Ein Genfer soll die Kunsthalle mit seiner Persönlichkeit prägen

Mit dem 42-jährigen Fabrice Stroun übernimmt am 1. Januar 2012 ein Mann die Kunsthalle Bern, der nicht dem akademischen Kuratorenbild entspricht.

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(Bild: Valérie Chételat)

Die Hoffnungen, die auf dem neuen Kunsthalle-Leiter ruhen, sind gross. Wolf von Weiler, der Präsident des Vereins Kunsthalle Bern, sagt es so: «Fabrice Stroun ist jemand, der durch seine Persönlichkeit der Kunsthalle Bern eine neue Identität geben kann.» Von Weiler, hörbar beeindruckt von der Ausstrahlung des 42-jährigen Genfers, charakterisiert Stroun als einen «den Künstlern sehr nahestehenden Kurator, der mit seiner unbedingten Leidenschaft aus der gegenwärtigen Kuratorenlandschaft heraussticht», ja er sieht in ihm gar einen «Gegenentwurf zum Bild des jungen, professionell-nüchternen und technikaffinen Kurators». Für Stroun habe auch gesprochen, dass dieser als Genfer einen neuen und unverbrauchten Blick auf die Stadt Bern und ihre Kunstszene mitbringe: «Wir erwarten, dass er die Brückenfunktion der Kunsthalle in künstlerischer und sprachregionaler Hinsicht belebt.»

Der Autodidakt Stroun hat sich als freier Ausstellungsmacher und Publizist einen Namen geschaffen. Meist in engem Dialog mit den Künstlern hat er über 50 Einzel- und Gruppenausstellungen für Institutionen wie das Centre d’Art Contemporain Genf, das Kunsthaus Glarus oder Le Magasin Grenoble realisiert und mit Schweizer Künstlern wie Valentin Carron oder Mai-Thu Perret und Amerikanern wie Richard Wright, Jim Shaw oder Steven Parrino zusammengearbeitet. Stroun, den man in der Deutschschweiz ausser in Fachkreisen bisher kaum kennt, ist auch als Publizist rege tätig und Mitherausgeber des Künstler-Editionsprogramms Hard Hat. 2005 gewann er den Swiss Art Award als Kunstvermittler, seit 2006 ist er Dozent an der H.E.A.D. (Haute école d’art et de design) in Genf. In Bern zeigte er 2006 in der Galerie Francesca Pia die Ausstellung «Christmas Show of Drawings by Boys» mit Arbeiten von vier jungen Genfer Künstlern.

Tradition der markanten Figuren

Der Nachfolger von Philippe Pirotte, der Bern Anfang Oktober verlässt, wurde laut von Weiler einstimmig aus rund hundert «international hochwertigen» Bewerbungen ausgewählt. Nebst von Weiler gehörten der Künstler Uwe Wittwer, die Kunsthistorikerin und Mitherausgeberin der Kunstzeitschrift «Parkett» Jacqueline Burckhardt und Hans Rudolf Reust, der Präsident der eidgenössischen Kunstkommission, der Findungskommission an. Für Reust ist entscheidend, dass mit Stroun «nicht ein Kulturmanagementkonzept für die Kunsthalle gewählt worden ist, sondern ein Mann, der das Haus mit seiner Persönlichkeit prägen wird». Stroun reihe sich in diesem Sinn sehr gut in die Geschichte der Kunsthalle ein: «Diese Geschichte zeigt, dass Institutionen von den Figuren leben, die sie leiten, und nicht von abstrakten Konzepten.»

Mit 42 Jahren zählt Stroun nicht mehr zu den jungen Namen. Das Alter ist für von Weiler Nebensache: «Entscheidend ist die Neugier, und diese bringt Stroun in Fülle mit.» Die Geschlechter-Frage habe man im Vorstand und in der Findungskommission ausgiebig diskutiert und «angesichts der grossen Dichte von Frauen in wichtigen Positionen der Schweizer Kunstszene beschlossen, sich auf die fachlichen Kriterien zu konzentrieren». Es ist für von Weiler ein «Glücksfall für Bern», dass Stroun zu diesem Zeitpunkt in seiner Laufbahn beschlossen habe, seine langjährige Unabhängigkeit als freier Kurator aufzugeben, «um seine Vision in einer Institution zu verwirklichen».

Akzent auf junge Kunst

Visionen? Fabrice Stroun war gestern nur kurz telefonisch erreichbar, er ist derzeit mit der Ausstellung «Europunk» am Mamco in Genf beschäftigt, die am 8. Juni eröffnet wird. Die Schau über die künstlerischen Dimensionen der Punk-Bewegung hat er ursprünglich für die Villa Medici in Rom konzipiert. Zu seinen Zielen in Bern will er sich derzeit noch nicht detailliert äussern, dazu sei es noch zu früh. «Ich kann allerdings bereits sagen, dass ich den Fokus hauptsächlich auf die aufstrebende junge Generation legen werde, die von den Institutionen noch nicht entdeckt worden ist.» Er freue sich aber auch darauf, mit älteren, anerkannten Künstlern zu arbeiten und so «die grosse Tradition der Kunsthalle Bern als Ort der Entdeckung und der Offenheit weiterzuführen».

Von den früheren Kunsthalle-Direktoren ist Stroun vor allem dem 2005 verstorbenen Johannes Gachnang nahe. «Dies auch in persönlicher Hinsicht, ich hatte das grosse Vergnügen, mit Johannes die Ausstellung ‹Les Jardins de la Violence› für die Expo.02 in Murten zu realisieren.» Die derzeitige lokale Szene kenne er noch nicht so gut, doch das werde sich schnell ändern: «Ich werde in Bern wohnen und mich ganz auf die Arbeit für die Kunsthalle konzentrieren.»

Die Ausstellung: Europunk, Mamco Genf, 8. Juni bis 18. September. www.mamco.ch

Der Bund

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