Ein Gummigeschoss kostete ihn Sehkraft und Lehrstelle

Martin Künzi* wurde am Tanz dich frei von Gummischrot am Auge getroffen.

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Martin Künzi bittet um Erlaubnis, den Raum zu verlassen. Der Grund: Sein Anwalt spielt ein Polizeivideo vom «Tanz dich frei» vom Mai 2013 ab. «Das letzte Mal, als ich das Video sah, ist bei mir alles wieder hochgekommen, die ganze Wut, die Ohnmacht», sagt Künzi, der eigentlich anders heisst.

Auf dem Tisch liegen vier Bundesordner voller Dokumente: Verfügungen, Beschwerden, Gesundheitsatteste, Behördenbriefe. Sie alle sind zurückzuführen auf den Polizeieinsatz während der Demonstration für ein bunteres Nachtleben. Der für Künzi schicksalhafte Moment kam um 1.17 Uhr. Ein Gummigeschoss traf ihn am Auge und verletzte ihn schwer: Das Gesichtsfeld auf besagtem Auge reduzierte sich unwiederbringlich auf 16 Prozent. Daran konnte auch eine Notoperation noch in derselben Nacht nichts ändern. Seither sei es so, als ob ein schwarzer Fleck ihm die Sicht verdecke.

«Leben hat sich massiv verändert»

Künzi ist mittlerweile 21 Jahre alt. Er ist ein redseliger junger Mann mit weichem, rundlichem Gesicht und kurzgeschorenen Haaren. In der Brusttasche des Poloshirts steckt eine Sonnenbrille. «Mein Leben hat sich seither massiv verändert», sagt er. So habe er aufgrund der Verletzung seine Lehrstelle als Metallbauer verloren. «Es ist der Beruf mit den meisten Augenverletzungen.»

Das Risiko, dass er sich am anderen Auge auch noch verletze, sei einfach zu gross. Zudem sei das verletzte Auge sehr lichtempfindlich geworden. «Das lässt sich nur schwer mit Schweisserarbeiten kombinieren.» Er könne schliesslich nicht einmal ohne Sonnenbrille aus dem Haus, wenn das Wetter schlech sei.

Der Gummischroteinsatz geschah im Zuge von wüsten Ausschreitungen. Künzi, das beteuert er mit Vehemenz, sei daran aber nicht beteiligt gewesen. «Ich war lediglich am ‹Tanz dich frei›, um mit einem Freund zu feiern, der an der Demonstration musizierte.» Laut seinen Aussagen befand er sich kurz vor dem Vorfall auf der Bundesgasse. Von den Randalen habe er bis zu diesem Zeitpunkt nichts mitbekommen.

Auf einmal habe er aber Tränengas gerochen. Er habe deshalb über die Christoffelgasse fliehen wollen. Doch beim Loeb-Egge seien schon die nächsten Polizeigrenadiere gestanden. «Obwohl ich beide Hände in die Luft hielt, um meine Friedfertigkeit zu bekunden, feuerte ein Polizist eine Ladung Gummi­schrot direkt auf mich», sagt Künzi. Er glaubt, dass ihn der Polizist erkannt habe und ihn mutwillig verletzen wollte. «Ich hatte schon mehrmals Probleme mit der Polizei.»

Die Polizei schweigt

Die Polizei äussert sich auf Anfrage nicht zum Vorfall, da nach wie vor ein Verfahren in dieser Sache hängig sei. So hatte Künzi nach dem Vorfall eine Anzeige wegen schwerer Körperverletzung gegen unbekannt eingereicht. Allerdings wurde der strafrechtliche Teil des Verfahrens mittlerweile ergebnislos sistiert.

Künzi ist seit dem Vorfall nicht mehr gut auf die Polizei zu sprechen. Für ihn sei klar, dass die involvierten Polizisten wüssten, wer auf ihn geschossen habe. Er fordert, dass Polizisten künftig bei Demonstrationen mittels Nummer auf Helm und Uniform identifizierbar sein sollen. «Wenn der Polizist gefasst worden wäre, hätte ich zwar nicht das ganze Augenlicht zurückbekommen, dafür aber einen Teil meiner Würde», sagt er.

* Richtiger Name der Redaktion bekannt. (Der Bund)

Erstellt: 12.11.2015, 07:08 Uhr

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