Ein Leben für den Zirkus

Der Emmentaler Konrad Utzinger ist Gesamtleiter des Zirkus Chnopf, der diese Woche auf der Warmbächlibrache in der Stadt Bern haltmacht.

Konrad Utzinger ist Artist und auch ein bisschen Zirkusdirektor.

Konrad Utzinger ist Artist und auch ein bisschen Zirkusdirektor. Bild: Adrian Moser

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Der Zirkus Knie, der einmal im Jahr in Langnau im Emmental gastierte, war der Beginn einer grossen Liebe. Der junge Konrad Utzinger war damals fasziniert vom Zirkusleben, von der Bühne, vom Unterwegssein, und er wusste: Das will ich auch. Mit seinen Schulkameraden gründete er einen Zirkus, packte ein Artistenzelt auf sein Fahrrad und ging im Emmental auf Tournee.

Die Leidenschaft für den Zirkus blieb und Utzinger machte eine Artistenausbildung an der Zirkusschule Cirque Zofy in Sion. Seit 2012 ist er Gesamtleiter des Zirkus Chnopf – einem Jugendförderprojekt, in dem professionelle Artisten gemeinsam mit Nachwuchstalenten eine Produktion erarbeiten und damit auf eine dreimonatige Tournee gehen (siehe Kasten). Diese Arbeit findet Konrad Utzinger, der in der Show auch selbst auf der Bühne steht, «grossartig». Sie sei eine Kombination aus Selbstverwirklichung und Jugendförderung.

Während der Tournee ist das rund fünfzehnköpfige Chnopf-Team mit Traktoren und Zirkuswagen unterwegs und tingelt mit Tempo 30 auf Landstrassen durch die Schweiz. Jede Woche wird die Bühne an einem neuen Tournee-Ort aufgebaut, die Licht- und Soundinstallation verkabelt und die Bierbänke für das Publikum aufgestellt. «Das ist körperlich sehr anstrengend», sagt Utzinger. Dennoch stört es ihn kaum, dass es während der Tournee keinen Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit gibt. «Ich kann dafür im Winter problemlos ein paar Wochen Ferien nehmen».

Auch den Spagat zwischen Zirkus- und Familienleben löst Utzinger pragmatisch: Sein kleiner Sohn und seine Frau sind mit dabei, und die kleine Familie lebt zu dritt im Zirkuswagen. Zu eng sei das nicht, sagt Utzinger. «Während der Tournee sind wir fast die ganze Zeit draussen und gehen nur zum Schlafen in den Wagen». Die Produktionen des Chnopf gehören zum Genre des zeitgenössischen Zirkus. So funktioniert auch das diesjährige Programm mit dem Titel «Panik» anders als der traditionelle Nummernzirkus. «Bei uns geht es ums Geschichtenerzählen mit Tanz, Musik, Theater und Akrobatik», sagt Utzinger.

«Ich will mit meinem Körper etwas erzählen.»Konrad Utzinger

Die Chnopf-Aufführungen finden unter freiem Himmel statt, haben anstelle von Eintrittskarten eine Hut-Kollekte und stehen allen Interessierten offen. «Wir wollen einen niederschwelligen Zugang zum Zirkus schaffen», sagt Konrad Utzinger und betont: «Artistik ist für mich mehr als eine rein sportliche Herausforderung. Ich will mit meinem Körper etwas erzählen». Wenn die Tournee nach insgesamt fast 60 Aufführungen vorbei ist, geht es für Utzinger gleich weiter. «Ende Tournee bin ich bereits so stark damit beschäftigt, was im nächsten Jahr passiert, dass da gar kein Platz ist für Melancholie», sagt er.

Gemeinsam mit zwei weiteren Mitgliedern des Leitungsteams plant er das nächste Programm, stellt ein neues Team zusammen und kümmert sich ums Fundraising. Bereits im Januar beginnen die Vorproben für die nächste Sommertournee. Reich wird Konrad Utzinger mit seiner Arbeit nicht: Die Löhne, die sich das Chnopf-Team auszahlen kann, sind bescheiden. «Aber es geht uns gut», sagt er. In der Schweiz gebe es nur wenig Zirkuskünstler, die von ihrem Geld leben könnten. Der Chnopf ist zu 60 Prozent selbstdeckend, mit Geldern die durch Bar-Einnahmen und die Hut-Kollekte nach den Vorstellungen zustande kommen. Der Rest der Einnahmen wird durch Stiftungen und Kulturgelder gedeckt.

Und wie stellt sich der Langnauer Künstler seine Zukunft vor? Theoretisch ist es für Utzinger denkbar, mal «etwas ganz anderes» als Zirkus zu machen. «Im Moment bin ich aber so stark beim Chnopf involviert, dass ich mir ein Leben ohne Zirkus kaum vorstellen kann», sagt er. Utzinger, der wenn er nicht auf Tournee ist, in Zürich lebt, kann sich langfristig auch vorstellen, wieder nach Langnau zurückzukehren. «Ich schätze diesen Ort sehr. Bisher hat mich mein Beruf in die Welt hinausgezogen», sagt er. Vielleicht werde das Emmental aber später für ihn ein Ort des Ruhestands sein.

www.montag.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 14.08.2017, 06:37 Uhr

Nachwuchstalente haben «Panik»

Während andere Wanderzirkusse über den Personalbestand eines mittleren Unternehmens verfügen, geht es beim Zirkus Chnopf familiär zu und her. Teil des Teams sind Nachwuchsartisten, Zirkus- und Schauspielprofis sowie Backstage-Personal. Während der mehrmonatigen Erarbeitung der Tournee-Inszenierung werden die Jugendlichen in den Disziplinen Akrobatik, Schauspiel und Tanz ausgebildet.

Im Chnopf-Projekt lernen sie aber weit mehr als das: Neben der Show legen sie Leitungen, bauen die Bühne auf und ab, sind für den Abwasch zuständig. Noch schulpflichtige Kinder werden während der Tournee von einer Lehrperson unterrichtet. Die aktuelle Inszenierung trägt den Titel «Panik» und befasst sich mit der Bedeutung und den Auswirkungen von Angst.

Im Mittelpunkt steht ein ängstlicher Clown, der sich mit allerlei kunstvoll inszenierten Widrigkeiten konfrontiert sieht. Ab Mittwoch gastiert die Truppe während fünf Tagen in Bern auf der Warmbächlibrache.

Aufführunen: Mi, 16. 8. 17, 16.30 Uhr; Fr, 18. 8., 19.30 Uhr; Sa, 19. 8., 16.30 und 19.30 Uhr und So, 20. 8., 16.30 Uhr. Weitere Informationen: www.chnopf.ch.

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