Drogen, eine Schere und ein Mann mit einem Loch im Kopf

Seit gestern steht in Bern der Mann vor Gericht, der vor einem Jahr einen Türsteher des Nachtclubs Dead End getötet haben soll. Er sagt, es sei ein Unfall gewesen.

Auf der Strasse vor dem Dead End ist die Tat geschehen.

Auf der Strasse vor dem Dead End ist die Tat geschehen. Bild: Stefan Anderegg (Archiv)

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Schwer verletzt brachten die Sanitäter den Mann am Morgen des 4. Dezembers 2016 ins Spital. Die Schere hatte seinen Schädel durchbohrt und war bis auf den Hirnstamm vorgedrungen. Dazu hatte er weitere Stichverletzungen am Kopf, im Gesicht, am Nacken und in der Brust. In einer Notoperation versuchten die Ärzte die Hirnblutung zu stoppen und die Folgen der Hirnschwellung zu lindern, doch es gelang ihnen nicht. Drei Tage nach der Tat stellten sie die lebenserhaltenden Maschinen ab. Seit gestern steht der Mann vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland, der an dem Sonntagmorgen auf der Strasse beim Henkerbrünnli in Bern mit einer Schere hantiert hat. Die Staatsanwältin wirft ihm vor, er habe das Opfer vorsätzlich umgebracht.

Beim Dead End abgewiesen

Unbestritten ist, dass der Beschuldigte zuvor den Nachtclub Dead End gleich nebenan hatte betreten wollen, er vom Türsteher aber abgewiesen wurde. Später ging der heute 34-jährige Somalier über die Strasse in Richtung Tiefenaustrasse davon. Das spätere Opfer – ebenfalls Türsteher im Dead End, in dieser Nacht aber nicht im Dienst – folgte ihm. Auf dem Fussgängerstreifen über die Neubrückstrasse kam es zum Handgemenge. Danach flüchtete der Beschuldigte, und das Opfer torkelte schwer verletzt zurück zum Dead End, wo es zusammenbrach.

Zum Prozessauftakt hat das Gericht gestern den Beschuldigten befragt und auch den Türsteher, der ihm den Zutritt zum Lokal verwehrt und danach das Handgemenge beobachtet hatte. Dieser sagte, er habe mit dem späteren Opfer vor dem Lokal eine Zigarette geraucht, als der Beschuldigte zu ihnen gekommen sei, um sie zu beschimpfen. Sie hätten sich das einige Zeit lang angehört, dann sei das spätere Opfer zum Beschuldigten gegangen, um ihm zu sagen, dass er verschwinden solle. Als der Somalier davongegangen sei, sei ihm das spätere Opfer noch einige Schritte gefolgt und habe ihm etwas nachgerufen. Darauf habe sich der Beschuldigte unvermittelt umgedreht, um mit einem Gegenstand auf den Mann einzustechen. Dies entspricht weitgehend dem Tatablauf, der in der Anklageschrift beschrieben ist.

Der Beschuldigte bestreitet, das Opfer absichtlich verletzt oder gar getötet zu haben. «Es war ein Unfall», beteuerte er. Nach seiner Darstellung hat ihn das Opfer von hinten gepackt und mit einem stumpfen Gegenstand geschlagen. Er sei fünf Sekunden bewusstlos gewesen. Als er zu sich gekommen sei, habe er gesehen, dass das Opfer aus dem Kopf blutet. Seine Erklärung dafür: Der Mann müsse auf die Schere gefallen sein. Alkohol, Cannabis, LSD, Kokain

Weshalb er die Schere dabei hatte und wozu er sie in die Hand genommen hat, konnte er dem Gerichtspräsidenten Daniel Gerber nicht erklären. Auch sonst blieben seine Ausführungen vage und widersprüchlich. So hielt der Richter ihm etwa vor, das gerichtsmedizinische Gutachten habe ergeben, dass eine Schere nur eine solche Verletzung verursachen könne, wenn man damit fest zuschlage. Darauf sagte der Beschuldigte, er sei sich zu hundert Prozent sicher, dass er niemals einem Menschen eine Schere in den Kopf stossen würde. Er sagte aber auch: «Ich bereue diese Tat.» Er wisse, dass das Opfer ein guter Mensch gewesen sei. Er, der Beschuldigte, habe in dieser Nacht Alkohol, Cannabis, LSD, Amphetamine und Kokain konsumiert. Zuvor habe er vier Nächte nicht geschlafen.

Richter erzählt «nur Scheissdreck»

Die Befragung gestaltete sich schwierig – weil der Beschuldigte nicht besonders genau auf die Fragen einging und auch, weil jede seiner Antworten aus dem Somalischen übersetzt werden musste. Mit Handbewegungen ähnlich jenen eines Polizisten, der den Verkehr regelt, versuchte Gerichtspräsident Gerber die Kontrolle zu behalten und der Protokollführerin genügend Zeit zum Mitschreiben zu verschaffen. Es gelang ihm nicht immer gleich gut, denn der Beschuldigte tendierte dazu, aufzubrausen und ins Grundsätzliche zu gehen. «Du erzählst nur Scheissdreck», rief er Gerber einmal zu. Ein andermal beklagte er, er werde diskriminiert und die Leute seien rassistisch. Und als er zum wiederholten Mal zu einer Antwort ansetzte, ohne sich die ganze Frage anzuhören, blaffte ihn sein Anwalt an: «Hören Sie zu!»

Die Verhandlung wird heute mit den Plädoyers fortgesetzt. Das Gericht wird sein Urteil voraussichtlich am Freitag verkünden. (Der Bund)

Erstellt: 14.11.2017, 20:29 Uhr

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