Ein Herrgöttli für James Bond

Im Brésil kennen sich alle. Die meisten kommen wegen des gutmütigen Zapfhahns, andere wegen des frischen, kühlen Feldschlösschens.

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Im Brésil weiss niemand genau, wie lange es das Restaurant schon gibt. «Ömu lang», sagt Fritz am Tresen vor seinem Feldschlössli. Fritz ist pensioniert und Stammgast. Sein Kollege bestätigt: Das Brésil habe schon in einem James-Bond-Film einen Auftritt gehabt. «Der, in dem sie auf dem Schilthorn Ski fahren.» Ein Mann mit Schnauz weiter links schaut auf sein Smartphone: «1969 war das. Der Film hiess: ‹On Her Majesty’s Secret Service›.»

Das Brésil sei noch um einiges älter, mischt sich die Wirtin Christine Weber ein, die seit acht Jahren das Brésil führt. «Es gibt Gäste, die kommen seit 70 Jahren hierher. Die sind bereits während der Lehre da eingekehrt – jetzt sind sie über achtzig.» Damals sei das Brésil ein Kaffeehaus gewesen.

Darum heisse das Brésil auch Brésil. Und nicht etwa, weil man besonders viel mit Brasilien am Hut habe. «Brésil war eine Kaffeesorte, die hier angeboten wurde.» Wer im Brésil also südamerikanisches Flair erwartet, wird enttäuscht. Die Einrichtung ist die eines gewöhnlichen Bahnhofbistros: Ein paar klobige Holzstühle und Tische stehen an der Fensterseite, ein langer Tresen und eine SCB-Fahne befinden sich gegenüber.

«Das Brésil ist natürlich schon längst kein Tearoom mehr, schon eher ein Bier-Room», sagt die Wirtin und lacht. Es ist kein Geheimnis, dass vor allem Bierliebhaber hier anzutreffen sind. Ausnahmen soll es aber geben, gerade jetzt um halb elf Uhr vormittags. Tatsächlich sitzen ein paar Rentner an einem Tisch und trinken Weisswein.

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«Hier soll sich jeder willkommen fühlen», sagt die Wirtin. Nur die Kiffer und Drögeler müsse sie manchmal verscheuchen. «Vor allem im Winter schlafen die an den Tischen ein. Wenn wir die nicht verjagen würden, hätten wir bald die ganze Szene da – und die Stammkunden blieben zu Hause.»

Diese sind für das Brésil trotz der guten Lage überlebenswichtig. Ausser dem Journalisten gehören alle anwesenden Gäste zur Stammkundschaft. «Das Brésil ist der letzte Stammtisch in Bern», sagt der Mann mit Schnauz. Das Beste am Brésil sei aber die Aussicht. «Der Brésil-Egge ist wie ein Open-Air-Kino. Wenn man draussen sitzt, sieht man immer irgendwo einen Gestörten, der da vorbeitorkelt oder mit seinem Lamborghini vorbeirast.»

Ein Mann mit Regenschirm tritt ein. «Ciao Peter», sagt Martina, die Barangestellte. «Ein Herrgöttli oder eine Stange?» – «Zuerst das eine, dann das andere, bitte.» Fritz trinkt aus und legt das Geld auf den Tisch. «Du willst schon gehen?», fragt Martina. «Wir haben heute ja noch gar nicht gezankt.» – «Läuft der Zapfhahn denn noch?», fragt Fritz. Und Martina zapft ihm ein neues Bier.

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Neben dem, den alle Mafioso nennen und der nur Italienisch spricht, hockt Beat Schneiter. Er hat müde, gutmütige Augen. Er war selbst einmal Wirt – und zwar im heutigen Lokal im Breitenrain, das damals noch Bellevue Breitenrain hiess.

2001 wurde die Beiz gegen seinen Willen verkauft. Seither verdient Beat Schneiter sein Geld als Transporteur und mit privatem Catering. «Wirten war und ist immer noch meine Passion. Aber man muss spinnen, wenn man alleine einen Gastrobetrieb führen will», sagt er. Er habe damals vierzehn Stunden pro Tag, sechs Tage in der Woche gearbeitet. «Ich arbeitete so viel, dass ich irgendwann keine Freunde mehr hatte.» Das sei dann die Folge gewesen. Deshalb wirte er seither nicht mehr.

Fritz bezahlt und Martina will ihm vierzig Rappen zurückgeben. «Soll ich den Geldsäckel wegen dieses Münz extra wieder hervorkramen?», fragt er. «Immerhin ist das ein Teil einer Million», sagt Martina. Fritz steht auf und sagt, er komme wieder, wenn er das nächste Mal in der Stadt einkaufen müsse. Martina lacht und steckt das Geld ein.

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