Ein Berner prägte das Bild der Südsee

Auf seiner dritten Expedition wurde der britische Entdecker James Cook, dem das Bernische Historische Museum eine grosse Ausstellung widmet, von dem Berner Maler John Webber begleitet.

Als die 19-jährige Häuptlingstochter Poedua 1777 John Webber Modell stand, war sie schwanger und in Geiselhaft. (zvg)

Als die 19-jährige Häuptlingstochter Poedua 1777 John Webber Modell stand, war sie schwanger und in Geiselhaft. (zvg)

Die Blumen im Haar der jungen Frau waren vermutlich verwelkt, als sie dem Maler John Webber (1751–1793) begegnete. Das Treffen fand auch nicht vor Bananenbäumen statt, wie das prächtige Ölgemälde suggeriert, das den Maler später berühmt machte. Ziemlich ungemütlich war wohl die Situation für Poedua, die Tochter des Häuptlings der polynesischen Insel Raiatea, die James Cook auf seiner ersten Expedition erobert hatte. Als Webber Poedua porträtierte, wurde sie als Geisel auf einem der Schiffe festgehalten. Kapitän James Cook hatte sie im November 1777 zusammen mit ihrem Ehemann und ihrem Bruder gefangen genommen, weil zwei Besatzungsmitglieder abgehauen waren, als sie von Cooks Plänen gehört hatten, auf der dritten Expedition (1776–1780) wieder in den Norden, in die Kälte, weiterzusegeln. Einen Haufen Waffen hatten die beiden Deserteure mitgenommen. Cook wollte sie zurück, die Waffen und die Matrosen – ohne die Hilfe der Einheimischen ein aussichtsloses Unterfangen. Mit der Geiselnahme erpresste Cook den Häuptling. Dessen Untertanen sorgten denn auch dafür, dass die beiden Flüchtige nach ein paar Tagen gefasst wurden.

Als «The Pacific Mona Lisa» wird das Kunstwerk heute gehandelt, das Webber später anhand seiner Skizzen malte und eines der ersten Porträts einer Einheimischen der Südseeinseln ist. Mit ihrem sibyllinischen Lächeln, dem offenen Blick prägte die halb entblösste, selbstbewusst wirkende Frau im 18. Jahrhundert das Bild der Europäer von den Völkern im Pazifik. Mit Poeduas Konterfei hatte Webber ein Bild geschaffen, wie es James Cook, dem Entdecker, gefiel. «Herr Webber wurde verpflichtet, mich auf der Expedition zu begleiten, mit dem Ziel, die unvermeidbaren Mängel schriftlicher Berichte durch die entsprechend gefugte und begabte zeichnerische Darstellung der denkwürdigsten Abschnitte unseres Vorhabens unterstützend auszugleichen und uns damit die Möglichkeit zu geben, solche Zeichnungen – wie sie nur ein Künstler schaffen kann – mit nach Hause zu bringen», umschrieb Cook die Aufgabe des jungen Malers.

Des Kapitäns strenge Regeln

Der Auftrag war unmissverständlich. Cook erwartete von Webber, dass er das idyllische Bild der Südsee als Garten Eden weiter festigte. Ein Paradies, in dem sich die Eroberer gönnerhaft gegenüber der einheimischen Bevölkerung zeigen. Standen bei Cooks ersten beiden Expeditionen die Maler vor allem im Dienste der Wissenschafter, so sollte nun Webber Cooks Eindruck der unbekannten Länder und Völker spiegeln. Dem Maler war aber verboten, die Brutalität zu dokumentieren, mit der die Kolonialisten häufig gegen die Ureinwohner vorgingen, und die Gewalt, mit der diese sich mitunter zur Wehr setzten. Webber hielt sich an Cooks Befehle. Er soll auch die strengen Regeln des Kapitäns befolgt haben, was den Kontakt mit den fremden Frauen betraf, und keinerlei Liaisons eingegangen sein. «Über das private Leben Webbers ist sehr wenig bekannt», sagt Thomas Psota, Leiter der Abteilung Ethnologie am Historischen Museum Bern, wo Webbers Sammlung untergebracht ist.

Ein glücklicher Zufall katapultierte Webber auf die abenteuerliche Reise rund um die Welt. Sein älterer Bruder Henry, ein bereits ziemlich bekannter Bildhauer in London, sorgte dafür, dass John in der öffentlichen Ausstellung der Royal Academy Bilder ausstellen durfte. Webbers Werke beeindrucken den schwedischen Botaniker Daniel Solanger, der an Cooks erster Expedition teilgenommen hat. Er empfiehlt den unbekannten Maler James Cook. Auch bei diesem kommt Webbers Stil an, und noch keine 25 Jahre alt, besteigt der Maler 1776 wenig später in Plymouth die Discovery.

Es ist eine einmalige Chance für Webber, der in seinem jungen Leben bereits viel Glück gehabt hat. Er kommt in England zur Welt, wohin sein Vater, Abraham Wäber, ein Bildhauer aus Bern, ausgewandert ist. Dieser erkennt früh das Talent seines Sohnes und schickt ihn nach Bern, wo ihn die Kunsttischlerfamilie Funk unter ihre Fittiche nimmt. Beim Kunstmaler Johann Ludwig Aberli geht er in die Lehre, und seine Kunstfertigkeit ist so augenfällig, dass die Zunft der Kaufleuten, der die Familie Wäber angehört, ihm ein Studium an der Académie Royale in Paris ermöglicht. Von Paris kehrt er nach England zurück, besucht auch in London die Royal Academy und verdient sich sein Geld mit Wandmalereien in den Wohnsitzen reicher Leute. Die Teilnahme an der Expedition – das muss sich Webber bewusst gewesen sein – würde seine noch junge Karriere beschleunigen. Wurde doch der Maler William Hodges, der Cook auf seiner zweiten Expedition begleitet hatte, nach der Rückkehr als erfolgreicher Künstler gefeiert.

Der erste Berner in Australien

Vier Quadratmeter gross ist seine Kajüte und keine zwei Meter hoch, und wie er dort all sein Material untergebracht und seine Skizzen vor den Einflüssen der Witterung bewahrt hat, ist eines seiner vielen Geheimnisse. Immerhin darf er – als erster Maler – auf der Offiziersmesse arbeiten. «Cook hat Webber gut behandelt, er mochte ihn», sagt Thomas Psota. Vermutlich sei Webber ziemlich scheu gewesen. Eine Eigenschaft, die ihn möglicherweise davor bewahrt hat, durch die neue unbekannte Welt völlig aus dem Gleis geworfen zu werden, wie es so manchem Expeditionsteilnehmer widerfahren ist.

Nach Kapstadt führt zunächst die Reise, als erster Berner geht Webber in Australien an Land, weitere Stationen sind Neuseeland, Hawaii, Alaska und China. Wie Webber die Fahrt und die Strapazen erlebt hat, auch darüber ist nur wenig bekannt. «In der Arktis machten ihm die grosse Kälte und die Unbeweglichkeit der Finger zu schaffen», sagt Psota. Webber hat weder Briefe noch Tagebücher hinterlassen. So weiss man auch nichts über seine Sicht vom Ende James Cooks, der auf Hawaii im Streit mit Einheimischen erschlagen wurde. Webbers heldenhaftes Bild von der Todesszene ist Jahre später im Auftrag der Admiralität entstanden und hatte zum Zweck, den Eroberer auch bei seinem Abgang zu glorifizieren. Wie Cook ums Leben kam, hatte Webber höchstens durchs Fernrohr verfolgen können, weil er an Bord geblieben war.

Sowenig man auch über den Maler weiss – seine Skizzen verraten einen zurückhaltenden genauen Beobachter. Im Unterschied zu Hodges, der auf seinen Bildern die Südseewelt romantisch verklärte, verfolgt Webber einen für seine Zeit ziemlich nüchternen und realistischen Stil. «Webbers Werk ist von unschätzbarem Wert», sagt der Ethnologe Psota. «Ein Teil seiner Skizzen und Zeichnungen sind die einzigen Zeugnisse von Tempeln und Ritualplätzen, die häufig zerstört wurden.» Ein paar Rückschlüsse auf Webbers Person lässt auch seine Sammlung zu, die er 1790 der Stadt Bern schenkte. Der Maler sammelte vor allem Alltagsgegenstände und kleine, filigrane Kultobjekte und verrät damit ein Interesse für die Südseevölker, das sich nicht auf ihre paradiesische Exotik und ihren für die Europäer so faszinierenden freien Umgang mit der Erotik beschränkte. Für Adrienne L. Kaeppler, eine der führenden Ethnologinnen auf dem Gebiet der Pazifikvölker, ist die Sammlung eine der weltweit wichtigsten, weil sie sich bis auf ihren Ursprung zurückverfolgen lässt.

Als Webber 42-jährig an seinem Nierenleiden stirbt, das er sich vermutlich auf der Reise durchs arktische Meer zugezogen hat, hinterlässt er nicht nur ein beachtliches Vermögen, sondern auch zahlreiche Skizzen und Gemälde, unter anderem auch von seinen späteren Reisen durch Europa. Ein Schatz, der nach seinem Tod bei Christie’s versteigert wird.

Die perfekte Projektionsfläche

Der künstlerische Wert von Webbers Gemälden war lange Zeit umstritten; dies führte dazu, dass der Maler im 19. Jahrhundert in Vergessenheit geriet. Heute wird die künstlerische Qualität nicht mehr infrage gestellt, und Webbers Werke sind auf dem Kunstmarkt so begehrt, dass das Historische Museum Bern bei Versteigerungen nicht mehr mithalten kann, wenn wieder einmal ein Bild zum Verkauf steht.

Jüngst hätte auch das Ölgemälde mit der Südseeprinzessin Poedua ersteigert werden können. Drei Exemplare existieren von Webbers berühmtestem Bild, die er alle nach seiner Rückkehr nach London gemalt hat. Je eines hängt in London und Canberra, das dritte galt als verschollen, bevor es 2008 auf einer Auktion bei Christie’s auftauchte. Über 200 Jahre soll es im Besitz der Königsfamilie von Tonga gewesen sein. War vor zwei Jahren noch niemand bereit, den Minimalpreis von 800 000 Pfund zu bezahlen, so teilte im Juli 2010 der Direktor des neuseeländischen Nationalmuseums stolz mit, dass nach intensiven Verhandlungen es gelungen sei, das Bild für mehr als eine Million Euro zu erwerben. Gesteigert wurde die Euphorie des Direktors durch die Vermutung, dass das Gemälde die Version ist, die zu Webbers Lebzeiten in London ausgestellt wurde, soll es doch als einziges der drei Gemälde datiert und signiert sein.

1785, acht Jahre nach seinem Zusammentreffen mit der Südseeprinzessin, hat Webber das Bild gemalt, das mit den frischen Blumen in Poeduas lockigem Haar bis heute eine perfekte Projektionsfläche für Sehnsüchte aller Art geblieben ist.

Der Bund

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