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Ein bisschen Liebe reingestrickt

Nun gibt es die Emmentaler Kinderkleiderkollektion Hohgant auch in Bern zu kaufen. Die von fleissigen Emmentalerinnen gestrickten Kleidchen erobern seit vier Jahren die Boutiquen der Metropolen.

In der Kinderkleiderabteilung im dritten Stock des Berner Warenhauses Loeb geht man direkt darauf zu: bunt gestreifte Höschen, farbig eingefasste Jäckchen, Röckchen, Pullover und Finkli in allen Kolorierungen. Nicht nur die Farben, sattes Grün, Rot, Himmelblau oder Gelb, unterscheiden sich wohltuend von den gängigen Bébéfarben Rosa und Hellblau, auch die Herstellung ist speziell. Die Kinderkleider sind alle handgestrickt. «Mit Stolz und Respekt zu tragen» seien die Kleider vom Kinderkleiderlabel Hohgant, empfiehlt die Etikette. Hohgant ist ein «wilder Gebirgsstock im Emmental» und leiht der Kleidermarke den Namen. Denn die Kollektion werde von fleissigen Strickerinnen aus dem Emmental angefertigt, heisst es auf der Internetseite des Labels. Seit Kurzem gibt es die Hohgant-Kleidchen auch in Bern zu kaufen. Endlich müsste man fast sagen. Denn in Zürich, Basel, Genf, Hamburg, Berlin, München und Kopenhagen gibt es Hohgant teils bereits seit 2005 zu haben. Auch in Boutiquen in Seattle (USA) und Yokohama (Japan) hätten sie Kleider geliefert, sagt Hannah Strøm, Initiantin des Hohgant-Projekts. «Das Ganze war nie geplant», sagt sie. Vieles ging von selber, noch nie habe sie eine Strickerin gesucht oder einen Laden, der die Ware verkaufen wolle.

«Alles muss perfekt sein»

«Für Dich gestrickt von: Rosmarie F.» steht auf einer Kleideretikette. 25 Strickerinnen aus dem Emmental arbeiteten heute für Hohgant, sagt Strøm. «I lisme o chli mini Liebi dri», sagt Madeleine Liechti. Deshalb gehöre die persönliche Note mit dem Namen auf der Etikette dazu. Die 74-Jährige wohnt mit ihrem Mann in Langnau, früher hätten sie auf einem «Hoger» gelebt, sagt sie und deutet Richtung Hügel. Zurzeit strickt sie an einem grünen Jäckchen. Die Rippenstruktur entstehe, indem man hinten und vorne rechts stricke, erklärt sie. «Es muss alles perfekt sein.» Deshalb reisse sie auch mal die Nadel aus der «Lismete» und lasse ein Stück auf. Pro Tag stricke sie zwei bis drei Stunden, auch in die Nacht hinein.

Die Sachen, die sie für Hohgant stricke, gefielen ihr, sagt sie. «Schenken würde ich diese Kleidchen auch.» Für ihre beiden Kinder habe sie aber andere Sachen gestrickt. Solange sie es wollten, habe sie für ihre Kinder alle Kleider selber gestrickt und genäht. Das sei etwa bis 12-jährig der Fall gewesen. «Ich hatte im Winter viel Zeit», sagt sie. Im Sommer hingegen hat die gelernte Postfachangestellte jeweils Vertretungen auf kleinen Poststellen übernommen. Für ihre Grosskinder habe sie dann nur noch auf Wunsch Kleider angefertigt. 2007 begann sie dann für Hohgant zu stricken. Heute sei das Stricken für sie auch eine Art Therapie. Sie habe an der rechten Hand eine Teillähmung erlitten – und ihre Hände zittern leicht, wenn sie dem Gast den Kaffee reicht. «Ich möchte nicht wissen, was eine Ergotherapie kostet», sagt Liechti.

«Ein bezahltes Hobby»

«Wenn man Geld verdienen will, ist man am falschen Ort», sagt Liechti. Andere Hobbys kosteten nur, ihr Hobby werfe aber noch einen «Batzen» ab. Obwohl die Strickerinnen nicht entlöhnt werden, kosten die Kleidchen einen stolzen Preis. Ein Jäckchen etwa kostet 159 Franken. Ein Viertel des Verkaufspreises bekommt die Strickerin – Madeleine Liechti benötigt eine Woche für ein Exemplar. Ein Viertel bekommt der Verkaufsladen, auch dies sei weit unter den branchenüblichen Margen, sagt Strøm. Ein Viertel des Verkaufspreises koste das Material, der Rest sei für Hohgant. Da die Strickerinnen nicht richtig verdienten, würden sie auch in keiner Weise unter Druck gesetzt. «Es soll kein Stress sein, es muss Freude machen», sagt Strøm. Das lebt auch Liechti so: Es gebe Tage, an denen stricke sie nicht, und sie habe noch nie etwas abgesagt, weil sie noch stricken müsse.

«Allen macht es Freude», sagt auch Madeleine Elmer von der Medienstelle Loeb. Es sei ein Artikel, der einem ein gutes Gefühl gebe, angesichts der vielen Kinderarbeit, die in der Textilbranche geleistet würde. Und was es auch nur noch selten gebe: «Hinter dieser Marke steht eine Geschichte», sagt sie. Die Geschichte von Hohgant beginnt mit einer gestrickten Mütze, die wie eine Erdbeere aussieht. Die gebürtige Dänin Hannah Strøm strickte für ihre fünf Grosskinder eine eigene Variante der für Dänemark typischen Erdbeermütze. Einer Ladenbesitzerin in Basel seien diese Mützen aufgefallen, und sie habe vorgeschlagen, Erdbeerkäppchen in ihrem Laden zum Verkauf anzubieten. «Innerhalb eines Tages waren alle weg», sagt Strøm. Dann habe sie neue gestrickt. Eine Bekannte aus Eggiwil, wo Strøm wohnt, bot ihr dabei ihre Hilfe an. Dann half ihre gesamte weibliche Verwandtschaft, dann eine Nachbarin um die andere. Schliesslich waren es zwölf Strickende, die den Anfang von Hohgant bildeten. Bis heute ist das Label so gewachsen, dass Strøm nicht mehr nachkommt, kreuz und quer im ganzen Emmental Wolle und Muster selber an die Frauen zu liefern. Deshalb hätten sie das Emmental nun in Strickinseln aufgeteilt, die jeweils von einer Frau betreut würden. Ab 2010 übernimmt die Stiftung Integration Emmental die Trägerschaft für Hohgant. So könne die Kapazität ausgebaut werden – auf einer Liste stünden weit über 130 Frauen, die auch für Hohgant stricken möchten. Warum Hohgant so viel Erfolg hat, wundert Strickerin Liechti: «Ich verstehe gar nicht, warum das .Lisme so exklusiv sein soll.»

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