«Du muesch jetz aber no go d Händ wäsche»

Die 32-jährige Berner Kita-Leiterin leidet an Zöliakie. In einem Buch erklärt sie den Kindern, was das für eine Krankheit ist.

Das Spielzeuggemüse aus Holz kann niemand essen. Für Mirella Burri sind auch viele echte Lebensmittel tabu.

Das Spielzeuggemüse aus Holz kann niemand essen. Für Mirella Burri sind auch viele echte Lebensmittel tabu.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Markus Dütschler

Glutenfreies Brot, glutenfreie Teigwaren: Es gibt eine immer breitere Palette dieser Lebensmittel. Obwohl sie teurer sind als «normale» Produkte, werden sie gekauft – häufig von Menschen, die sie nicht nötig haben. Für Mirella Burri ist glutenfreie Ernährung kein Modehype und auch kein Lifestyle-Fimmel, sondern eine Notwendigkeit: Sie leidet an Zöliakie. «Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass ich das habe», sagt die 32-jährige Bernerin, die gerne kocht und backt. Wegen schwerster Darmbeschwerden und Haarausfall suchte sie ihre Ärztin auf, die sie durchcheckte – und ihr die Diagnose Zöliakie stellte. Seither ist für Burri klar: Sie darf keine Gluten zu sich nehmen, die in vielen Nahrungsmitteln enthalten sind – und musste ihre Ernährung deshalb konsequent umstellen.

Den sieben Kindern in ihrer privaten Kindertagesstätte im Berner Schosshaldenquartier blieb nicht verborgen, dass die Leiterin plötzlich nicht mehr das Gleiche ass. Burri muss gar darauf achten, dass sie das Messer, mit dem sie für die Kinder Konfibrötli streicht, danach nicht für ihr glutenfreies Brot benützt. «Die Kinder fanden das sehr spannend.» Wenn sie bei Burri ein Stück Knäckebrot erbitten, erinnern sie die Leiterin: «Du darfst das nicht essen, sonst bekommst du Bauchweh.» Und sie ermahnen Burri: «Du muesch jetz aber no go d Händ wäsche.» Die Kinder wüssten aber auch, dass sie selbst dieses Brot ohne weiteres essen dürften.

Zelebriert die Kita-Leiterin ihr Leiden vor den Kindern? Keineswegs, betont Burri. Es sei vielmehr so, dass in ihrer Kita alles thematisiert werde, was die Kinder erlebten. Das könne der Umzug einer Familie sein. Oder ein Spitalaufenthalt. Dann spielten sie Arztpraxis. «Wir hätten Zöliakie auch thematisiert, wenn ein Kind davon betroffen wäre.» Doch wie macht man das? Burri suchte nach einem Buch, das sich mit der Thematik befasst, fand aber nichts Geeignetes. Also textete sie selber eins und liess es illustrieren. Das Buch erscheint in diesen Tagen.

Die Geschichte dreht sich um einen Spatz namens Leo, der schlaff im Nest liegt, weil er die Krankheit mit dem schwierigen Namen hat. «Zölispatzi» nennen sie die anderen Spatzenkinder. Leos grösste Sorge ist, dass er keine Schokolade mehr essen darf. Doch der Arzt gibt ihm Bescheid, dass er dies weiter tun dürfe, sofern er genau lese, was auf der Packung steht. Die anderen Spatzen fliegen aus, um zu sammeln, was er essen darf: Rüebli, Beeren, Nüsse, Eier und vieles mehr. Daraus bereiten sie ein regelrechtes Festmahl. Diese Botschaft hat auch Burri verinnerlicht. «Ich ärgere mich nicht über den Verzicht, sondern freue mich an dem, was ich essen darf.» Doch man isst nicht immer zu Hause, wo man alles unter Kontrolle hat. Vor Restaurantbesuchen kläre sie ab, ob sicher keine Fertigprodukte verwendet würden, deren Inhaltsstoffe oft nicht genau bekannt seien.

Am Tag des «Bund»-Besuchs ist die Kita leer: Sie ist montags bis donnerstags in Betrieb. Die Rechauds in der Holzkiste, die neugierige Kinderhände vor Verbrennungen schützt, bleiben kalt. Die Lätzchen hängen an der Wand, die farbigen Tripp-Trapp-Stühle stehen in Reih und Glied. Das Kassettengerät mit den farbigen Knöpfen ist stumm. «Wir singen viel, denn das zentriert die Kinder, wenn sie unruhig sind», sagt die gelernte Kleinkinderzieherin, die selbst noch keine Kinder hat. An der Garderobe zeigen Fotos, wer hier sein Jäcklein aufhängt. Burri zeigt auf das Bild eines kleinen Kindes mit verschmitztem Lachen: «Das ist ein Lausbub, das sieht man sofort.»

An Betriebstagen wäre bald Essenszeit, und sie würden gemeinsam das Käselied singen. «Käse kann ich essen», sagt Mirella Burri – «ausser etwa den Fol Epi mit Weizenkruste.» Danach würden die Kleinen ein Mittagsschläfchen machen, die anderen im WC aufs Schemeli steigen und sich hinsetzen. Danach würde sich die kleine Gruppe auf einen «Waggel» im Quartier machen. «Es dauert ziemlich lange, bis alle Mäntel zugeknöpft, die Mützen auf dem Kopf und die Hände in den Handschuhen sind.» Dann gehe es ins Quartier hinaus, an den Egelsee, zu einem Bauernhof oder ins Zentrum Paul Klee – verbunden mit einer kurzen, aber aufregenden Busfahrt.

Der Bund

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