Ein komischer Haufen

Unbekannte protestieren mit einem goldenen Kothaufen gegen die Bernhardiner-Skulpturen in der Stadt Bern. Reto Nause findet das «leicht fragwürdig».

Beim Berner Kornhausplatz hat ein goldener Hundehaufen den BernARTiner abgelöst.

Beim Berner Kornhausplatz hat ein goldener Hundehaufen den BernARTiner abgelöst.

(Bild: Adrian Moser)

Nein, toll finden muss man sie nicht. Ihre Wirkung haben sie aber nicht verfehlt: Die Hundeskulpturen «BernARTiner», die bis vor kurzem das Berner Stadtbild prägten, waren eine Mischung aus Werbefläche, Selfie-Point und Kunst im öffentlichen Raum. Unternehmen konnten die Plastiken kaufen und ihre Firmenlogos darauf anbringen lassen, gar namhafte Berner Künstler wie Timmermahn halfen beim Mitgestalten. Und während sich so mancher Stadtbewohner fragte, was das eigentlich soll, posierten Touristen fleissig mit den Plastikfiguren.

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Damit ist jetzt Schluss. Die Hunde kommen nun zu ihren Herrchen und Frauchen. Einige suchen noch einen Besitzer und kommen daher unter den Hammer. Ihre Spuren haben sie aber nicht nur in den sozialen Netzwerken hinterlassen, sondern auch beim Kornhausplatz: Dort nämlich gibt ein kindshoher, goldener Hundehaufen ein Rätsel auf: Geht das Projekt «BernARTiner» in eine nächste Runde? Zieren statt der über hundert Tierfiguren bald deren durch Kunststoff veredelten Ausscheidungen das Stadtbild? Ist das Kunst – oder kann das weg?

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Des Pudels Kern: Die fragwürdige Installation ist eine Protestaktion des Kollektivs «Please Mind The Gap». Dessen Botschaft lässt sich auch ohne vertiefte Kunstkenntnisse entschlüsseln. An den Plastik-Hundis finden sie wenig Gefallen: Durch die Skulpturen werde Kunst für den Kommerz missbraucht, und die Eigenwerbung nehme den öffentlichen Raum in einem kaum erträglichen Ausmass in Beschlag. Oder etwas salopp gesagt: Das Ganze ist ein Haufen Kacke, der viel Geld abwirft. Da Private für jede der Skulpturen mehrere Tausend Franken hinblättern, frage sich ausserdem, wo das ganze Geld hinfliesse. Dies schreibt das Kollektiv auf seiner Facebook-Seite.

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Wer dahintersteckt, ist nicht bekannt: Der Impuls komme aber von «freischaffenden Berner Künstlern», heisst es auf Anfrage des «Bunds». Man wolle bewusst anonym bleiben, «da es uns um die Sache geht und nicht um die Personen dahinter». Beim Verein «Bern gestaltet», der die Idee der Hundefiguren entwickelt und realisiert hat, nimmt man die Aktion zur Kenntnis. «Wir haben aber zahlreiche, sehr positive Rückmeldungen erhalten», sagt Vereinspräsident Rolf Meichle. Auch auf Social Media seien unzählige Bilder der Bernhardiner-Skulpturen um die Welt gegangen. Die Meinung «dieser kleinen, anonymen Gruppe von Personen» sei zwar legitim. Den Vorwurf der Intransparenz will der Verein nicht gelten lassen: Der Erlös sei zum grössten Teil in die Herstellung und Montage der Objekte geflossen. Der Erlös der Versteigerung von 30 Skulpturen fliesse ausserdem wohltätigen Organisationen zu.

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Von einer Kommerzialisierung des öffentlichen Raums durch die umstrittenen Vierbeiner will Gemeinderat Reto Nause (CVP) nichts wissen. Er ist in der Stadt Bern für das Bewilligungswesen zuständig. «Bei den Hundeskulpturen hat uns primär der wohltätige Zweck überzeugt. Die individuelle Gestaltung bringt auch eine willkommene Abwechslung», sagt er. Die dem Kothaufen entspringende Kritik finde er denn auch «leicht fragwürdig». Das Projekt sei vor allem eine Charity-Aktion. Er entdecke daran nichts Verwerfliches. «Darf man denn nicht einmal mehr Gutes tun?»

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Ob Gala-Anlässe auf dem Bundesplatz oder eine Kunsteisbahn auf der Kleinen Schanze – sobald Werbung ins Spiel kommt, ist auch mit Widerstand zu rechnen. In der rot-grünen Stadt Bern hat die Kritik an Nauses Verständnis, wie der öffentliche Raum zu gestalten ist, eine lange Tradition. Was die Kunst betrifft, räumt Nause aber ein: «In meiner Direktion fehlt das Know-how, um den künstlerischen Wert von solchen Installationen zu bewerten.» Es könnte ihm daher zugutekommen, dass die Stadt Bern im März eine neue Stelle schaffen will für einen «Fachexperten Kunst im öffentlichen Raum». Diese fällt zwar in den Herrschaftsbereich von Stapi Alec von Graffenried (GFL). Eine Zusammenarbeit mit Nause ist aber sehr wahrscheinlich.

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Derweil stört sich Nause, dass gewisse Personen das Kunstmonopol für sich beanspruchen wollen. Was Kunst ist, liege im Auge des Betrachters. Ob sie wegkann, hat in der Causa Hundehaufen die Stadt Bern bereits entschieden: Nach zwei Tagen hat die Stadtreinigung das fragliche Objekt entsorgt, da die unbekannte Urheberschaft für die Installation keine Bewilligung eingeholt hat.

DerBund.ch/Newsnet

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