Ein Lokal fürs «verlorene» Quartier

Jahrelang war der Raum im Mattenhof-Quartier leer gestanden. Nun hauchen ihm zwei junge Frauen Leben ein.

Valentina Merz (l.) und Kim Bigler wollen erst ein Kulturlokal eröffnen, dann vielleicht studieren.

Valentina Merz (l.) und Kim Bigler wollen erst ein Kulturlokal eröffnen, dann vielleicht studieren. Bild: Manu Friedrich

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Es soll ein Ort werden, wo man hingeht, bevor man in die Innenstadt weiterzieht. Ein Ort für den morgendlichen Kaffee, für Workshops, Ausstellungen, Konzerte und fürs Feierabendbier. Valentina Merz und Kim Bigler kommen ins Schwärmen, wenn sie von dem Raum sprechen, den sie an der Schwarztorstrasse 102 in der Nähe des Loryplatzes übernommen haben. Im März 2016 möchten sie ihn unter dem Namen Kulturlokal Werkhof 102 eröffnen.

Die Idee entsprang ihrer Maturaarbeit, sagt Valentina Merz. «Ich habe ein virtuelles Konzept für einen Raum erstellt, der ein Quartier beleben soll und die verschiedenen Leute zusammenbringt.» Nachdem sie die Arbeit eingereicht hatte, liess sie die Idee nicht mehr los. «Ich wollte sie umsetzen», sagt die 19-Jährige. Als in der Wohnüberbauung Brunnmatt-Ost, deren Bauherr ihr Vater Hansmartin Merz ist, ein Raum im Parterre frei war, witterte Valentina Merz ihre Chance. «Mein Vater stimmte sofort zu, dass wir ihn übernehmen dürfen.»

«Hier fehlt es an Leben»

Merz und Bigler sind im Mattenhof-Quartier aufgewachsen, sie kennen sich seit dem Kindergarten. «Es gibt so viele coole Quartiere in Bern. Doch hier fehlt es an Leben. Das Quartier hat viel Potenzial», sagt Merz. Seit ihrem Schulabschluss haben die beiden täglich am Konzept getüftelt, einen Barista-Kurs gemacht, Möbel in Brockenhäusern und auf Online-Plattformen zusammengekauft, Rezepte ausprobiert und Gespräche mit verschiedenen Bar- und Restaurantbesitzern geführt. «Nach der Schulzeit geniessen wir es, unsere Tage so zu gestalten, wie wir wollen. Die fehlende Struktur ist aber auch anspruchsvoll. Wir müssen uns selber Druck machen», sagt Merz.

Insbesondere der Austausch mit den Anwohnern des Quartiers sei ihnen wichtig. «Wir haben 200 Umfragen in die Briefkästen geworfen, um herauszufinden, welche Bedürfnisse die Quartierbewohner haben», sagt Kim Bigler, die später etwas mit Kunst oder Musik studieren möchte. Die Rückmeldungen seien positiv gewesen. «Man schlug uns Tangoveranstaltungen, einen Kinderzirkus, Kunstausstellungen vor.» Von verschiedenen Seiten habe man sich zudem nach einem Raum erkundigt, wo Kurse angeboten werden könnten.

Vegane Gerichte und Yogakurse

Das Programm solle stets angepasst werden können, sagt Valentina Merz. Sicher ist: Dort, wo sich früher der Werkhof des städtischen Strasseninspektorats befand, soll auf 160 Quadratmetern eine Bar entstehen mit 30 Sitzplätzen, die bereits morgens öffnet. Mittags kommen vegetarische Speisen auf den Tisch.

Auch vegane Gerichte sollen im Angebot stehen. Der Raum soll mit einem Vorhang trennbar sein, damit im hinteren Teil Tanzkurse oder Yogastunden angeboten werden können. «Wir möchten selber Tanzstunden geben», sagt Merz, die wie ihre Freundin seit Jahren tanzt. Zudem soll einmal wöchentlich ein Tanz- und ein Jam-Abend stattfinden. Der Werkhof werde aber kein Nachtlokal werden. «Weil der Raum in einem Wohnquartier liegt, wird er unter der Woche um 22 Uhr und samstags spätestens um 0.30 Uhr schliessen.»

Ein «verlorenes Quartier» erwacht

Urs Emch vom Quartierverein Holligen-Fischermätteli, der bisher noch nichts vom neuen Lokal gehört hat, ist erfreut über die Pläne der jungen Frauen. «Grundsätzlich tönt das sehr gut.» Man merke, dass das «verlorene Quartier» in letzter Zeit in Sachen Kultur am Erwachen sei. Nachdem der Mattenhofleist, der Veielihubelleist und der Weissenbühlleist in den vergangenen Jahren eingegangen seien, fehle es in diesem Stadtteil nämlich nebst an einem Zentrum auch an Identität. Die Nachfrage nach Bars und Räumen zum Mitgestalten sei bestimmt da. «Im Quartier leben viele junge Leute», sagt Emch.

Auch BDP-Stadtrat Martin Mäder, der in Ausserholligen wohnt und häufig durchs Brunnmattquartier fährt, sagt, er begrüsse «jede Art von Belebung». Es sei wichtig, dass den Bewohnern etwas geboten werden könne, was sie sonst nur in der Innenstadt vorfänden. Mäder weist aber darauf hin, dass der Standort an der Ausfallstrasse zwischen Zentrum und Agglomeration nicht optimal sei.

«Es wird wohl ganz und gar nicht einfach sein, dort Kundschaft aufzubauen.» Dies zeigten auch die vielen leer stehenden Gewerberäume an der Effingerstrasse. Das scheinen auch Valentina Merz und Kim Bigler nicht ausser Acht gelassen zu haben. «Uns ist bewusst, dass es nicht einfach sein wird. Die Gastronomie ist ein hartes Business», sagt Bigler.

Für Interessierte gibt es nächsten Samstag an der Schwarztorstrasse 102 von 17 bis 19 Uhr Punsch und Glühwein. (Der Bund)

Erstellt: 01.12.2015, 09:57 Uhr

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