«Du gehörst auch zu uns»

Martin Fröhlich erlebte 1979 in Bern die erste «Nationale Schwulendemo» als Teilnehmer mit. Er sagt, worum es der Bewegung damals ging und welche Folgen Aids hatte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für Martin Fröhlich begann mit 32 Jahren ein neuer Lebensabschnitt: Ein Jahr nach der Scheidung outete er sich als schwul. Sein Bruder reagierte gelassen. Er habe es sowieso schon lange vermutet. Seine Mutter wollte ihn nach dem Coming-out zuerst zum Psychiater schicken – und ihm die Sitzungen sogar bezahlen. Er antwortete: «Mami, ich bin nicht verrückter als du.» Schon bald akzeptierte sie es völlig, dass er von da an Männer mit nach Hause brachte. Seine Partner hätten die Mutter nach und nach um den Finger gewickelt, sagt Fröhlich rückblickend.

Für ein erfolgreiches Coming-out sei es wichtig, ein schwules Netzwerk zu haben. «Ich konnte es mir dank meinem Freund leisten, die familiären Beziehungen auf die Probe zu stellen», sagt der heute 77-Jährige. Der Pfarrerssohn, den es für Studium und Doktorat von Basel nach Zürich an die ETH verschlagen hatte, trat dort den Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich (HAZ) bei und leistete mit seinen Kollegen Aufklärungsarbeit, auch in seiner Kirchgemeinde.

Fichierung von Schwulen

1978 führten die Menschenrechtsaktivisten eine Schwulendemo in Zürich durch. In einer Rede auf dem Platzspitz verlangte Fröhlich, dass die Schwulenregister aufgehoben würden. Die Aktivisten störten sich daran, dass die omnipräsente Sittenpolizei ein derartiges Register führte. Offiziell war Homosexualität zwar seit 1942 legal, dennoch wurden auch unbescholtene Männer fichiert, die in schwulen Kreisen verkehrten. Fröhlich lehnt sich in seinem Sessel zurück. Er konnte die Unterstellung nie verstehen, wonach Schwule Jugendliche zur Homosexualität verführten. «Es sind die Eltern, die ihre Kinder zur Heterosexualität verführen.»

Ein Jahr später war Fröhlich wegen einer Stelle in der Bundesverwaltung an die Brunngasse in der Berner Altstadt gezogen. Hier nahm er 1979 an der ersten «Nationalen Schwulendemo» teil. Hatte er keine Angst, erkannt zu werden? «Das war mir völlig wurst», sagt Fröhlich. Als Bundesangestellter fühlte er sich vor Erpressung sicher. Viele hätten sich aus beruflichen Gründen gefürchtet, mitzumarschieren, «aber die Angst war oft unbegründet». Es sei viel mehr dringelegen, wenn man nicht gerade Priester gewesen sei, sagt Fröhlich.

Während des Demonstrationsumzugs erkannten er und seine Freunde am Strassenrand andere Schwule von Berner Gay-Treffpunkten wie der Kleinen Schanze oder dem Rosengarten. Sie hätten diesen zugerufen: «Lauf doch mit, du gehörst auch zu uns!» Einige seien gekommen, andere schnell weggegangen. Damals hätten die Demonstranten noch keine gleichberechtigte Heirat gefordert, «nur Anerkennung», freie Liebe im Sinne der 68er-Bewegung. Natürlich seien viele Teilnehmer auch wegen der «Fleischschau» gekommen: Manche Kundgebungsteilnehmer waren eher leicht bekleidet.

30-jährige «kreideweisse Männer»

Dann kam die Katastrophe Aids. 1982 wurden die ersten Fälle der noch wenig erforschten Immunschwächekrankheit bekannt. «Es war grauenvoll. Ich verlor ein gutes Dutzend Freunde, die ich sehr gern hatte.» 30-jährige Erkrankte wurden kreideweiss und sahen wie alte Männer aus. Da anfänglich vor allem homosexuelle Männer betroffen waren, bezeichneten die Medien die Krankheit als «Schwulenpest». Anfangs habe es so ausgesehen, als würde die Deutung der Erzkonservativen siegen: Aids als «Strafe Gottes». Die Bevölkerung behandelte die Betroffenen aus Angst vor Ansteckung wie Aussätzige. «Es war auch eine Katastrophe für die Schwulenbewegung.»

1986 fand in Zürich die vorerst letzte Nationale Schwulendemo statt. Viele Aktivisten waren an der Krankheit gestorben. Die Aids-Hilfe Schweiz und das Bundesamt für Gesundheit (BAG) verschickten im selben Jahr eine Aids-Broschüre an alle Haushalte. Die Bevölkerung sollte über die Gefahr informiert werden und darüber, wie sie sich schützen kann. Ausserdem wollten die Behörden Diskriminierung verhindern.

Menschen zweiter Klasse

Vor drei Jahren nahm Fröhlich letztmals an einer Manifestation von Homosexuellen teil. Er geht heute am Stock. «Meine Knie machen nicht mehr mit.» Seit über zehn Jahren lebt er in Münchenbuchsee. Seine Freunde bei der HAB fragen immer, was er «in der Pampa» mache. Ihm gefielen aber die Aussicht und die Nähe zu allem Lebensnotwendigen. Das Anliegen der diesjährigen Demonstration in Zürich trage er voll mit: «Die Ehe für alle ist längst fällig, die eingetragene Partnerschaft ist eine zweitklassige Ehe.» Das heutige Modell zementiere das Vorurteil, dass Schwule Menschen zweiter Klasse seien. Fröhlich fordert auch das Recht auf Adoption und eine Ausweitung der Antirassismusstrafnorm.

In vielen Ländern ausserhalb Europas bezeichnen Politiker die Homosexualität als «westliche Dekadenz». Könnte auch in der Schweiz das Pendel zurückschlagen? Fröhlich will dies nicht ausschliessen, denn Trumps Sieg habe auch niemand vorausgesehen. Oder dass dieser den Atomdeal mit Iran kündigen würde. «Wenn es einen Krieg gibt, haben wir noch ganz andere Probleme.» (Der Bund)

Erstellt: 12.06.2018, 06:23 Uhr

Emanzipation von Homosexuellen

Im Sommer 1969 wehrten sich Homosexuelle und Transmenschen in der New Yorker Christopher Street gegen die anhaltende Willkür bei Polizeirazzien in Bars mit trans- und homosexuellem Publikum. Die Folge waren tagelange Strassenschlachten.

Seither erinnert in New York jeden Sommer ein Christopher Street Day (CSD) an das Ereignis. Weltweit demonstrieren Homosexuelle jährlich an CSD-Paraden für die Rechte von Lesben und Schwulen. 1975 demonstrierten in der Schweiz am 1.-Mai-Umzug erstmals Homosexuelle mit einem Transparent. Der erste CSD in Europa fand im Juni 1978 in Zürich statt.

Nach der Übergabe einer Petition für die Aufhebung der Schwulenregister führten schwule Aktivisten auf dem Zürcher Platzspitz ein Sit-in durch. Ein Jahr später fand in Bern die erste «Nationale Schwulendemo» statt. Auch in Basel (1980), Lausanne (1981) und Zürich (1982) fanden nationale Kundgebungen statt. Als Mitte der 1980er-Jahre Aids aufkam, starben viele Initianten, weshalb 1986 in Zürich die vorerst letzte Nationale Schwulendemo stattfand.

Seit 1994 findet in Zürich jährlich ein CSD statt, der sich seit 2010 «Pride» nennt. Damit beschreibt die Lesben- und Schwulenbewegung einen selbstbewussten Umgang mit der eigenen sexuellen Identität. Auch in anderen Städten fand seit 1997 jährlich eine «Gay Pride» statt, so etwa in Sion oder Luzern – sowie in den Jahren 2000 und 2017 in Bern.

Dieses Jahr lautet das Motto der Zürcher Pride «Same Love – Same Rights» mit dem Ziel «Ehe für alle». Eine parlamentarische Initiative der Berner GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy fordert dies seit fünf Jahren. Die Rechtskommission des Nationalrats hat bis im Sommer 2019 Zeit, eine Vorlage zur Umsetzung auszuarbeiten.

Nächste Pride-Parade: Sa, 16. Juni, 13.30 Uhr, Zürich, Helvetiaplatz. Informationen: zurichpridefestival.ch

Artikel zum Thema

«Frauen tippten die Flugblätter, Männer formulierten sie»

Interview Brigitte Studer erklärt, was 1968 den Frauen alles brachte – und warum es #MeToo heute trotzdem braucht. Mehr...

Wir glaubten an die allumfassende Liebe

Das 68er-Lebensgefühl war blumig, luftig, leicht. Aber die Drogen machten unsere Träume von der grenzenlosen Freiheit kaputt. Ein Leserbeitrag von Ruth Isenschmid. Mehr...

«Ein Gefühl des Verlassenwerdens»

Interview Die Schwulenbefreiung war Teil der 68er-Bewegung. Ein Historiker zeichnet die Entwicklung nach. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Die Welt in Bildern

Nacktbaden: TeilnehmerInnen des Dark Mofo Sommersonnenwenden Nackschwimmens stürzen sich in den Fluss Derwent im australischen Hobart. (22.Juni 2018)
(Bild: Rob Blakers/EPA) Mehr...