Ein Gastromekka für Nah-Esser

Erstmals findet in Bern der Slow Food Market statt. Rund 180 Kleinproduzenten aus zehn Ländern bieten auf dem Expogelände ihre Waren feil – damit treffen die Veranstalter den Nerv der Zeit.

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Das Panorama, das sich einem beim ­Betreten der Berner Expohalle auftut, wirkt zunächst vertraut: Reihenweise Messestände, um Kundschaft buhlende Verkäufer, die ihre Waren in Probierschalen herumreichen, und ein Konglomerat aus Wurst-, Käse und Schokoladen-Aromen, das die Sinne schlicht überfordert. So weit die Parallelen zu einer herkömmlichen Messe wie der BEA.

Der Besuch des Slow Food Market ist aber eher eine kulinarische Entdeckungsreise in entlegene Winkel Europas und der Schweiz als blosse Warenschau: Bis am Sonntag verkaufen hier über 180 Aussteller aus zehn Ländern ihre eigenhändig produzierten Waren – ohne Zwischenhandel, von Angesicht zu Angesicht. Darunter etwa Nougat aus der Provence, Gin mit Wachholderbeeren aus dem Fricktal oder Weisswein aus dem Thurgau.

«Arche» für seltene Produkte

Bei Slow Food geht es denn auch genau darum: «Unser Hauptanliegen ist es, Transparenz zu schaffen», sagt Anna Hofmann, die Schweizer Co-Präsidentin. Man wolle Produzenten und Konsumenten wieder näher zusammenbringen. «Der Käufer soll wissen, woher die Zutaten kommen und wer sie zum Endprodukt verarbeitet.» Der Markt findet seit 2011 bereits jährlich in Zürich statt und gastiert heuer in Bern zum ersten Mal.

Mit der «Arche des Geschmacks» verspricht die Organisation zudem, kulinarische Traditionen zu fördern und zu erhalten. Es ist ein Projekt, das ausgewählten Kleinproduzenten dabei helfen soll, mit der globalisierten Lebensmittelwirtschaft mitzuhalten. Ihnen ist am Markt ein eigener Sektor zugewiesen, damit sie ein breiteres Publikum erreichen.

Hier gibt es etwa die Churer Beinwurst, die nur noch eine Handvoll Bündner Metzger herzustellen weiss, oder das Münstertaler Roggenbrot. Daneben bietet ein Baske Rohschinken an. «Wir sind einer der wenigen Familienbetriebe, die noch Fleischwaren aus der Schweinerasse Euskal Txerria herstellen», erklärt er auf Spanisch. Über ihm hängt ein Bild des Tieres: Mit seinen lang gezogenen Ohren, den kurzen Beinen und seiner dunkel gefleckten Haut sieht es aus wie eine Karikatur seines in der Schweiz domestizierten, rosafarbenen Vertreters.

Eine Wurst aus rarem Fleisch stellt auch Fritz Reusser aus dem bernischen Unterlangenegg her: Er hält ceylonesische Zwergzebus. «Es gibt offiziell nur vier Züchter in der Schweiz», sagt er. Stolz zeigt er auf einen Speckstreifen, der weiss durchzogen ist. «Das gibt es bei herkömmlichen Rindern nicht in dieser Form und Farbe.»

Neben den rustikal dekorierten Tischen tanzt ein Stand besonders aus der Reihe: Eine barbusige Meerjungfrau wirbt für «Wild Wad Oysters». Ein langhaariger, grossgewachsener Mann steht davor und stochert mit einem Messer in einer Auster herum. Es ist der Holländer Jan Geertsema, der seine Muscheln im holländischen Wattenmeer sammelt. «An guten Tagen sind es 1500 Kilogramm», sagt er. Den Leuten sei es heute wichtig, dass sie das Gesicht kennten, das hinter ihrem Essen stehe. «Für Kleinproduzenten wie mich ist diese Messe daher eine ideale Gelegenheit.»

Konsumenten wollen «Romance»

Unklar bleibt bis zuletzt, ob es sich nun um einen Markt oder eine Messe handelt – weder Produzenten noch Veranstalter scheinen sich darüber ganz im Klaren. Diese Einteilung spielt aber letztlich auch keine Rolle: Der Market ist ein Mekka für Locavoren — Nah-Esser, die die Herkunft ihrer Nahrungsmittel kennen wollen, kurze Transportwege und bei den Inhaltsstoffen Transparenz fordern. Und damit trifft Slow Food als Meta-Bewegung, die Bio, Fairtrade, Wissen um die Herkunft der Waren und stärkeren Einbezug lokaler Produkte unter einem Dach vereint, den Nerv der Zeit.

Dies hält auch der letztjährige «Food Trends Report» des Gottlieb-Duttweiler-Institus fest: Angesichts der allzu wirtschaftlichen, technologisierten Lebensmittelproduktion sehnten sich Konsumenten vermehrt nach «Romance» – nach regionalen Produkten, deren Inhaltsstoffe man kennt und die unter fairen Bedingungen hergestellt werden. «Im Zentrum steht stets das gute Essen, das zum guten Leben wird: gesund, ethisch, korrekt, nachhaltig.»

In einer früheren Version hiess es im Artikel, dass der Rhein ins Wattenmeer mündet. Der Rhein mündet jedoch weiter südlich in die Nordsee.

(Der Bund)

Erstellt: 12.03.2016, 11:57 Uhr

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