Dürrenmatts Muse

Das 135-jährige Berner Bauwerk, das bis November gesperrt wird, hat viele Geschichten zu erzählen. Autoren und Hollywood liessen sich von der filigranen «Diva» der Brücken inspirieren.

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Heute ist es so weit. Die Kirchenfeldbrücke – wichtige Verkehrsachse zwischen der Innenstadt und dem Osten von Bern – wird aufgrund einer Sanierung für den Verkehr mehrere Monate gesperrt. Lediglich Fussgänger dürfen noch passieren, Velofahrer müssen absteigen und ihr Fahrrad schieben. Jetzt, da sie ausfällt, wird vielen erst die Bedeutung der Brücke klar, die viel mehr ist als eine Verbindung in das Kirchenfeldquartier, wie ein Blick auf ihre 135-jährige Geschichte zeigt.

Finanziert wurde die Brücke von einer englischen Finanzgesellschaft, die im Gegenzug das lukrative Bauland im Kirchenfeld erhielt. Als sie 1883 nach gerade einmal 21 Monaten zu Ende gebaut war, zeigte sich die Berner Bevölkerung nicht gerade erfreut über den Bau. Man traute der neuartigen Technologie mit den Stahlstreben nicht, welche die Expansion der Stadt Richtung Osten ermöglichte. § 250'000 Nieten

In einem Artikel schrieb der Historiker Benedikt Meyer von der «schwankenden Brücke». Aufgrund der Stahlkonstruktion mit den schätzungsweise 250'000 Nieten bewegte sich die Brücke beim Überschreiten ein wenig hin und her. Zu Beginn überquerte eher die Oberschicht Berns die Brücke. Im Kirchenfeld siedelten sich nach dem Bau hohe Beamte, Regierungsräte und Botschafter an.

Ausgelegt auf das Gewicht von Pferdefuhrwerken, wurde es der Kirchenfeldbrücke allerdings bald zu viel: Sie ächzte unter den neuartigen Trams Anfang des 20. Jahrhunderts. Also musste sie verstärkt werden. «Bern liebt seine Brücken, deshalb müssen wir zu ihnen Sorge tragen», sagte Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) kürzlich an einer Medienorientierung. Die Kirchenfeldbrücke sei ein wenig die «Diva» unter den Berner Brücken. Grund ist unter anderem die filigrane Bauweise, die im Kontrast zu massiven Bauten wie der Lorrainebrücke steht.

«Ich liebe sie»

Genau das Filigrane, Elegante ist aber das, was die Faszination der Brücke auch für die Literatur auszumachen scheint. Insbesondere der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt hat die Brücke in seinen Schriften thematisiert. In der Kurzgeschichte «Die Brücke» macht der Autor ein Gedankenexperiment. Der Protagonist ist ein Student, im Buch F.D. genannt, der betrunken von der Kirchenfeldbrücke uriniert. Unglücklicherweise rast just in diesem Moment ein Meteor auf F.D. herunter und erschlägt ihn.

Dürrenmatt spinnt den Gedanken weiter und überlegt sich, was wäre, wenn F.D. eine Minute später losgelaufen wäre. Was wäre, wenn er nicht betrunken gewesen wäre? Eine Vorahnung gehabt hätte? Immer im Zentrum bleibt die Kirchenfeldbrücke als Ort des Meteoreinschlags. Dürrenmatt philosophiert ausschweifend über den Glauben und die Vernunft der Menschheit.

Der Meteor sei einfach ein Meteor, aber was macht den Studenten F.D. aus? Dabei drückt der Autor seine Faszination für die Brücke ziemlich klar aus: «…ich liebte sie, ich zog sie der langweiligen Nydeggbrücke vor, die zu solide und zu bieder gebaut ist». Dürrenmatt fühlte sich zu der Brücke hingezogen, weil sie «jederzeit einstürzen könnte». Wie er beschreibt, nahm er es jedes Mal als Abenteuer wahr, über die Brücke zu schreiten.

Das Monument hat aber auch seine dunklen Kapitel. Zahlreiche Menschen begingen Suizid, indem sie von der Brücke in den Tod sprangen. Darunter auch der Maler Hans Eggimann, der sich 1929 das Leben nahm. Aufgrund der tragischen Vorfälle sah sich die Stadt letztlich gezwungen, 2009 provisorisch Netze zu installieren, seit 2015 sind sie fix montiert.

Zu diesem traurigen Thema findet die «Diva» eine weitere Erwähnung im Roman «Nachtzug nach Lissabon» von Pascal Mercier. Der Lehrer am Gymnasium Kirchenfeld rettet eine junge Frau, die sich gerade das Leben nehmen will. Auch sonst spielt die Verbindung zu Berns Osten im Werk von Mercier eine wichtige Rolle: «Er kam um viertel vor acht von der Bundesterrasse und betrat die Kirchenfeldbrücke. Das tat er an jedem Werktag der Schulzeit, und es war immer viertel vor acht. Als die Brücke einmal gesperrt war, machte er nachher im Griechischunterricht seinen Fehler.» Hollywood brachte den Roman und damit die Brücke 2013 auf die Leinwand.

Die Kirchenfeldbrücke im Film «Nachtzug nach Lissabon»

Auch die Kunst liess sich inspirieren. Albert Anker malte die «Kleinkinderschule auf der Kirchenfeldbrücke» im Jahr 1900. Vor 5 Jahren hängte der Künstler Kaspar Wetli einen Kronleuchter unter der Brücke auf, der die Aare erhellte. Zunächst wollte er diesen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aufhängen, wurde aber erwischt und wählte dann den legalen Weg.

Michael Sutter, Projektleiter der Sanierung Kirchenfeldbrücke, ist zuständig, dass die Verbindung zum Museums- und Botschaftsquartier erhalten bleibt. Er versteht die Anziehungskraft des Bauwerks. «Anders als die anderen Berner Brücken hat die Kirchenfeldbrücke etwas Zeitloses», sagt er. Ästhetisch sei sie von den anderen Brücken unerreicht. Auch der Historiker Dietmar Meyer findet, dass die Brücke einen Kontrast zum «sandsteinlastigen Bern» darstelle.

Bernmobil freut sich, dass die Brücke nach der Sanierung mehr Gewicht tragen kann. Extra für die «Diva» waren die Trams leichter konstruiert worden. In Zukunft kann Bernmobil die Trams wieder in Standardausführung bestellen. Nun müssen Sutter und sein Team dafür sorgen, dass der zum Unesco-Weltkulturerbe zugehörige Bau auch weiter von Trams, Autos, Velos und Fussgängern sicher überquert werden kann. Dann wird die Konstruktion voraussichtlich 80 Jahre ohne Sanierung auskommen. Die nächste kommt aber bestimmt – damit die Brücke nicht wie in Dürrenmatts Gedankenexperiment wegen des Meteoriten einstürzt. (Der Bund)

Erstellt: 23.07.2018, 06:57 Uhr

Vier Monate gesperrt

Die intensive Bauphase der Kirchenfeldbrücke dauert bis im November. Während dieser Zeit ist die Brücke für den motorisierten Verkehr komplett gesperrt. Es ist nur noch Fussgängern erlaubt, die Verbindung in Berns Osten zu passieren, oder jenen, die das Zweirad stossen.

Für den öffentlichen Verkehr und Privatfahrzeuge ergeben sich deshalb zahlreiche Umleitungen. So fahren die Tramlinien 7 und 8 und die Buslinie 19 über die Monbijoubrücke. Die Linie 6 wird in drei Teilstrecken aufgeteilt. Zwischen Bern Bahnhof und Egghölzli fahren Tramersatzbusse. Die Strecken Fischermätteli–Bern Bahnhof sowie Egghölzli–Worb Dorf werden wie gewohnt mit Trams bedient. Die Sperrung ist laut der Stadt Bern so terminiert worden, dass ein grosser Teil der Bauarbeiten in die Sommerferien fallen. (cse)

Fakten zur Brücke

Die Kirchenfeldbrücke, die 1883 erbaut wurde, war in ihrer Bauweise erst die Dritte ihrer Art in der Schweiz. Die Stahlbogenkonstruktion erinnert etwas an den Eiffelturm, der 1889 erbaut wurde. Da eine englische Finanzgesellschaft das Bauwerk zahlte, hiess die Brücke bis Ende des 19. Jahrhunderts im Volksmund englische Brücke.

Die Verbindung der Stahlkonstruktionen erfolgte mit schätzungsweise 250000 Nieten. Für das Tragwerk wurden etwa 1300 Tonnen Stahl verbaut, die Fahrbahn wiegt weitere 2300 Tonnen. Sie hat eine Länge von 239 Metern und eine Breite von 13 Metern. Die Höhe beträgt 37 Meter.

Da die Berner Brücke nicht für das Gewicht von Autos und Trams gebaut wurde, mussten die Behörden das Bauwerk mit Betonpfeilern im Jahr 1913 verstärken.(cse)

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