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Diese Wahlen machen Freude

Der Bruch im Rot-Grün-Mitte-Bündnis ist gut für die Stadt Bern. Er belebt nicht nur die politische Auseinandersetzung.

Der Erlacherhof: Am 27. November wird bestimmt, wer hier die nächsten vier Jahre regieren wird.
Der Erlacherhof: Am 27. November wird bestimmt, wer hier die nächsten vier Jahre regieren wird.
Valerie Chételat

Persönliche und parteipolitische Machtansprüche lösen in der Stadt Bern ein Erdbeben aus. Der Kampf um das Stadtpräsidium lässt das regierende Rot-Grün-Mitte-Bündnis (RGM) auseinanderbrechen – nach fast einem Vierteljahrhundert gemeinsamer Dominanz.

Die SP als stärkste Partei toleriert mit ihrer Forderung nach bloss einer grünen Kandidatur neben SP-Gemeinderätin Ursula Wyss faktisch keinen männlichen rot-grünen Bewerber für die Nachfolge von Stadtpräsident Alexander Tschäppät. Sie erteilt Alec von Graffenried, dem Anwärter der Grünen Freien Liste (GFL), definitiv eine Absage.

Selbst die grüne Gemeinderätin Franziska Teuscher ist einigen SP-Strategen als Konkurrentin für Wyss offenbar nicht genehm – Teuscher könnte Wyss wichtige Stimmen von links wegnehmen.

Von Graffenrieds GFL akzeptiert das Diktat der SP nicht, und bei den Grünen haben besonders Feministinnen wenig Lust, Teuscher zu opfern, nur damit die SP zu einer gemeinsamen Liste für die Gemeinderatswahlen bereit ist.

Kein Grund zur Wehmut

Bei linken Wählerinnen und Wählern mag jetzt Wehmut aufkommen. Wehmut darüber, dass mit dem Ende von RGM etwas verloren geht, was sie als gut für Bern empfunden haben: unerschütterliche Machtverhältnisse, rot-grüner Schulterschluss als politischer Normalzustand.

Doch es ist keine Tragödie, wenn die drei linken Parteien im November tatsächlich getrennt in die Wahlen steigen: Dass die SP ihre Gemeinderätin Ursula Wyss quasi automatisch – also ohne echten Wahlkampf – zur Stadtpräsidentin machen wollte, ist politisch unanständig. Die bürgerlichen Parteien haben im Ringen um den Erlacherhof keine Chance.

In dieser Situation gleich noch der Konkurrenz im eigenen Lager die Kandidatur zu verbieten, ist dreiste Kabinettspolitik. Wir wollen in der Hauptstadt der Schweiz keine Thronfolge-Tricks. Wyss, Teuscher und von Graffenried sollen in einem lebendigen Wahlkampf zeigen, was sie draufhaben – erst danach wird entschieden.

In der Stadt Bern lebt es sich in den meisten Quartieren gut: verkehrsberuhigte Strassen, flächendeckendes Tagesschulangebot. Eine linke Schuldenwirtschaft gibt es nicht. Doch so ordentlich der Leistungsausweis von Rot-Grün-Mitte sein mag: Es ist gesund, wenn der dominierende Machtblock nach so langem Bestehen erschüttert wird.

In der Stadt Bern wird in absehbarer Zeit keine bürgerliche Mehrheit regieren, neue Dynamik kann nur aus dem rot-grünen Lager kommen. Solange SP, Grüne und GFL durch ein Bündnis aneinandergekettet sind, stellen sie untereinander zu selten kritische Fragen. Getrennt sind sie gezwungen, sich gegenseitig auf Trab zu halten. So besteht die Chance, dass Trägheit und Dogmatik der machtverwöhnten Linken abnehmen.

Die Aussicht, dass Bern erstmals von einer Stadtpräsidentin geführt wird, darf nicht alle Diskussionen über Inhalte und persönliche Eignungen ersticken. Was das linke Onlineportal «Journal B» über den Kampf ums Stadtpräsidium schrieb, kann selbst Feministinnen nicht freuen: Es dürfe nicht um Personen, sondern nur um «Symbolik» gehen: «Es soll allen Mädchen und Frauen bewusst gemacht werden, dass dieser Job nicht für Männer reserviert ist.» Aber über die Qualität der Kandidierenden muss man doch noch reden dürfen.

Mehr innerlinker Wettbewerb belebt die politische Auseinandersetzung in der rot-grün dominierten Stadt. Weniger starre Blöcke, häufigere Allianzen mit wechselnden Partnern – auch mit bürgerlichen. Das sind gute Aussichten. Auf diese Wahlen darf man sich freuen.

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