern heim und stellte immer dreistere Forderungen, wollte zuerst nur am Tisch neben der Prinzessin sitzen, dann aus ihrem Teller essen und zuletzt, da er nun in gastronomischer Hinsicht gesättigt war, in ihr Bett gehoben werden, widrigenfalls er sie bei ihrem Vater verrätschen würde. Im Original bei Grimms: «Da ward sie erst bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn aus allen Kräften wider die Wand: ‹Nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch.› Als er aber herabfiel, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn mit schönen und freundlichen Augen.»

Liebe Kinder, so war das also: kein Müntschi. An die Wand geknallt hat die Prinzessin ihn, was – im Gegensatz zum Kuss – ein echter Frosch kaum schadlos übersteht und was ausserdem eine Moorerei gibt auf der Tapete.

Kein Fake und leider auch kein Märli ist hingegen (und damit endlich zum heutigen Bern-Bezug) die Geschichte des Hans Fischer von Utzenstorf. Von seiner Existenz und deren frühem Ende wissen wir dank einer Quelle im Berner Staatsarchiv, wo sein Name unter «Vermischtes» im kirchlich-rechtlichen Bereich auftaucht.

Und damit reisen wir zurück ins frühe 17. Jahrhundert: Im reformierten Bern leben vorwiegend Untertanen, die von einer dünnen Schicht städtischer Aristokratenfamilien regiert werden, deren überzählige Söhne irgendwo auf Landsitze outgeplacet werden oder im schlimmsten Fall als Pfarrer in ein Dorf müssen. In den Dörfern selber hats eine Kirche, ein paar Bauernhöfe und eine Allmend, auf der Taglöhner ihre bescheidenen Hüttli bauen. Im Winter lernen die Kinder beim Pfarrer den Katechismus auswendig, hie und da wird ein einheimischer Hutmacher oder Messerschmied als «Schulmeister» angestellt, der dann den anderen weniger zur Last fällt, weil er vom Staat einen Hungerlohn bekommt. Dank gelegentlichen Pestzügen reduziert sich die Zahl der zu stopfenden Mäuler zusätzlich. Das Recht kommt im Wesentlichen von Gott, der die Obrigkeit eingesetzt hat, damit sie hienieden nach selbigem schaue, und hätte man die Leute gefragt, ob sie das gut finden, hätten sie einen fassungslos angesehen.

Zurück nach Utzenstorf. Hans Fischer dürfte gerade nicht gewusst haben, wie er seine Zeit als, wie wir vermuten, Kind von Mittellosen totschlagen sollte, als er im Juni 1633 auf einem Feld bei Landshut spazieren ging. Unsere Quelle (B III 113/477; Misc. Eccl.) berichtet unter dem Titel «Casus de baptisatione stercoris», wie der «knab von 16 oder 17 jahren» später zugegeben habe, er habe auf besagtem Feld «menschenkoth gefunden» und habe «denselbigen im namen der heiligen dryfaltigkeit getauft».

Die Obrigkeit liess Gnade vor Recht walten und hat Hans Fischer in Anbetracht seiner Jugend nur «mit dem schwert vom leben zum tod richten lassen». Von Gottes wegen hätte sie ihn nämlich verbrennen müssen. Grimms Märchen sind da schöner, sogar im Original.

Peter Schilber hat als gelernter Historiker eine Quellensammlung, die er hervorzieht, wenn ihm nichts Aktuelles einfällt.

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