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Drogenprävention hat auf dem Gurten keinen Platz

Gratis Sonnencrème, Ohrstöpsel gegen Tinnitus, Präservative gegen Aids: Wer nächste Woche auf den Gurten pilgert, ist gegen viele Risiken abgesichert. Doch dem Thema Drogen schenken die Veranstalter kaum Aufmerksamkeit.

«Sicher nicht das konsumfreudigste Publikum»: Gurtenfestival-Chef Philippe Cornu über den Drogenkonsum auf dem Gurten.
«Sicher nicht das konsumfreudigste Publikum»: Gurtenfestival-Chef Philippe Cornu über den Drogenkonsum auf dem Gurten.

Von einer «verpassten Chance» spricht der eine, von «nicht nötig» der andere. Die Uneinigkeit entzündet sich an der Frage, ob und wie während des viertägigen Festivals auf dem Gurten dem Konsum von Drogen entgegengewirkt werden soll.

Hannes Hergarten von der Organisation Rave it Save, welche Nachtschwärmer über Wirkungen und Nebenwirkungen von Drogen informiert, vermutet, dass viele Jugendliche «eben gerade an einem Festival wie dem Gurten ihre ersten Erfahrungen mit Drogen machen». Der Veranstalter Philippe Cornu hingegen betont, Drogen seien auf dem Gurten bisher kein grosses Thema gewesen, weshalb ein grösseres Engagement auch nicht nötig sei. Zudem habe das Betäubungsmitteldezernat in Stichproben festgestellt, der Gurten sei während des Festivals von Drogen wenig betroffen. Auf Nachfrage erklärt das Betäubungsmitteldezernat jedoch, es habe während des Festivals schon seit einiger Zeit keine Kontrollen mehr durchgeführt.

Eine Nachfrage bei der Sanität hingegen zeigt, dass Cornu recht hat: Die Hauptgründe, weshalb jemand ihre Dienste in Anspruch nehme, seien Knochenbrüche, Blasen oder Sonnenstiche, so Meret Lemann, Sanitätsverantwortliche während des Festivals. Auch der ­Alkoholkonsum oder Cannabis seien ein Problem. «Es ist jedoch selten, dass Leute wegen des Konsums anderer Drogen bei uns landen.» Nicht alle Personen, die Drogen konsumieren, werden durch die Sanität behandelt. Die Erfassung des Drogenkonsums während des Festivals ist also kaum möglich. Hergarten hält fest: «Wenn Tausende von Menschen auf einem Festival sind, müssen wir einfach davon ausgehen, dass Drogen im Umlauf sind. Drogen sind ein gesellschaftliches Phänomen und machen auch vor dem Gurten nicht halt.»

Zwei Anfragen unbeantwortet

Laut Hergarten besteht an anonymen Grossanlässen erfahrungsgemäss eine grössere Gefahr, dass stark gestreckte Drogen oder gar Falsifikate wie beispielsweise Medikamente verkauft werden. Gerne wäre die Berner Organisation, welche der Stiftung für Jugend-, ­Eltern- und Suchtarbeit Contact-Netz angehört, deshalb während des Festivals auf dem Hausberg vor Ort gewesen. Denn Rave it Save bietet Interessenten neben der Sensiblisierungs- und Beratungsarbeit auch ein mobiles Labor an, wo Drogenkonsumenten ihren Stoff auf «Reinheit und Inhaltsstoffe sowie gefährliche Beimischungen» testen lassen können.

Gemäss eigenen Angaben kontaktierte Rave it Save den Veranstalter in den letzten Jahren zwei Mal und fragte an, ob ein Team am Festival aktiv werden dürfe. Zwei Anfragen – zwei ausstehende Antworten. Auf die unbeantworteten Briefe angesprochen, weiss Cornu von nichts. Zudem fände er einen Info­stand von Rave it Save auch nicht sinnvoll: «Man muss potenzielle Konsumenten nicht noch aufs Thema Drogen aufmerksam machen.»

Hergarten zeigt sich enttäuscht. Erfahrungen würden zeigen, dass Angebote wie Rave it Save niemanden zum Konsum hinführen, bereits Konsumierende aber sensibilisieren. «Priorität hat das Aufzeigen der Risiken einer Drogen­einnahme, denn es gibt keinen Konsum ohne Risiko.»

Kaum konsumfreudiges Publikum

Die Organisatoren des Gurtenfestivals verweisen bei Fragen zur Prävention auf die Jugendkarte Young Swiss (Stiftung Schweizer Jugendkarte). Projektleiter Rolf Stihl bestätigt, dass Young Swiss im Rahmen des Engagements auf dem Gurten keine Drogenprävention betreibt. Die Organisation betreut hingegen diverse Kampagnen gegen Hautkrebs, Aids, übermässigen Alkoholkonsum und für den Gehörschutz, welche alle sehr umfangreich und aufwendig sind. Da die finanziellen Ressourcen nicht ausreichten, könne Young Swiss die Drogenprävention nicht auch noch abdecken. «Hierfür braucht es Experten auf dem Platz und ein ganz klares Konzept. Dies können wir im Moment nicht bieten.»

Das Engagement von Young Swiss zeigt: Das Festival leistet in Sachen Prävention also nicht Nichts. Um übermässigem Alkoholkonsum entgegenzuwirken, schenkt der Veranstalter zudem am Eingang gratis Fruchtsäfte aus; ein Armbändel soll den Verkauf von Spirituosen an unter 18-Jährige verhindern, fliessendes Trinkwasser in den Sanitäranlagen den Kater vom Folgetag.

Kein Platz für Drogen-Prävention

Und dennoch: Der angeheuerte Anbieter kann aus finanziellen Gründen nicht alles abdecken, eine freiwillige Organisation würde Hand bieten – und dennoch passiert nichts. Weshalb? «Wir haben im Märit-Bereich nur beschränkt Platz», argumentiert Veranstalter Philippe Cornu. Da das Durchschnittsalter der Gurtenbesucher bei 24 Jahren liegt und der Frauenanteil leicht höher ist, «kann man sicher nicht vom konsumfreudigsten Publikum sprechen, was Drogen angeht».

Hergarten zeigt ein gewisses Verständnis für diese Reaktion. Techno-­Festivals seien sicher eher ein Hort für Drogenkonsum. «Dennoch würden alle Parteien profitieren, wenn Rave it Save am Festival präsent wäre», sagt er. Da die Besucher an einem Festival viel Zeit hätten, wären die Voraussetzungen ideal, um die Leute zu erreichen. Laut Hergarten verpassen die Veranstalter des Festivals deshalb die Chance, «sich des Themas anzunehmen».

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